Die Armut zwischen Synagoge und Handwerksbetrieb

Der jiddische Schriftsteller Chaim Grade ist hierzulande so gut wie unbekannt. Das liegt daran, dass er nie ins Deutsche übersetzt wurde; aber auch daran, dass die jiddische Literatur es generell schwer hat in Deutschland – abgesehen von Ausnahmen wie dem Nobelpreisträger Isaac B. Singer und Scholem Alejchems großem, wegweisenden Klassiker „Tewje, der Milchmann“, der Vorlage für Jerry Bocks Musical „Anatevka“. Die Gründe sind vielfältig.

Insbesondere der Zivilisationsbruch, den der Holocaust darstellt, brachte eine kulturelle Zäsur mit sich, die bis heute andauert. Sie betrifft nicht allein die jiddische Literatur, sondern auch zahlreiche jüdische Schriftsteller, die in ihrer deutschen Muttersprache schrieben. Zum Beispiel den großen Georg Hermann, den „jüdischen Fontane“, der zu den erfolgreichsten Autoren der Weimarer Republik zählte (und dessen Geburtstag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt).

Hermann starb 1943 in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Auch dem osteuropäischen Schtetl, Hauptschauplatz der jiddischen Literatur, und seiner vielfältigen Kultur, setzte die Shoah ein jähes Ende; lebendige Überbleibsel davon finden sich heute allenfalls in New York oder im Jerusalemer Viertel Mea Shearim.

Bemühungen um die jiddische Literatur gibt es indes dankenswerterweise immer wieder. Zuletzt bemühte sich selbst ein Martin Walser um das Erbe Mendele Moicher Sforims, eines der drei jiddischen Klassiker neben Scholem Alejchem und Jizchok Leib Perez.

In der Anderen Bibliothek erscheinen jetzt unter dem Titel „Von Frauen und Rabbinern“ zwei längere und von Susanne Klingenstein übersetzte Erzählungen aus dem Spätwerk von Chaim Grade, der als Nachfolger des genannten Klassiker-Triumvirats gilt und sogar als „vierter Klassiker“ (Yechiel Szeintuch) gehandelt wird.

Glaube und Tradition

Grade wurde 1910 in Wilna, dem „Jerusalem des Nordens“, geboren. Er überlebte den Holocaust in Russland und wanderte über Paris nach New York aus, wo er 1982 starb. Elie Wiesel („Die Nacht“) nannte ihn „einen der größten jiddischen Romanciers, vielleicht sogar den größten“.

Nicht ohne Grund: Es war Grade, der sich bereits zwanzigjährig für eine Annäherung säkularer jiddischer Literatur und internationalen Neuerungen moderner Literatur einsetzte. Auch seine Erzählungen „Die Rebbezin“ und „Lejbe-Lejsers Hof“ zeugen davon und eröffnen in einem atmosphärisch verdichteten Panorama Einblicke in das Milieu der untergegangenen Welt des Schtetl.

[Chaim Grade: Von Frauen und Rabbinern. Zwei Erzählungen. Aus dem Jiddischen von Susanne Klingenstein. Andere Bibliothek, Berlin 2020. 360 Seiten, 44 €.]

Die Dramen hier bewegen sich zwischen Glaube, Tradition und einem mitunter sehr ärmlichen Alltag, zwischen Synagoge und Handwerksbetrieb. Man begegnet Frommen und Freidenkern, Orthodoxen und, zumal in Lejbe-Lejsers Hof, weltlichen Zionisten.

Eine herausragende Figur ist die ehrgeizige, ja, verbissene Rebbezin Perele, die keine Intrige scheut, um aus ihrem Mann einen angesehenen Rabbiner zu machen; ihre Ambitionen gründen dabei aber weniger auf ihrem Glauben als auf einem Geheimnis, das erst nach und nach zutage tritt.

Chaim Grade schrieb auch Lyrik, Erinnerungsbücher und mehrere Romane, die allesamt auf eine Übersetzung warten. Tatsächlich macht die intensive, sinnliche Lektüre dieser Erzählungen Lust auf mehr.