Die besten Comics 2020 – Barbara Buchholz’ Favoriten

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren – hier eine erste Auswahl der Ergebnisse – unter allen Einsendenden werden wertvolle Buchpakete verlost.

Parallel dazu istwie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Julia Frese, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Barbara Buchholz.Foto: Privat

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt.

Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet – daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 17. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autorin Barbara Buchholz

Platz 5: Yoshiharu Tsuge – Der nutzlose Mann

Sinnsucher: Eine Seite aus der „Der nutzlose Mann“.Foto: Reprodukt

Poetisch, still, gelegentlich mit einer Spur von magischem Realismus versetzt und autobiografisch angehaucht sind die Geschichten in Yoshiharu Tsuges „Der nutzlose Mann“ (Reprodukt, 24 €). Die Titelfigur ist Mangazeichner, der seinem Beruf den Rücken kehrt und sich recht erfolglos anderen Tätigkeiten widmet: dem Verkauf von Steinen oder alten Kameras etwa. Die schwarzweißen Zeichnungen mit den fein ausgearbeiteten Hintergründen und den ausbalancierten Kontrasten passen gut zum innensichtigen Inhalt. So transportiert Tsuge die Sehnsucht seiner Hauptfigur nach Verflüchtigung, wenn sich Konturen in körnigen Dunst oder tuschegestrichelte Strukturen auflösen. „Sein, ohne zu sein“, so formuliert es eine Figur: sich der Gesellschaft entziehen. Mit diesem Band ist nach „Rote Blüten“ ein zweites Werk Tsuges auf Deutsch erschienen. Inhaltlich kommt es zugänglicher daher, grafisch nicht ganz so spektakulär wie viele Seiten aus „Rote Blüten“.

Platz 4: Büke Schwarz -Jein

Aus Jein wird Nein: Eine Szene aus Büke Schwarz’ Buch.Illustration: Büke Schwarz / Jaja

Kein Statement als Statement, Entscheidungsschwäche als Konzept: Jein. Diesen Titel wählen die Berliner Malerin Elâ Wolf und drei weitere Kunststipendiat:innen für ihre gemeinsame Ausstellung. Büke Schwarz erzählt in „Jein“ (Jaja Verlag, 24 €) vom Spannungsfeld zwischen Kunst, politischem Engagement und Identität. Elâs Eltern sind türkisch, sie hat einen deutschen Pass und den Nachnamen vom Stiefvater. In „Jein“ wird viel diskutiert und theoretisiert, und das so leichtfüßig zu erzählen, mit einer Prise Humor, wie Büke Schwarz es tut, ist eine Kunst. Das gelingt nicht zuletzt dank der grafischen Umsetzung, die nicht von Text erschlagen wird: wunderschöne Zeichnungen mit malerischem Strich, grau aquarelliert und effektvoll eingesetzte Hell-Dunkel-Kontraste.

Platz 3: Sarah Burrini – Das Leben ist kein Ponyhof 4. Das Internet schlägt zurück

Sarah Burrinis gezeichnetes Alter Ego auf dem Titelbild ihres vierten Sammelbandes.Foto: Kwimbi

Nach elf Jahren hat die Kölner Zeichnerin Sarah Burrini ihren Webcomic „Das Leben ist kein Ponyhof“ beendet. Zum Abschluss gibt es diesen schön gemachten Sammelband (Edition Kwimbi, 18 €) mit Strips aus den vergangenen fünf Jahren aus dem Alltag der Ponyhof-WG: Comiczeichnerin Sarah, Elefant Ngumbe, Pony Butterblume, Fliegenpilz El Pilzo und Nerddämon Kevin-Asmodias – dazu vollführt Nerd Girl ihre ersten Superheldinnentaten. Burrinis Comics bestechen durch das souveräne Art Work mit dynamischem Strich, entstanden am digitalen Zeichenbrett. Die Strips für diese Kollektion sind frisch koloriert von der Zeichnerin selbst und ihrer Kollegin Ines Korth. Es sind comic strips im Wortsinne, auf Pointe getrimmt, aber einige doch mit nachdenklichem Unterton. Dafür sorgt zum Beispiel Herr Piepenbrock, ein Vogel aus der Nachbarschaft, der sein rechtes Gedankengut gerne vor dem Balkon der Ponyhof-WG zum Besten gibt.

Platz 2: Guillaume Perreault – Der Weltraumpostbote

Der Weltraumpostbote auf dem Titelbild des gleichnamigen Buches.Foto: Rotopol

Guillaume Perreault schickt den verschrobenen Briefträger Bob in „Der Weltraumpostbote“ (Rotopol, 18 €) an selbst für Weltallverhältnisse außergewöhnliche Orte: Auf einem nicht sehr aufgeräumten Planeten fliegen Trümmer und Gerümpel umher und freut sich eine grüne alte Dame über die Lieferung einer weiteren Teekanne für ihre stolze Sammlung. Auf einem anderen züchtet ein freundlicher Riese im strömenden Regen gigantische Tomaten, die sich als matschig herausstellen. Auf wieder einem anderen öffnet ein gewisser Herr Kleine dem Briefträger die Tür, ein muffeliger, blond gelockter junger Mann in grünem Anzug, in dessen Garten ein kleiner Vulkan qualmt. Herr Kleine weigert sich, den Empfang seines Einschreibens zu quittieren, falls Bob ihm kein Schaf zeichne… Die Zeichnungen in klarer Linie und lichten Farben bieten schöne Details in Bobs wundersam anachronistischer Weltraumwelt: Kassetten purzeln im Cockpit neben einem Recorder herum, es gibt Klemmbretter und liebevoll gestaltete Briefmarken mit jeweils individuellen Strichgesichtern. Und am Ende steht die Erkenntnis: Sich abseits der gewohnten Pfade zu wagen, kann sehr bereichernd sein.

Platz 1: Jérémy Perrodeau – Dämmerung

Eine Seite aus “Dämmerung”.Foto: Edition Moderne

Jérémy Perrodeau hat mit „Dämmerung“ (Edition Moderne, 32 €) einen Science-Fiction-Comic mit ökologischem Bezug geschaffen, der vor allem grafisch sehr durchdacht wirkt und damit sehr beeindruckt. Perrodeau verlässt sich streckenweise komplett auf seine Bildsprache, und das funktioniert sehr gut. Neben kleinteiligen Kästchen gibt es Einzelpanels, die sowohl linear Szenen erzählen als auch zusammen ein Gesamtbild ergeben, oder Splashpanels, die die Weite der Landschaft oder des Universums zeigen. Hinzu kommt die Kolorierung der Geschichte, die wie ein Farbleitsystem funktioniert. Anhand dessen erschließen sich im Lauf der Lektüre auch die Erzählstruktur und damit die Zusammenhänge der Geschichte. Ein formal wie inhaltlich faszinierendes Stück Fiktion.