Die Ausputzer von Tschernobyl

Helden haben wieder Konjunktur. Als die Berliner sich während der ersten Coronawelle ans Fenster stellten, um für das Pflegepersonal zu klatschten, hörte man von denen, die in den Krankenhäusern arbeiten, statt Applaus wäre ihnen eine anständige Bezahlung lieber. Die gibt es skandalöserweise nicht. Auch wenn Jens Spahn jetzt über kleine Lohnanpassungen spricht. Doch an der schwachen Position der Pflegenden ändert das nur wenig.

Wir kreieren also wieder Helden. Wie im Krieg. Immer wenn es richtig schlimm wird, braucht es Menschen, die helfen, die nicht zuerst an sich denken, die sich in den Dienst einer größeren Sache stellen.

Im menschengemachten Inferno halfen nur Menschen

Aber sind Helden überhaupt noch zeitgemäß? Mit seiner neuen Ausstellung „Hagiographie Biorobotica“ untersucht der Berliner Fotograf Andreas Mühe den Mythos des Heldentums. Helden sind für ihn die Menschen, die nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in die verstrahlte Anlage hineingingen, um dort aufzuräumen, Schäden zu dokumentieren, Brände zu löschen. Das, was Maschinen eigentlich hätten tun sollen, aber nicht konnten, weil sie sofort kaputtgingen. Im menschengemachten Inferno half dann eben doch nur der Mensch.

Die sogenannten „Liquidatoren“ oder „Biorobots“, wie man die Helfer auf Englisch nannte, wurden damals aus der ganzen Sowjetunion herbeigeholt. Rund 600 000 Menschen sollen es insgesamt gewesen sein, manche taten nur wenige Sekunden ihren Dienst im verstrahlten Gelände, danach gab es ein bisschen Geld, eine Flasche Wodka – und den Tod für nicht wenige.

Auf den Orden, die die Sowjetunion den Lebenden gab, sind Alpha, Beta und Gamma abgebildet, sowie ein Blutstropfen. Helden sind Opfer.

[Alle wichtigen Updates des Tages zum Coronavirus finden Sie im kostenlosen Tagesspiegel-Newsletter “Fragen des Tages”. Dazu die wichtigsten Nachrichten, Leseempfehlungen und Debatten. Zur Anmeldung geht es hier.]

Wenn sie vom Staat dazu gemacht werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie ausgenutzt, übervorteilt und instrumentalisiert worden sind. Die kirchlichen Helden haben es nicht besser. In der römisch-katholischen Kirche wird von einem Heiligen entweder der Tod oder zumindest ein Wunder gefordert. Die einzigen, die niemals sterben, sind die Superhelden in den Hollywood-Filmen. Der Held funktioniert nur als Bild oder als Erzählung.

In dieser Gemengelage bewegt sich Andreas Mühe in seinem neuen Projekt. Er zeigt seine Ausstellung in der evangelischen St. Matthäus-Kirche am Kulturforum, ein Gotteshaus das regelmäßig Ausstellungen veranstaltet und in dem die Fragen aus der Bibel auch per Kunst verhandelt werden.

Andreas Mühe hat in seiner fotografischen Laufbahn immer wieder deutsche Narrative und Mythen analysiert – und zertrümmert. Angela Merkel, Helmut Kohl, Honecker, das Jagen und den deutschen Wald, all das hat er in düsteren, theaterhaften Bilderserien thematisiert, Orte und Protagonisten als Hüllen und Kulissen fotografiert. Den Obersalzberg als Mischung aus Idylle und Ort des Grauens. Angela Merkel als Silhouette im Auto. Nun zeigt Mühe die Biorobots von Tschernobyl als leblose Pappkameraden im sakralen Raum.

So forsch haben die echten Liquidatoren wohl kaum ausgesehen. “Biorobot III”.Foto: Andreas Mühe/VG Bild-Kunst Bonn 2020

Zwischen den Bankreihen und in den Seitenschiffen sind neun große Leuchtkästen aufgestellt. Dort sind Mühes Fotografien eingelassen. Sie zeigen Ganzkörperporträts von Figuren, die dick in Schutzkleidung eingepackt sind, die in tatkräftiger Haltung dastehen, mit Ausrüstungsgegenständen ausgestattet. Einige haben Geigerzähler in der Hand. Ihre Gesichter sind nicht erkennbar. Entweder hängt eine dicke Gasmaske davor, oder eine zugezogene Kapuze verhindert den Blick, bei manchen ist das Gesicht schlichtweg schwarz.

Die Kostüme sind mit vielen Details versehen, jede Falte in den Plastikanzügen gut sichtbar, gleichzeitig wirken die Klamotten steif wie in einer Museumsvitrine. Arzt, Feuerwehrmann, Beamter, Schaufler, Journalist. Man glaubt bestimmte Berufsgruppen auszumachen. Natürlich ist es fraglich, ob in diesen Klamotten überhaupt echte Menschen stecken.

[St. Matthäus-Kirche am Kulturforum, Erster Akt bis 20.11., Di-So 11-18 Uhr]

Der Künstler hat seine Tschernobyl- Helden als brüchige Fiktionen inszeniert. Zwar sind die Kostüme originalgetreu – Mühes Kostümbildnerin hat sich im Tschernobyl-Museum in Kiew informiert –, aber die Anzüge sind viel zu sauber, die Haltung der Personen viel zu forsch. So könnten die echten „Liquidatoren“ theoretisch nur in den ersten Sekunden ihres Einsatzes ausgesehen haben. Und die, die noch leben, würden die Pose wahrscheinlich nicht mal mehr fürs Fotoshooting hinkriegen; mit ihren kranken Körpern.

Als Besucher tritt man diesen Porträts in einer merkwürdigen Haltung gegenüber. Die auf dem Boden liegenden Leuchtkästen sollen an Grabstätten in mittelalterlichen Kirchen erinnern. Aber Mühes fotografierte Personen liegen ja nicht, sie stehen. Deshalb guckt man in einem komischen Winkel auf sie hinab.

Einzelne Helden gibt es nicht

Welches Verhältnis haben wir zu Helden? Ist es schlechtes Gewissen, Ehrfurcht, Neugier, Mitleid oder Faszination? Oder dienen sie nur noch dazu unsere Affekte zu bedienen? Nichts davon ist richtig gut. Anstelle des singulären starken Mannes steht die Gemeinschaft, die im Zusammenhalt ihre Stärke findet, heißt es im Begleitblatt zur Ausstellung. Künstler und Kirche sind sich da einig: Den einzelnen Helden gibt es nicht.

In der Pandemie ist die Kirche ein guter Ausstellungsort. Sie ist offen, sie ist zugänglich, der Eintritt ist frei, es gibt genug frische Luft und überfüllt ist sie nicht mal zur Andacht. Andreas Mühes Ausstellung kann lange bleiben, und sie gliedert sich in drei Akte. Der Künstler hat hier so etwas wie eine schrittweise Ausfegung choreografiert, die bis Februar dauert. Die Porträts, die jetzt in Leuchtkästen liegen, kommen im nächsten Akt an die Kirchenwände wie echte Heiligenbilder.

Außerdem werden weitere Motive aus der Biorobot-Serie ausgestellt. Die Spur des Blutes und des Leids hat Mühe mit rotem Samtstoff symbolisiert, den die Figuren zum Beispiel durch ihre Handschuhhände ziehen. Direkt über dem Altar hängt bereits eines dieser Symbolbilder: ein mit rotem Samt verhüllter Altar, allerdings leer, ohne Held und ohne Opfer. Vielleicht sieht so die Zukunft aus.