DFB-Elf erlebt historisches Debakel in Sevilla

Und dann kam er doch noch, der erste Torschuss des deutschen Teams. Und was für einer: Serge Gnabry überbrückte zügig das Mittelfeld und knallte den Ball aus großer Distanz an die Latte des spanischen Tores. Eine tolle Aktion. Allerdings hatte die Sache gleich mehrere Haken: Zum einen lief im abschließenden Gruppenspiel der Nations League in Sevilla bereits die 77. Minute, zum anderen lagen die Deutschen zu diesem Zeitpunkt 0:5 zurück.

Am Ende hieß es sogar 0:6 (0:5). Die DFB-Elf war vorgeführt worden und hatte ein Debakel historischen Ausmaßes erlebt. Mit sechs Toren Unterschied hatte Deutschland zuletzt im Mai 1931 in Berlin verloren, damals 0:6 gegen Österreich.

Für die deutsche Mannschaft war es das achte Länderspiel seit Anfang September – gleichzeitig das letzte in diesem Jahr. Und eines, das sehr lange nachwirken wird. Nicht nur, weil nun eine lange Pause bis März 2021 ansteht.

„Die bitterste Niederlage war es nicht, aber eine der klarsten“, sagte Toni Kroos nach seinem 101. Länderspiel in der ARD. Sie habe „weh“ getan: „Wir haben überhaupt keinen Zugriff bekommen. Spanien hat uns alles vorgemacht, mit Ball und ohne Ball. Das Spiel muss man Richtung Turnier natürlich analysieren. Es ist einiges zu tun.“

Im Team von Trainer Joachim Löw gab es in der Startelf lediglich eine Veränderung im Vergleich zum Spiel gegen die Ukraine am vergangenen Samstag. Der zuletzt wegen einer Gelbsperre pausierende Kroos war wieder dabei, dafür fehlte Antonio Rüdiger gelbgesperrt.

Die Deutschen fanden sich sofort in der Defensive wieder und hatten zunächst noch Glück. Ilkay Gündogan traf Dani Olmo im Strafraum am Fuß, aber Schiedsrichter Andreas Ekberg hatte das Foul außerhalb gesehen und gab nur Freistoß. Den Schuss von Sergio Ramos hielt Manuel Neuer, der sein 96. Länderspiel absolvierte und jetzt alleiniger Rekordhalter bei den deutschen Torhütern ist.

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Deutschland war auch im weiteren Verlauf permanent hinten eingebunden. Nach einer Ecke von Fabian, der früh für den verletzten Sergio Canales eingewechselt worden war, wollte Gnabry den Ball wegköpfen. Doch er verpasste ihn und Alvaro Morata erzielte die Führung für Spanien. Es war beeindruckend, was die Gastgeber anboten, während das deutsche Team dem Geschehen nur hinterherlief.

Deutsche Abwehr praktisch nicht vorhanden

Nach einer halben Stunde verhinderte Neuer zunächst noch mit einer starken Parade gegen Ferran Torres das nächste Gegentor, doch wenige Minuten später war eben jener Spieler dann erfolgreich. Er drosch den Ball ins Netz, nachdem Olmo zuvor die Latte getroffen hatte. Die deutsche Abwehr war wie in so vielen Szenen praktisch nicht vorhanden.

Die Spanier machten einfach weiter. Hatten sie zuvor meist über rechts angegriffen, taten sie es nun ebenfalls erfolgreich über links. Das brachte eine Ecke ein, die Fabian hereinbrachte und Rodrigo mit dem Kopf verwertete.
0:3 zur Pause nach einer desaströsen Darbietung, so hoch hatte Deutschland in der Ära Löw zu diesem Zeitpunkt noch nie zurückgelegen. Die Tatsache, dass Deutschland ein Unentschieden für den Gruppensieg reichen würde, war da bereits vernachlässigenswert. Wegen der drei Gegentore und aus einem anderen Grund: Die Offensive war nicht schwach, sie existierte einfach nicht.

Noch blieben 45 Minuten, um das bislang so trübe Geschehen etwas freundlicher zu gestalten. Stattdessen verlor Robin Koch den Ball im Mittelfeld und Spanien hatte die nächste Riesenchance. Aber Neuer – zumindest er zeigte mit abstrichen eine recht ordentliche Leistung – hielt den Schuss. Doch der Rest der Mannschaft schien von allen guten Geistern verlassen. Kein Einsatz, keine Körpersprache, dafür schwere Fehler ohne Ende.

Spanien wird eingeladen

Die Spanier, die in der jüngeren Vergangenheit nicht unbedingt durch überragende Leistungen aufgefallen waren und in den letzten fünf Spielen nie mehr als ein Tor zustande brachten, wurden zu ihren Großchancen quasi eingeladen.

Sie ließen sich bald darauf erneut nicht lange bitten: Spanische Überzahl im Angriff, Gaya legte vor dem Tor auf dem gänzlich freistehenden Ferran Torres ablegte – und schon stand es aus deutscher Sicht 0:4. Da waren in Sevilla erst 55 Minuten gespielt.

Es war also noch lange nicht vorbei, was in diesem Fall für die deutsche Mannschaft wie eine Drohung klingen musste. Und es kam wirklich noch schlimmer.

Nach dem Spielverlauf wenig überraschend hatte Spanien einmal mehr unfassbar viel Platz im Mittelfeld. Der Ball landete bei Ferran Torres, der das fünfte Tor des Abends erzielte. Kurz danach hatte Gnabry seinen Alleingang mitsamt Lattenschuss. Es blieb die einzige gute Szene des DFB-Teams an diesem unglaublichen Abend in Sevilla. Für dessen Abschluss Mikel Oyarzabal mit seinem Tor sorgte. Kurz danach hatte es Löws Team überstanden. (Tsp)