Die ausgebremste Generation

Sie wollen da raus. Raus in Rampenlicht. Um sich zu präsentieren, um zu zeigen, was sie können. Sie wollen singen. Noch nie in der 54-jährigen Geschichte des Bundeswettbewerbs Gesang gab es so viele Anmeldungen wie in diesem Jahr. 306 junge Menschen im Alter von 17 bis 30 Jahren haben sich angemeldet, ein Drittel von ihnen konnte sich in der Vorauswahl durchsetzen und wird nun ab Montag in Berlin vor die Fachjury treten. Gesucht werden die besten Nachwuchskünstlerinnen und -künstler im den Sparten Oper, Oratorium und Lied.

Den 27-jährigen Bass Frederic Jost hat die Rekordteilnehmerzahl nicht überrascht: „Wegen Corona gibt es in den Theatern selber gerade sehr wenige Vorsingen“, sagt er im Videointerview. „Der Wettbewerb ist für junge Interpreten darum die einzige Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen.“ Bislang verlief sein Karriereweg absolut reibungslos, geradezu bilderbuchhaft. Doch dann bremste die Pandemie auch ihn aus. Darum hat sich Jost jetzt entschlossen, zum ersten Mal an einem Wettbewerb teilzunehmen.

Der gebürtige Münchner singt, seit er sechs ist. Damals kamen Talentscouts des Tölzer Knabenchors in seine Schule und entdeckten das vokale Potenzial des Erstklässlers. Die Eltern hatten nichts dagegen, der kleine Frederic fühlte sich sofort wohl in der singenden Gemeinschaft, durfte bald auch solistische Aufgaben übernehmen.

„Das Musikmachen hat mir Spaß gemacht“, berichtet er. „Vor allem aber hat mich auch das Reisen total begeistert. Statt in der Schule zu sitzen, waren wir ständig mit dem Chor unterwegs. Das fanden wir Kinder genial.“

Die Karriere lief so gut – dann kam die Pandemie

Nach dem Stimmbruch und einem Auslandsschuljahr in den USA kann er im Männerchor weitermachen. Er absolviert das Abitur, besteht die Aufnahmeprüfung an der renommierten Münchner Musikhochschule und bewirbt sich mit dem Abschluss in der Tasche dann beim Opernstudio der Berliner Staatsoper, wo er 2019 angenommen wird.

„An einem großen Haus hat man als junger Sänger den Vorteil, mit so genialen Sängerinnen und Sängern zusammenarbeiten zu dürfen“, schwärmt er. „Ich stehe gemeinsam mit ihnen auf der Bühne, kann ihnen zusehen, wie sie arbeiten. Das ist extrem inspirierend.“

Auch wenn er selber dabei zunächst nur kleine und kleinste Rollen singen darf. Nein, durfte: Der Lockdown hat Jost die Möglichkeit genommen, Unter den Linden weiter Praxiserfahrungen zu sammeln. „Ich habe mich immer auf der Bühne wohlgefühlt“, sagt er. „Darum ist diese Zeit für mich so schwierig. Wir können zwar proben, aber wir kommen nicht zu dem, was für uns der Sinn des Lebens ist: vor Publikum aufzutreten.“

Die Casting-Direktoren können im Stream dabei sein

Immerhin plagen ihn, anders als seine freiberuflichen Kolleginnen und Kollegen, derzeit noch keinen finanziellen Sorgen. „Ich habe ein festes Grundeinkommen als Mitglied des Opernstudios, dafür bin ich sehr dankbar.“ Doch das Trainee-Programm an der Staatsoper läuft nur noch bis zum kommenden Sommer. Darum müsste er jetzt eigentlich längst durch die Lande reisen, um sich bei anderen Häusern vorzustellen, das nächste Engagement zu ergattern.

Immerhin kann er nun darauf hoffen, dass ihn beim Bundeswettbewerb Gesang einige Casting-Direktoren sehen werden. Denn die gesamte Finalrunde vom 30. November bis zum 4. Dezember wird gestreamt auf der Website www.bwgesag.de, live aus dem Foyer der Deutschen Oper. Ein Innovationsschub, den Corona dem bislang ganz analogen Wettbewerb beschert hat. Dafür aber muss diesmal das Publikum außen vor bleiben. Normalerweise waren immer schon die Finalrunden öffentlich zugänglich, beim Abschlusskonzert konnten die Preisträgerinnen und Preisträger vor einem vollen Saal auftreten (nun ebenfalls als Livestream am 7.12. ab 19 Uhr).

Stücke in mindestens drei Sprachen müssen die Teilnehmer anbieten

Das alles verhindern 2020 die nötigen Hygiene- und Abstandskonzepte. Aber nur so konnte Bettina Holl, die Geschäftsführerin des Bundeswettbewerbs, überhaupt die Durchführung des wichtigsten nationalen Gesangswettstreits ermöglichen. Jost spürt trotzdem Vorfreude – und Ehrgeiz. „Natürlich habe ich Ambitionen, mindestens bis in die letzte Runde zu kommen“, sagt er. „Ich will ja so viele Stücke vor der Jury singen wie möglich.“

Wie man so eine Stress-Situation meistert, hat er schon im Studium gelernt. Die Zeit ist knapp bemessen, man muss auf Knopfdruck seine Bestleistung abrufen können. Für die erste Runde beim Bundeswettbewerb wählt die Jury zwei Stücke aus der Repertoireliste aus, die Frederic Jost zuvor eingereicht hatte. Die muss 30 Minuten umfassen und Werke in mindestens drei verschiedenen Sprachen aus den Bereichen Lied, Oratorium und Oper enthalten.

Frederic Jost ist bereit. Denn er will da jetzt endlich wieder raus. Raus in Rampenlicht. Um sich zu präsentieren, um zu zeigen, was er kann. Er will singen.