„Der Uwe kommt nicht mehr“

„Am 4. November 2011 habe ich um 9.25 Uhr meine Wohnung verlassen, mit dem Ziel einzukaufen. Auf dem Weg dahin habe ich gesehen, das links auf dem Parkplatz ein Wohnmobil parkt. Ich habe öfters hingeguckt, bin dann links weg. Plötzlich kamen zwei Radfahrer, die kamen förmlich angeflogen, fuhren zum Wohnmobil. Es ging alles recht schnell. Einer nahm auf dem Fahrersitz Platz. Der andere verstaute die Räder. Dann ging die Post ab, sind die Vorderräder durchgedreht. Sie sind die Hauptstraße weitergefahren. Ich konnte das Kennzeichen sehen: V…Das musste Vogtland sein.“

„Sie“, das sind, offenbar, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die später in Eisenach tot aufgefundenen NSU-Mörder, am Ende einer bis dato ungeklärten bundesweiten Mordserie; beschrieben vom Zeugen „Egon S., Passant“, zu hören in „Saal 101“, einem der größten und wichtigsten Hörspiele der jüngeren Vergangenheit.

Eine öffentlich-rechtliche Kraftanstrengung, wo gerade so viel über Sinn und Abbau von Kulturradios bei WDR, MDR & Co. geredet wird. Unter Federführung des Bayerischen Rundfunks (BR) haben ARD und Deutschlandfunk den größten Rechtsterrorismusprozess der deutschen Geschichte als Dokumentarhörspiel aufbereitet: „Saal 101“, eine zwölfstündige Produktion, benannt nach dem Gerichtssaal des Oberlandesgerichtes München, in dem das Verfahren gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) von Mai 2013 bis Juli 2018 stattfand.

Der NSU verübte zwischen 2000 und 2007 zehn Morde. Opfer waren Geschäftsmänner mit türkischen und griechischen Wurzeln sowie eine deutsche Streifenpolizistin. Dazu zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle. Die Anklage im Prozess gegen Beate Zschäpe umfasste unter anderem die Mittäterschaft an zehn Mordfällen sowie eine besonders schwere Brandstiftung.

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Das Dokumentarhörspiel beruht auf einer Sammlung von Prozess-Protokollen der ARD-Gerichtsreporter, über 6 000 Seiten. Es existiert kein Prozess-Mitschnitt in Ton oder Bild. Die Berichterstatter protokollierten die mündliche Verhandlung an 438 Prozesstagen.

Eine aufwendige, dramatische Inszenierung (Regie: Ulrich Lampen) braucht es da im Grunde nicht. Das, was aus Mitschriften von Egon S., Autovermieter Mario K., leitenden Ermittlern, Vertretern der Bundesstaatsanwaltschaft, Sachverständigen oder den Eltern von Mundlos und Böhnhardt, die von Zschäpe informiert wurden („Der Uwe kommt nicht mehr“), nicht nur zu jenen Tagen im November 2011 vorgetragen wird, spricht für sich. Es entlarvt die Ungeheuerlichkeiten der Taten des NSU, ihre Unterstützer und die Rolle des Verfassungsschutzes.

Das verlangt Geduld, ein Sich-Einlassen. Fünf Jahre Langzeitbeobachtung, zwölf Stunden Programm. Man erlebt den Prozess in einer journalistischen Aufarbeitung, einer Tiefenschärfe, wie man das sonst nicht bekommt. Gleichzeitig ist das Projekt selbst ein Stück Zeitgeschichte. Es setzt, da ist dem BR nicht zu widersprechen, dem versiegenden Interesse der Öffentlichkeit nach dem Urteilsspruch ein nachhaltiges Denk- und Informations-Angebot entgegen.

„Dauernd redet man von Seelen. Was Seele ist, das weiß ich nun.“

Ein Denkmal auch für die Opfer der NSU, wie dem Münchner Gemüsehändler Habil Kilic oder dem Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek. Die Länge des Prozesses ist ja von Beobachtern als Tortur für Betroffene der NSU-Taten beschrieben worden. Nicht zu vergleichen natürlich mit der Zumutung, die zwölf Stunden Textprotokolle im Radio durchaus sein können, auch mit Obduktionsergebnissen zu Uwe Böhnhardt, gleich „Leiche 1“ („Einschussverletzung rechts unten nach rechts oben“), aus dem später ausgebrannt vorgefundenen, eingangs beschriebenen Wohnmobil.

Da mögen die Protokolle von Bibiana Beglau, Thomas Thieme, Ercan Karacayli oder Martina Gedeck noch so grandios eingelesen (und bei der Radioausstrahlung sowie im Podcast vom Moderator David Mayonga präsentiert) sein. Nüchtern, sachlich, oft mehrere Minuten Text am Stück, musikalisch minimal begleitet. NSU-Prozess pur. Das kann, das soll auch weh tun.

Jede der 24 Folgen von knapp 30 Minuten widmet sich einem Themenkomplex der Beweisaufnahme. Das Hörspiel folgt dabei nicht der Chronologie des Prozesses. Es bringt Zeugenaussagen zusammen, die vielleicht weit auseinanderlagen, jedoch dieselbe Fragestellung behandeln.

Ein Zoom in die Mitschriften und in den Gerichtssaal hinein. Wenn es bei der Beweisaufnahme einer Erklärung bedarf, meldet sich ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt zu Wort.

Selbstverständlich können auch in zwölf Stunden Dauer nicht fünf Jahre Gerichtsprozess aufgearbeitet werden. Darum geht es auch nicht. „Ich wollte, genau wie wohl die anderen Mitwirkenden auch, meine Stimme dafür einsetzen, dass Menschen hören können, wie Opfer und ihre Familien diffamiert, und als Täter verdächtigt wurden, wie das Schweigen einer Angeklagten funktioniert und was es für Folgen hat“, sagt Bibiana Beglau.

„Wie ganz offensichtlich in einem Gerichtssaal gelogen und laviert wurde und mit wieviel Akribie, Genauigkeit und Geduld ein Richter ausgestattet sein muss, um solch einen Prozess zu führen.“ Beglau empfindet es als Aufgabe für Schauspielerinnen, sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinanderzusetzen. Eine Gesellschaft sei nur so gut oder schlecht, wie alle sie gestalten. „Wenn ich ein kleines Teilchen davon werden kann, dass Aufklärung stattfindet, dann wollte ich das gerne tun. Oder es wenigstens versuchen.“

„Saal 101“ ist mehr als ein Versuch. Ein Eindruck, ein Einblick in die jüngste deutsche Geschichte, zur richtigen Zeit. Ausgestrahlt werden die 24 Teile in den Kultur- und Inforadios der ARD und im Deutschlandfunk am Freitag und Samstag zeitgleich von 20 Uhr bis zwei Uhr.

Türkisch wird in diesem Doku-Hörspiel kaum gesprochen. Umso gewichtiger wirken vier Sätze zu Beginn von Teil zwei, die übersetzt werden und vielleicht auch einen Blick auf die Angehörigen der Opfer werfen: „Dauernd redet man von Menschen. Was ein Mensch ist, weiß ich nun. Dauernd redet man von Seelen. Was Seele ist, das weiß ich nun.“