Der Sport rückt in den Hintergrund

Ein kurzer Blick zum Zeitnehmer-Tisch beim Spiel Österreich gegen die Schweiz am Donnerstagabend genügte, um zu erkennen, was bei der Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten gerade falsch läuft: Drei Personen sitzen ohne den empfohlenen Abstand nebeneinander, tragen keine FFP2-Masken sondern nur die gewöhnliche Ausführung, während einer der Herrschaften mit dem Schutz nur den Mund bedeckt und der Nase viel Luft zum Ein- und Ausatmen lässt – der Wille war da, doch die Ausführung lässt zu wünschen übrig.

Und dieses Beispiel ist nur eine Seite aus dem Corona-Anekdoten-Buch des Turniers. Da gab es außerdem einige hundert Zuschauer zum Eröffnungsspiel, die sich aus offiziellen Ämtern speisten und die man trotz des Publikumsverbotes nicht ausladen wollte. Da gab es Infektionen innerhalb der Blase, wie zum Beispiel im Kreise der dänischen und der slowenischen Nationalmannschaft, die trotzdem nicht zu einer Spielabsage führten. Und dann gab es da noch den Fall Kap Verde, die wider sieben vorausgegangener Krankheitsfälle in Gizeh anreisten, dort erneut auf vier positive Ergebnisse kamen und dennoch am Freitagabend gegen Ungarn antreten durften, weil der Rest des Teams vor dem Spiel negativ auf das Virus getestet wurde. Inbetrachtziehen einer möglichen Inkubationszeit? Fehlanzeige! Da hilft auch die neuerliche Erhöhung der Testfrequenz auf eine tägliche Überprüfung nur bedingt.

Es ist nachvollziehbar, dass sich die Vorfreude der deutschen Mannschaft vor dem heutigen Spiel gegen die „Blauen Haie“ vom afrikanischen Archipel (18 Uhr, ARD) in Grenzen hält. Nationaltorhüter Andreas Wolff bereite die Partie „Bauchschmerzen“, während sein Kompagnon Johannes Bitter von einer „verantwortungslosen“ und „ungenügenden Situation“ sprach und hofft, „dass das Spiel nicht stattfindet, weil wir uns damit nicht wohlfühlen“. Bleiben die Testergebnisse negativ, wird diese Hoffnung höchstwahrscheinlich zerschlagen werden.

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Da bleibt der Aspekt, dass Kap Verde auf Anregung des Deutschen Handballbundes sein Domizil nach der Ankunft nicht wie ursprünglich geplant im Team-Hotel bezog, sondern zunächst anderweitig untergebracht wurde, ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dennoch spricht Sportvorstand Axel Kromer von „zufriedenstellenden“ Zuständen, die „in Deutschland nicht besser sein könnten“ und betont, dass sich alle auf die zweite WM-Ansetzung freuen würden. Allerdings gab selbst der sonst so pro WM eingestellte Vizepräsident des DHB und Geschäftsführer der Füchse Bob Hanning zu, dass man trotz aller Vorkehrungen „jetzt die Luft anhalten“ müsse und hoffe, „dass alles gut geht“.

Infektionsschutz statt Spielwitz und individueller Klasse

Nun ja. Fakt ist in jedem Fall, dass der glänzende erste Auftritt der Deutschen am Freitag beim 43:14-Sieg gegen Uruguay Minuten nach Abpfiff kaum noch eine Rolle spielte. Und das, obwohl die Schützlinge von Bundestrainer Alfred Gislason von Beginn an das Spiel dominierten und einen der deutlichsten Erfolge der landeseigenen Handball-Geschichte feierten. Wenngleich die Wurfausbeute in der ersten Halbzeit noch etwas zu wünschen übrig ließ, war es ein bravouröser Auftakt. Alle Spieler konnten eingesetzt werden und sich in das Turnier einfinden, 14 der aufgestellte Akteure trugen sich in die Torschützenliste ein und ebenso der defensive Part mit Torhütern und Mittelblock fügte sich bestens in die Parade ein. Wenig gefordert durch den auf Kreisklasse-Niveau agierenden Gegner, entwickelte sich die Begegnung in der zweiten Halbzeit indessen eher zu einem Trainingsspiel, als das von einer sportlichen Herausforderung gesprochen werden kann. Doch der Sport rückt momentan ja ohnehin in den Hintergrund.

Das wird bei der Begegnung mit Kap Verde nicht anders sein. Qualifiziert als fünfter der Afrikameisterschaften und mit zahlreichen Spielern, die in Spanien und Portugal anheuern, wird die Anforderung zwar etwas größer als zwei Tage zuvor, aber vor ein wirkliches Problem werden Gislason und Co. nicht gestellt – ein Fakt, der bei einem auf 32 Nationen ausgedehnten Teilnehmerfeld nicht verwunderlich ist.

Allerdings stellt sich momentan ohnehin weniger die Frage, wer dieses Turnier mit Spielwitz und individueller Klasse bestimmen kann, sondern jene, wer es bis zum Ende schafft, sein Team bestmöglich vor Infektionen zu schützen. Mit der heutigen Partie setzt sich die deutsche Mannschaft dahingehend einem nicht geringen Risiko aus.