Der Spirit hängt jetzt im Netz

Der „Spirit“ hat sich lange genug ohne Publikum an der Wand entlang gehangelt. Jetzt ist er wenigstens virtuell bei seinem athletischen Tun zu betrachten. Ein auf Pressholz gezogenes Abbild der von dem amerikanischen Künstler Will Eisner geschaffenen Comicfigur dient als Blickfang beim „Betreten“ per Klick der von Alexander Braun kuratierten Ausstellung im Dortmunder Schauraum Comic+Cartoon.

Seit dem 24. Januar ist die Schau mit dem Titel „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ fertig, da sollte sie ursprünglich eröffnen (Max-von-der-Grün-Platz 7, 44137 Dortmund, bis 27. Juni 2021). Aus dem Live-Betrieb wird pandemiebedingt fürs erste nichts, daher hat das Ausstellungsteam 3D-Aufnahmen anfertigen lassen, mittels derer sich die rund hundert Exponate nun auf einem virtuellen Rundgang betrachten lassen – hier geht es los.

The Spirit im Windschatten von Superman

Will Eisner (1917-2005) mag der Pate der Graphic Novel sein – zunächst aber lebte er sein Können und seine Lust am Experimentieren ab den 1940er Jahren mit der Serie „The Spirit“ aus.

Es war das Goldene Zeitalter des US-amerikanischen Comics, kostümierte Superhelden setzen im Windschatten von Superman zu Höhenflügen an, und auch der junge Comickünstler Will Eisner sollte seinen neu geschaffenen Helden in diese Spur bringen.

Nachtblauer Anzug, Filzhut und eine dezente Augenmaske waren das Zugeständnis, plus eine „origin story“, die näher an Batman als an Superman ist: Der smarte Privatermittler Denny Colt wird bei dem Versuch, den Superschurken Dr. Cobra zu stellen, von einer Chemikalie in Cobras Labor vermeintlich getötet und beigesetzt. Doch schon in der folgenden Nacht befreit sich Colt aus der Erde und bringt seine Mission in neuer Identität als „The Spirit“ zu Ende.

Buchstaben in Form von Koteletts und Keulen

Zum Markenzeichen von Eisners „The Spirit“ wurde – anders als bei Comicserien üblich – kein wiedererkennbarer Serientitel in festgelegter Typografie, sondern gerade die immer wieder neu und teilweise aufwändig in die Szenerie integrierten Buchstaben des Schriftzugs.

„The Thanksgiving“: Eine von Eisner gestaltete Zeitungsseite von 1949.Foto: Promo

Ein besonders üppiges Beispiel dafür bietet eine farbig gedruckte Zeitungsseite aus Philadelphia vom 20. November 1949 mit der Folge „The Thanksgiving“, die in einer Vitrine in der Ausstellung im Dortmunder Schauraum ausgestellt ist: Die Lettern prangen fleischfarben in Form von Koteletts und Keulen vor nachtschwarzem Himmel. Je nach Ernährungsgewohnheiten vielleicht nicht unbedingt appetitlich, aber aus künstlerischer Sicht ein Hingucker.

Zentrale Bedeutung des Letterings

Diese große Aufmerksamkeit, die Eisner der Typografie schenkt, kommt nicht von ungefähr: Das Lettering hat eine zentrale Bedeutung für ihn, das wird auf den Originalseiten deutlich, die an den Wänden der Ausstellung zu sehen sind. Etwa im ersten Teil, der mit drei kompletten Geschichten sowie einigen Einzelseiten, einer Druckplatte und Fotos dem „Spirit“ gewidmet ist.

In einer der Stories liegt der Serienheld angeschossen und von niemandem bemerkt in einer Gasse. Eine Vielfalt von Schriften findet sich in den Sprechblasen auf diesen Seiten: Leicht verzerrte Buchstaben für die krakeelenden Kinder auf der Straße, fragil wirkende, blasse für den verletzten Helden, alltäglich-normale für die sich unterhaltenden Frauen, kantig-nüchterne für die Stimme aus dem Radio (vor Ort allerdings besser zu erkennen als beim virtuellen Rundgang).

„Godfather of Graphic Novel“

Hat Eisner das Lettering bei „The Spirit“ vor allem überwacht, während es von Mitarbeitern des Studios ausgeführt wurde, so kam später, bei seinen grafischen Erzählungen, das gesamte Art Work von Vorzeichnung bis Typografie aus seiner Hand.

Seiten aus diesen späteren Werken sind im nächsten Teil der Ausstellung zu sehen. Allen voran aus der Erzählungssammlung „A Contract with God and other Tenement Stories“ („Ein Vertrag mit Gott und andere Mietshausgeschichten“), die Eisner den Titel „Godfather of Graphic Novel“ eingebracht hat.

Ein weiterer virtueller Blick in die Ausstellung.Foto: Schauraum Comic+Cartoon

Laut Ausstellungskurator Alexander Braun trug dieser 1978 bei einem kleinen amerikanischen Literaturverlag erschienene Comicband erstmals die Bezeichnung Graphic Novel auf dem Titel. Auf der deutschen Ausgabe von 1980 aus dem Verlag Zweitausendeins ist hingegen noch zu lesen „Eine Geschichte in Bildern von Will Eisner“…

Grafischer Wettergott

Für die ersten Seiten von „Ein Vertrag mit Gott“ hätte Will Eisner jedenfalls außerdem den Ruf eines grafischen Wettergottes verdient, für die so stimmungsvolle Darstellung heftigen Niederschlags: Erbarmungslos strömt der Regen auf die Bronx herab. Er tropft sogar von den dicken Buchstaben oben auf der Seite, die eben diesen Sachverhalt erklären.

