Der Untergang des Hauses Alving

Edgar Allan Poe hat unheimlich viele und bezwingende Schauergeschichten geschrieben, sein Einfluss auf die Literatur und andere Kunstformen war profund. Dieses furchtbare Familiendrama aber stammt nicht von ihm, wenngleich es an Düsternis und Fatalität kaum zu überbieten ist: Henrik Ibsens „Gespenster“, 1882 uraufgeführt. Das Skandalstück des Norwegers mischt Bigotterie und Lebenslüge zu einem tödlichen Gebräu. Der Vater vererbt dem Sohn die Geschlechtskrankheit, die Mutter verschweigt ihm, dass das Dienstmädchen, das er lieben will, seine Halbschwester ist, der eiskalte Pastor macht auf fromm und ruiniert, was noch nicht in Scherben liegt. Und die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik setzt in ihrer Inszenierung am Berliner Ensemble noch eins drauf.

Auch das Virus ist ein Gespenst, ein Wiedergänger

In den anderthalb Stunden dieses Horror-B-Movies bleibt es durchweg dunkel, im Haus der Witwe Alving wirken Lampen wie Fremdkörper. Das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt und Leonie Wolf führt ein Eigenleben. Von meist unsichtbaren Arbeitern bewegt, entstehen immer neue Innenräume eines labyrinthischen Gefängnisses. Seine Insassen stehen auf einsamen Inseln, wie Möbel – kaum Berührung, geredet wird in Monologen, jeder leidet für sich allein. Ob das Koležniks Interpretation der „Gespenster“ geschuldet ist oder der Corona-Kontaktsperre auf der Bühne, lässt sich kaum entscheiden. Auch das Virus ist ein Gespenst, ein Wiedergänger. So oder so, dieser Ibsen trifft einen Nerv.

Jeder Satz kracht wie eine sich selbst bestätigende Prophezeiung

Angst, Verunsicherung, Katastrophenlust: Den Schauspielern steht die Morbidität ins Gesicht geschrieben, sie sind Gezeichnete: die Frauen in korsettartige Kostüme (von Ana Savic-Gecan) gezwängt, das Haar wächst ihnen in dem Horrorkabinett wie bei Gestorbenen. Jeder Satz kracht wie eine sich selbst bestätigende Prophezeiung, vor allem bei der Frau Alving von Corinna Kirchhoff. Ihre Körpersprache sagt: Wir sind hier auf einer Beerdigung, beim makabren Finale des Untergangs des Hauses Alving. Erschütternd ihr Eingeständnis, dass sie „Lebensfreude“ nie empfinden konnte, nur Pflichtgefühl. Judith Engels Regine schwebt durchs Horrorhaus wie ein Todesengel. Sie wirkt viel älter als ihre Rolle, doch das gilt für das ganze Ensemble. Ibsens „Gespenster“-Fluch liegt wie Patina auf der Physis bemerkbar. Und das nimmt die Spannung aus der Geschichte. Sie ist eigentlich zu Ende, bevor sie beginnt.

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Tür auf, Tür zu, schnelle Auf- und Abtritte: Es sieht technisch aus wie Boulevardkomödie, ein seltsamer Kontrast. Ein ganz klein wenig Spaß bringt Wolfgang Michael als Tatortreiniger der Familie Alving ins Spiel, er genießt seine Bosheit, stellt sich naiv. Der Pastor von Veit Schubert gleicht einem Wurm, Sekretär eines menschenverachtenden Gottes. Allein Osvald, der kranke Junge, versucht den Ausbruch. Aber auch erst im Zusammenbruch: Paul Zichner verkriecht sich in dem verhassten, finsteren Elternhaus, drückt sich gleichsam in die Wand, nach Auflösung strebend.

[Weitere Vorstellungen am 10./11. und 23./24. Oktober]

Noch einmal großes Umräumen im Unglückshaus. Der Schluss zieht das emotionale Distanzieren, das den kurzen Abend im BE bestimmt, in die Karikatur. Osvald verbarrikadiert sich, braucht aber eigentlich seine Mutter, um all dem ein Ende zu bereiten. Er wälzt sich in Krämpfen am Boden, und dann sieht man nach einer Umdrehung auf der Bühne die Mutter auf der anderen Seite an der Tür rütteln, bis sie doch noch zusammenkommen, irgendwie, und sich ein gemeinsamer Abschied aus dem lichtlosen Leben andeutet. Wie dieser radikal reduzierte Ibsen überhaupt nur antippt, was einmal war. Und die Frage ist, wie lange es jetzt so sein wird – dass Corona Regie führt. Oder dass man den Eindruck haben muss, es sei die Pandemie schon tief eingedrungen in die Theatergeschichte.