Der Wein, die Bühne und das Meer

Was nicht alles anlandet an den papierenen Küsten des Arbeitszimmers! Ein herzförmiger Stein, ein steinernes Herz, gefunden an einem nordgriechischen Strand auf der Grenze zur Mönchsrepublik Athos, wo seit tausend Jahren nur Männer leben und Frauen der Zutritt verboten ist. Oder ein Tannenzapfen, aufgehoben im Garten des Archäologischen Museums Istanbul, wohin man aus unterschiedlichen Risikogründen nicht mehr reisen kann und reisen will, solange es keine Impfung gegen Despoten gibt.

Die Entscheidung für nur ein Objekt des Erinnerns fällt schwer. Ich liebe sie alle, die Muscheln, die Gläser, die Schachteln und Bilder, die Bücher, aus Städten und Ländern mitgebracht, die jetzt in weite Ferne gerückt sind. Pandemie und politische Verhältnisse bauen immer neue Barrieren auf.

Jedenfalls sind so viele Selbstverständlichkeiten und Privilegien dahin. Man orientiert sich neu in den eigenen vier Wänden und Ecken, ergibt sich südlichen Träumereien. Der Blick fällt auf eine Maske an der Wand, geschnitztes und bemaltes Holz. Ein Bacchus aus Taormina, dort schmeckt besonders gut der Wein vom Ätna, und da ist sein Gott. Weit aufgerissen die Augen, noch weiter aufgerissen der Mund, gerötete Wangen. Wo andere Wesen Haare und Locken haben, hat er Reben.

Der sizilianische Bacco stammt aus einem Antiquitätenladen oberhalb der Stadt mit dem Teatro Greco, für das eben der Vulkan das Bühnenbild abgibt. Dort saßen wir stundenlang, mit Theater im Kopf, das ja seinen Ursprung in den Feierlichkeiten für den Weingott hat. So steht es in den Büchern über die Entstehung der dramatischen Kunst.

Am Anfang gab es demnach wilde Besäufnisse und orgiastische Umzüge, die Bacchanalien, rauschende, berauschte Zeremonien, bis eines Tages das Theater sich daraus zu der zivilisierten Form entwickelt haben soll, die wir heute noch kennen. Doch wann genau und warum sich Zuschauer und Spieler trennten, Dramatiker wie Aischylos Karriere machten (er starb 456 v. Chr. in Sizilien) und das Ganze zu einer mehr oder weniger braven Veranstaltung wurde, weiß keiner. Auch mein kleiner Bacchus nicht.

Das Theater in Taormina liegt hoch über der See

In einer Erzählung von Leonardo Sciascia unterhalten sich die Reisenden im Zug von Rom nach Agrigent über das Meer. Bei Taormina habe es die Farbe des Weins, sagt ein junger Mann, er sieht im Wasser einen rötlichen Schimmer.

Ein älterer Herr widerspricht: „Siehst du, da unten an den Klippen ist das Meer grün, und weiter draußen ist es blau, dunkelblau.“ Einem Ingenieur, der zum ersten Mal in seinem Leben Sizilien besucht, kommt der Gedanke, dass von dem Meer in Sizilien eine „weinähnliche Wirkung“ ausgeht. Als ich vor Jahren meinen Bacco kaufte, beim Festival des Europäischen Theaterpreises, erschien er mir eigentlich zu teuer. Aber wie gut nur, dass er hier ist, unerschöpflicher Quell, unersättlicher Schlund.

In Taormina liegt das Theater hoch über der See, und sowie man dort ankommt, scheint es den Fremden in seine weiten Arme zu nehmen. Einmal schon wollte ich den Bacco abhängen und die Wand umdekorieren. Das brachte den ganzen Raum aus dem Lot, und da bleibt er also jetzt und immer. Wenigstens so lange, bis ich mal wieder in seiner Heimat war.