Deutscher Buchpreis geht an Anne Weber

Als Anne Weber an diesem frühen Montagabend für ihr Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wird und sie sichtlich gerührt ihre Siegerinnenurkunde entgegennimmt, erklingt ein doch kräftiger Applaus in dem Raum des Frankfurter Römers, in dem die Verleihung stattfindet.
Business as usual, mag man meinen, weil eben doch gut fünfzig, sechzig Leute live mit dabei sind: die vier Autorinnen und zwei Autoren der Shortlist, die Jury, das technische Personal, die jeweiligen Verleger oder Lektorinnen, die Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs, Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig und nicht zuletzt Moderatorin Cécile Schortmann, deren Kleid so schön rot leuchtet.

Man muss aber auch sagen: Diese Veranstaltung, mit der die Messe in der Regel beginnt, ist die einzige, die überhaupt noch an die Frankfurter Buchmesse der Vor-Corona-Zeit erinnert, sie ist das, was übrig geblieben ist.

Webers Heldin ist eine Résistance-Kämpferin

Denn selbst die ARD-Bühne, die fünf Tage lang eine Art Buchmesse-Mini-Surrogat mit Publikum in der Festhalle auf dem Messegelände sein sollte, muss nun ohne dieses Publikum auskommen: Wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen beschlossen die Messe und der Hessische Rundfunk am Montagmittag, das Festhallenprogramm nur mit den beteiligten Moderatoren und Autoren durchzuführen.

Und auch die Eröffnungsfeier am Dienstagabend, zu der 250 Gäste hätten kommen sollen, wird ohne diese stattfinden, genau wie der Friedenspreis, der am kommenden Sonntag, wie stets am Ende der Messe, in der Paulskirche an den Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen verliehen wird.
Anne Weber wird das nicht so viel ausmachen, vielleicht ist sie sogar ganz froh, nun nicht tagelang über die Messe getrieben zu werden.

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Ihr Buch über die 1923 in einem bretonischen Dorf geborene Résistance-Kämpferin und spätere Ärztin Anne Beaumanoir dürfte auch ohne den üblichen Frankfurter Auftrieb zu einem viel gekauften und gelesenen werden, so gut ist es: formal, da in nicht betont rhythmisierten Versen geschrieben, die den Lesefluss nie aufhalten, stilistisch, weil Weber einen schönen, ungezwungenen Ton hat und präzise erzählt. Und vom Stoff her sowieso: Beaumanoir setzt sich nach dem Krieg irgendwann für die Unabhängigkeit Algeriens ein, wird zu zehn Jahren Haft verurteilt und sitzt auch in der ersten unabhängigen Regierung Algeriens.

Beaumanoirs Leben musste einfach ein zweites Mal erzählt werden, nachdem die inzwischen 97-jährige vor zwanzig Jahren schon einmal ihre Erinnerungen geschrieben hat (die es zweibändig auch auf Deutsch in dem Hamburger Verlag Contra Bass gibt).

Anne Weber macht das klug, dezent, manchmal gar heiter ohne ein allzu hohes Lied auf ihre Heldin zu singen. Ihr geht es auch um die Zufälle in so einem Leben, um die willkürlichen Motivationen und Schwärmereien, um den Drang Beaumanoirs, sich aufzuopfern und zu sterben, um ihre Zweifel, um ihre Gefühle, „Niemand“ und wie gut das tun kann. Die Wahrheit ihrer Heldin, gesteht Weber einmal, kenne sie nicht wirklich. Was sie aber sicher zu wissen meint: Dass diese Wahrheit “einige Widersprüche und mindestens zwei Fassungen umschließt.“
Nichts hätte gegen die Romane von Berg, Hettche, Wunnicke, Ohde oder auch Elmiger gesprochen. Überhaupt war die Shortlist 2020 so gut und dicht und ausgeglichen wie lange nicht – Webers „Heldinnenepos“ als Gewinnertitel repräsentiert diese Liste aufs Beste und ist wirklich eines der besten deutschsprachigen Bücher dieses Jahres.