[Alexander Braun, der Kurator von „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“, wurde kürzlich zum zweiten Mal einen Eisner-Award für seine Arbeit als Herausgeber historischer Zeitungscomics und Autor geehrt – hier gibt es ein Interview mit ihm dazu.]

Unten geht eine gekrümmte Gestalt durch das wegen übergelaufener Gullys auf dem Bürgersteig stehende Wasser, die Hände tief in den Taschen vergraben. Es folgen drei weitere Seiten, auf denen der Mann – Frimme Hersh – gesenkten Hauptes heimwärts in die Dropsie Avenue 55 platscht.

Mit Arbeiten wie „A Contract with God“ ebnete Eisner den Weg für längere Comicerzählungen in Buchform.Foto: Promo

Spiegelnde Pfützen, in denen auftreffende Tropfen Spritzer verursachen, schraffierte, fast senkrechte Regenfäden, Rinnsale von Bordsteinen, Wasserstürze von Stufen und Treppengeländern – mit spitzer Feder und schwarzer Tusche zeichnet Will Eisner hier eine wahre Sintflut, in der sich alles andere von Hausfassaden bis zu dem gebeugten Menschen aufzulösen scheint. Die abgrundtiefe Verzweiflung, die dieser Frimme Hersh empfindet, wird durch die Bilder spürbar, bevor sie in Worten erklärt wird.

Die sequenzielle Kunst

Nach fast 40 kreativen und experimentierfreudigen Jahren im Comicbusiness schlug Will Eisner mit diesem Konzept der das Heftformat sprengenden Graphic Novel nochmals einen neuen Weg ein. Diesem sollte er für die weiteren Jahrzehnte treu bleiben mit Geschichtensammlungen wie „A Life Force“ (1988, dt. Lifeforce) oder „Dropsie Avenue: The Neighborhood“ (1995, dt. „South Bronx, Dropsie Avenue“).

Außerdem legte Eisner drei Bücher über die Prinzipien des grafischen Erzählens, der „sequenziellen Kunst“, wie er es nannte, vor, die neben den Werken von Scott McCloud heute noch als Standardwerke gelten: „Comics and Sequential Art“, „Graphic Storytelling and Visual Narrative“ und „Expressive Anatomy for Comics and Narrative“.

Die Rolle des Judentums

Will Eisner, dessen Eltern aus Europa nach New York eingewandert waren, war jüdischer Herkunft und das Judentum spielt – trotz seiner atheistischen Haltung – in all seinen Graphic Novels eine Rolle. Das steigert sich sogar gegen Ende seines Lebens: 2003 erschien „Fagin the Jew“ („Ich bin Fagin“), eine Neuinterpretation der jüdischen Figur des Fagin aus Charles Dickens‘ Roman „Oliver Twist“.

Auch im hohen Alter von mehr als 80 Jahren produzierte Eisner hier akkurat gezeichnete und geletterte, und nun auch sorgfältig mit Tusche lavierte Seiten.

„Das Komplott“: Nagel in den Sarg eines schrecklichen Betrugs

Eisners letztes Werk ist ein dokumentarisch-didaktisches: „The Plot: The Secret Story of The Protocols of the Elders of Zion“ („Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“) befasst sich mit einem gefälschten Dokument, das seit Ende des 19. Jahrhunderts durch die Geschichte geistert und eine angebliche jüdische Weltverschwörung beweisen soll.

Neben den Aufnahmen der Originalzeichnungen gibt es virtuelle Infotafeln zum Anklicken.

Immer wieder wurde es als Fälschung entlarvt, aber war nicht auszurotten. Eisner schildert, wie das falsche Dokument nach gängiger Forschungsmeinung entstanden ist und erweist sich einmal mehr als der Meister grafischen Erzählens, als der er zeitlebens galt.

Er verknüpft Zeitebenen, indem er Rückblenden durch kratzige Stricheleien von mit Tusche gepinselter Erzählzeit absetzt. Er lagert Informationen in gezeichnete Zeitungs- und Buchseiten aus oder bringt sie geschickt in Dialogen unter. So schafft er trotz hohem Textanteil eine Erzählung, ein Werk sequenzieller Kunst.

Im Vorwort zu seinem Buch schreibt er: „Ich hoffe, dass mein Werk vielleicht einen weiteren Nagel in den Sarg dieses schrecklichen, vampirähnlichen Betrugs schlagen kann.“ Er vollendete „Das Komplott“ kurz vor seinem Tod im Januar 2005. Kurator Alexander Braun ist überzeugt: „Eisner ist wirklich einer, bei dem der Tod zu früh kam, so produktiv wie er in seinen letzten Lebensjahren war.“

Virtueller Appetithappen

Eisners Werk ist nun also vorerst virtuell im Dortmunder Schauraum Comic + Cartoon zu bewundern. Das Erlebnis im Netz ist zwar um einiges nüchterner als beim physischen Besuch. Auch wenn sich die Seiten an den Wänden heranzoomen lassen, ist das ist kein Vergleich dazu, davor zu stehen und Eisners Tusche und sein Lettering oder die Bücher, Hefte und Druckplatten in den Vitrinen aus der Nähe zu betrachten.

Aber die Onlineversion bildet die Ausstellung originalgetreu ab, die Texttafeln lassen sich per Klick öffnen und bequem lesen – insgesamt ein Appetithappen für einen Besuch vor Ort, der bis Ende Juni ja noch möglich sein könnte.

Außerdem erscheint Anfang März im Avant-Verlag ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung, mehr dazu demnächst auf den Tagesspiegel-Comicseiten.