Der Tod eines Zauberers

Er war einer der zauberhaftesten Menschen, ein Zauberer im Wortsinn. Er verzauberte Generationen von Studenten, er verzauberte Maler, Musiker, Schriftsteller, Kinder, Gärtner, Taxifahrer und Putzfrauen. Er erklärte Starpianisten, was sie gespielt hatten, und die waren gar nicht gekränkt, sondern wunderten sich nicht schlecht über das philosophische Wunderkind. Kleine, wenig aufregende Geschenke verzauberte er im Nu zu kostbaren Opfergaben, einfach durch die kindliche Freude, mit der er sie entgegennahm. Er verzauberte versteinerte Dogmen, indem er ihren „Sitz im Leben“ hervorholte, verstaubte Disziplinen brachte er zum Leuchten, und er brachte ein rares Gut an die Universität: Fantasie.

Was Thomas Mann nicht immer schaffte: Bildung zum Schweben zu bringen, das schaffte Klaus Heinrich spielend. Schwieriges wurde federleicht, Marginales zentral, Oberflächliches erhielt Tiefe, und niemals arbeitete der Zauberer mit Tricks. Alles war transparent und wurde auf Nachfrage gern noch einmal hervorgezaubert, dabei allerdings zugleich verwandelt. Wen wundert es da, dass Ovids Metamorphosen zu seinen Lieblingstexten gehörten. Am 23. November ist Klaus Heinrich nun gestorben, genau zwei Monate nach seinem 93. Geburtstag.

Er hat das nach allgemeinem (Vor-)Urteil spießige Steglitz in einen ganz besonderen Stadtteil verzaubert, weshalb das nun von ihm verlassene Steglitz wohl besonders trauert. Die Insolvenz seines Verlags Stroemfeld/Roter Stern konnte er nicht wegzaubern, dafür aber fiel ihm ein neuer Verlag vom Himmel: ça ira, mit jungen engagierten Menschen, die ihrerseits mit jungen Menschen in Wien und Freiburg vernetzt sind. Vor allem in Wien erlebt die Religionsphilosophie Klaus Heinrichs gerade eine aufregende Renaissance und zwar, kein Witz, bei der katholischen Fundamentaltheologie. Sich selbst verwandelte er im letzten Jahr noch in einen Künstler: Klaus Gerrit Friese stellte in seiner Galerie am Fasanenplatz eine Auswahl aus den Tausenden seiner Zeichnungen aus.

Die Deutschen über ihre Verdrängung des Nationalsozialismus aufklären

Den Tod konnte er nun allerdings doch nicht wegzaubern. Es schmerzt sehr, dass Klaus Heinrich nun dem Sterben machtlos erlegen ist. Wir denken dabei an die Reihe von Krankheiten zurück, die sein Leben durchzog, immer hatte er sich von ihnen erholt – manchmal so wunderhaft, dass man (als bei ihm ausgebildete Religionswissenschaftlerin!), den Gedanken an eine Auferstehung nicht vermeiden konnte. Renate, seine Frau und Geleiterin, war so lange, wie ich zurück denken kann, bei seinen wiederholten Fahrten in die Unterwelt sein lebensspendender Beistand. Nun hat eine höhere Instanz befunden: Die Reihe der Wiederholungen muss ein Ende nehmen. Darum müssen wir von ihm jetzt in der Vergangenheit sprechen.

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Also einige nüchterne Stichworte: Er gehörte zu den Gründern der Freien Universität im Protest gegen die Vereinnahmung der alten Linden-Universität durch die Behörden der DDR – und angetrieben durch einen radikaldemokratischen Impuls, wie er sich ergab aus dem Gedanken an den Nationalsozialismus und die Katastrophen, die dieser angerichtet hatte. Klaus Heinrich selbst war als „Luftwaffenhelfer“ wegen Verweigerung eines unmenschlichen Befehls zu einer Haftstrafe verurteilt worden, er hat sie in Neuruppin verbüßt. Derart als Jugendlicher selbst traumatisiert, folgte er seiner Lebensmission, die Deutschen über ihre Verdrängung des Nationalsozialismus aufzuklären.

1970 wurde er Ordinarius am religionswissenschaftlichen Institut der FU. Seine Vorlesungen im Henry-Ford-Bau waren legendär, der Hörsaal wurde zu einem charismatischen Fokus. Nachzulesen sind einige der „Dahlemer Vorlesungen“ mit Titeln wie „Vom Bündnis denken“, „Aufklärung in den Religionen“ und „Arbeiten mit Herakles“. Auf dem Prospekt des ça ira-Verlags für sein Gesamtwerk sieht man eines seiner Lieblingsmotive: den Walfisch, der gerade Jonas an Land spuckt. Jonas hält eine Art Tablet in der Hand, was in dem Fall mehr Schummelei ist als Zauberei, denn Heinrich hat den Sprung von der Olivetti-Schreibmaschine zum PC verweigert.

Aufmerksame Hörer jeglicher ideologischen Couleur

Ihm gelang, was wenigen Professoren gelang, selbst in der 1968er Zeit nicht vom Katheder gejagt zu werden, sondern vor aufmerksamen Hörern jeglicher ideologischen Couleur zu reden und angehört zu werden. Er wirkte therapeutisch, ohne ein Guru zu sein. Ein Freud verpflichteter aufgeklärter und selbst aufklärender Mythologe, der den Traum der Gattung im Hörsaal der FU zwar nicht geträumt, aber doch immer wieder analysiert hat. Unter der Verkrüppelung der Universität zur Lernfabrik hat er sehr gelitten und immer wieder dagegen angeschrieben und vor allem geredet, denn die mündliche Rede war ja sein wahres Medium.

Er hatte sich geradezu obsessiv gegen Corona gewappnet, nannte sich „einen Gefangenen ohne Hofgang“. Obwohl es ihn beschwerte, dass er sein geliebtes Restaurant „La Marianna“ nicht mehr besuchen und nicht mehr vom Cousin oder Neffen in die brandenburgische Umgebung gefahren werden konnte, hielt er den vom Virus auferlegten Knast entschlossen durch – weil er leben wollte. Ein Sturz brachte ihn ins Krankenhaus, gegen dessen Keimgefahren war er machtlos.

Ich möchte mir vorstellen, dass er in seinen letzten Gedanken, der Welt schon fast abhanden gekommen, noch einmal in seinem geliebten Golm war – nicht dem heutigen, wie es da liegt in der „historischen Potsdamer Kulturlandschaft“, in der die wunderbaren Sichtachsen früherer Zeiten durch Neubauten zerstört wurden, sondern im Golm seiner Kindheit, dem Haus an einem havelländischen See mit Blick auf das Potsdamer Arkadien. Übrigens lag ihm die „Mitbestimmung der Toten“ am Herzen, und da die das ja vermutlich wissen, werden sie sich nach einem triumphalen Empfang bestimmt schon auf eine Exkursion mit ihm in den tiefen Golmer See der Vergangenheit vorbereiten.