Deutschland hat den Superstar

Mehr Ehre geht nicht für einen Eishockeyprofi: Der Kölner Leon Draisaitl wird zum wertvollsten Spieler der NHL gekürt – auch von den Kollegen. Eine Würdigung




Kölsche Jung in Kanada. Leon Draisaitl spielt in der NHl für die Edmonton OIlers.Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Vor Kurzem hat Leon Draisaitl eine kleine Anektdote aus seiner Jugend in der kölschen Heimat erzählt. Nach der Schule habe er sich oft mit seinem Kumpel Frederik zum Inlineskaten getroffen. Da habe es so einen Platz gegeben, auf dem die beiden Eishockeynachwuchsspieler gegen andere Teenager Hockey gespielt hätten. Immer so zwei gegen zehn sei das Verhältnis gewesen, immer hätten die Gegner neun Tore vor bekommen und immer gewannen Draisaitl und Freund 10:9.

Womöglich nehmen die Kölner Kids von damals das heute sportlicher als seinerzeit. Wer kann schon von sich sagen, einst gegen den heute besten Eishockeyspieler der Welt im Inlinehockey gebolzt zu haben: Der Beste ist Draisaitl, nun auch amtlich beglaubigt. Die National Hockey-League (NHL) kürte ihren Topscorer der Hauptrunde zum wertvollsten Spieler der Saison und die Profikollegen aus der sportlich gesehen besten Eishockeyliga wählten den Kölner zum besten Spieler.

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Leon Draisaitl hat auf dem Eis alles, was ihn mit nur 24 Jahren so außergewöhnlich und so unbeschwert wirkend auftreten lässt. Draisaitl zaudert nie, zaubert dafür immer. Er liest das Spiel wie kein anderer, er antizipiert schneller als seine Mitspieler, spielt Präzisionsvorlagen und trifft fast mit unfassbarer Zuverlässigkeit ins Tor. Dazu ist er körperlich robust. Wer bei ihm das Defizit in der Defensivarbeit sucht, dem oder der sei gesagt, dass er das eigene Tor immer noch tausendmal besser kennt als ein Jaromir Jagr, ein einstiger Superstar der NHL.
Die Leistung im Sport ist eine Geschichte, das Auftreten neben den Spielen ist für die allgemeine Anerkennung eines großen Sportlers genauso wichtig. Beim immer noch sehr jungen Draisaitl glauben da viele, noch Luft zu erkennen. Aber das ist ungerecht. Sicher, Draisaitl Zitate zu entlocken, die sich nicht mit Eishockey oder Köln beschäftigen, das ist schwer. Aber er wirkt bodenständig sympathisch und smart. Und sicher wird er da an Profil noch gewinnen, das hat sein Vater Peter, einst auch Nationalspieler, ja auch geschafft.

Feste Größe. Draisaitl im Trikot der Nationalmannschaft.Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Der persönliche Erfolg von Draisaitl fällt in eine unglückliche Zeit für den Sport und seinen Sport im Speziellen. In der NHL wird wohl erst im Januar wieder eine neue Saison gespielt. Daher hat Uwe Krupp, ein anderer Kölner, der schon in der NHL ein Großer war, den Leon schon angerufen und gefragt, ober der nicht bis zum NHL-Wiederbeginn für seinen Heimatklub Kölner Haie spielen wolle.

Aber das ist angesichts der diffusen Situation, in der sich das Eishockey in Deutschland befindet, unrealistisch. Es wird wohl noch ein Jahrzehnt dauern, bis Leon Draisaitl wieder in der Heimat spielt, dazu ist er in der NHL zu groß. Zudem verdient er dort das, was nach den Ehrungen nun erst recht verdient hat.
Mehr Ehre geht nicht für einen Profi in der NHL, mehr Erfolg schon: Denn Leon Draisaitl ist mit den Edmonton Oilers dieses Mal in den Coronablase-Play-offs nicht über die Qualifikationsrunde hinausgekommen. Er wird wohl den Klub wechseln müssen, um mal um den Stanley Cup, den Titel in der NHL, spielen zu können.

Bundestrainer Söderholm hofft auf Draisaitl hinsichtlich Olympia 2022

Wahrscheinlich liegt da ein Erfolg mit der Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen 2022 in Peking schon näher. Bundestrainer Toni Söderholm baut dabei auf seinen besten Spieler. Wenn ein Spieler so etwas Außergewöhnliches leiste, dann wüssten auch andere, dass solch eine Leistung für einen deutschen Spieler möglich sei, sagt Söderholm. Es werde für seine Mannschaft in Richtung Olympia ein wichtiger Punkt bei der Frage, mit wie viel Selbstvertrauen sie in dieses Turnier gehe.
Es müssen ja nicht in jedem Spiel zehn Tore in Folge sein, wie damals in Köln auf Inlineskates mit Frederik Tiffels, heute auch Eishockeynationalspieler und – laut Aussage von Draisaitl – besserer Golfer als er. Alles kann der Leon, der im Eishockey alles kann, ja auch nicht können.