“Der Traum von einem geeinten Kontinent ist ausgeträumt”

Die Sachbuchrezensionen der Woche – kurz zusammengefasst. Diesmal: ein Abgesang auf Europa, ein feministisches Kompendium und Ideen zur politischen Gleichheit,

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Schön das Gleichgewicht halten! Nur hier ist der Mittelweg nicht der Tod.Foto: imago images/Ikon Images

Als Geert Mak 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt, war er noch voller Optimismus, was die Zukunft des Kontinents betrifft. Sein Buch „In Europa – Eine Reise durch das 20. Jahrhundert“ gehörte zu jenen glänzend erzählten Geschichtsreportagen, die über er ihren bloßen Stoff hinaus bleiben werden. „Schwer zu sagen, wann dem niederländischen Journalisten und Historiker die Zuversicht verloren ging“, resümiert nun Michael Wolf in seiner Rezension von Maks jüngstem Buch (Siedler Verlag), das einen Blick auf die vergangenen drei Jahrzehnte wirft. „Sicher ist, dass Mak dunkle Wolken über Europa aufziehen sieht. Der Traum von einem geeinten Kontinent ist für ihn ausgeträumt, der Westen am Ende. ,Große Erwartungen‘ heißt das Buch, auf Charles Dickens’ gleichnamigen Roman anspielend. Immer wieder waren die Hoffnungen groß, oft erwiesen sie sich als falsch.“ Und dennoch entdeckt Wolf in Maks geradezu apokalyptischen Ahnungen auch einen Hoffnungsschimmer, der eine neue Idee von Europa mitbegründen könnte.

Christina Bylow hat ein feministisches Kompendium mit dem reizvollen Titel  „Reparaturprojekt Mann – Erholungsgebiet Frau“ (Diametric Verlag) gelesen. In den Ratschlägen der promovierten Philosophin Bettina Zehetner erkennt sie den ganzen Berg unerledigter gesellschaftlicher Aufgaben, der durch Corona doppelt sichtbar wurde: „Man möchte dieses Buch nicht nur den vielen nach der Corona-Quarantäne ernüchterten berufstätigen Eltern ans Herz legen, sondern auch jenen FamilienberaterInnen, die ihren eigenen Wertekanon nicht offenlegen.“.

Auf der aktuellen Sachbuchbestenliste von Deutschlandfunk Kultur, ZDF und „Zeit“ belegt die US-amerikanische Philosophin Danielle Allen mit ihren Frankfurter Adorno-Vorlesungen „Politische Gleichheit“ (Suhrkamp) gerade Platz zehn. Christoph David Piorkowski hat sich ihren gegen den gerechtigkietstheoretischen Übervater John Rawls gerichteten Entwurf mit gemischten Gefühlen vorgenommen. „Wie aber wird ,politische Gleichheit# von Allen im Einzelnen ausbuchstabiert!“, fragt der Rezensent. „Die fünf Facetten ihres radikaldemokratischen Ermächtigungskonzepts sind Nicht-Beherrschung, ein gleichberechtigter Zugang zum Regierungsapparat, ein epistemischer Egalitarismus, Gegenseitigkeit im Sinne eines Rechts auf Wiedergutmachung und eine Eigentümerschaft des Demos an den politischen Institutionen. Für US-Amerikaner mag sich das – zumal kurz vor einer möglichen Wiederwahl des Demokratieverächters Donald Trump – wie ein revolutionärer Paukenschlag anhören. Für europäische Ohren klingt diese Auflistung mehr wie die Bullet Points eines sozialdemokratischen Grundsatzprogramms.“