Der Virologe Michael Stürmer liest Schätzing, Gordon und Eco

Der Blick in fremde Ess-, Kinder-, und Wohnzimmer ist uns in der Pandemie-Zeit zur Gewohnheit geworden. Analog leben, digital kommunizieren heißt es, mit all dem Durcheinander, das dazugehört. Dabei hat es nun eine Renaissance des guten alten Bücherregals gegeben. 

Früher galt ja die Regel: Zeige mir die Bücher in deinem Schrank und ich sage dir, wer du bist und was du denkst. Was sich im digitalen Zeitalter nicht mehr so leicht bewerkstelligen lässt: Ein E-Book-Regal macht wenig her, die Tablet-Bibliothek ist plan, man muss sie aufschlagen und dann herzeigen. Was halt angeberisch wirkt.

Zur Bildungbeflissenheit gehört Dezenz, ein zerlesenes „Ulysses“-Exemplar, das zufällig auf dem Beistelltisch liegt, eine aus dem Leim gehende Proust-Schmuckkassette zwischen den Folletts, Fitzeks und Leons.

Inszenierung ist Trumpf

Seit März jedoch gehört es zum guten Ton, nicht nur von Intellektuellen und Literaturmenschen, Gespräche mit den Medien vor Bücherregalen zu führen. Wer sich für Literatur interessiert, goutiert die Suhrkamp-Bände, die hier stehen, die Hans-Henny-Jahn-Kassette, die dort drapiert ist. 

Dass der Inszenierung dabei Tür und Tor geöffnet sind, weiß man natürlich als mediengeschulter Mensch.

Auffällig wird es, wenn so gar nichts inszeniert ist und jemand offensichtlich nicht weiß, wie sehr seine Bücherregale im Hintergrund gescannt werden. So geschehen am vergangenen Samstagabend im ZDF, vor dem Länderspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die Ukraine.

Der Virologe Martin Stürmer sollte bewerten, ob es nun eine gute Idee war, das Spiel trotz der fünf Corona-Fälle bei den Ukrainern stattfinden zu lassen. Man sah den guten Mann also vor einem Bücherregal sitzen und konnte gut erkennen, was darin so stand.

Stürmer schätzt Bestseller

Dicke Schwarten, Noah Gordons „Der Medicus“, Frank Schätzings „Der Schwarm“, „Die Tribute von Panem“ von Susanne Collins, ein Umberto-Eco-Roman, dazu die Rücken einiger anderer Bücher, die gemeinhin als Lesefutter gelten.

Gut, ein Mediziner, der sich für Bestseller mit wissenschaftlichen Einschlag interessiert. Aber Literatur? Hatte sein Kollege Drosten nicht in Marbach die Schiller-Rede gehalten? Das war also etwas enttäuschend. 

Aber wer weiß: Vielleicht empfängt Stürmer am Dienstag das ZDF vor dem Fußballländerspiel gegen Spanien (Sevilla, Corona-Hochburg!) in einem anderen Raum seiner Wohnung, seines Hauses, in seiner wahren Bibliothek. Nicht der mit der medizinischen Fachliteratur, sondern der mit den bunten Bänden der Edition Suhrkamp.