Der Sonderweg kann auch ein Holzweg sein

Politische Erzählungen sind gut, heißt es bisweilen, wenn sie die Vergangenheit in einem düsteren Licht zeichnen, um Gegenwart und Zukunft umso leuchtender ausmalen zu können. Nach diesem Muster ist auch die kleindeutsch-borussische Historikerschule verfahren, die im 19. Jahrhundert eine nationalhistorische Erzählung begründete, die von ihren immer nationalistischer werdenden Nachfolgern weitergeführt wurde.

Sie lief darauf hinaus, dass nach langem Niedergang seit dem Hochmittelalter, gekennzeichnet von innerer Zersplitterung und Demütigung von außen, die deutsche Geschichte dank der Großmachtwerdung Preußens wieder Fahrt aufnahm und es 1871 zu einem nationalstaatlichen Happy End kam. Die Nation hatte zu sich gefunden.

Seit 1945, als auch dieses Geschichtsbild in Trümmern lag, haben sich mehrere Historikergenerationen bemüht, es zu korrigieren. Ein wesentlicher Teil zuvor war immer ein angeblicher deutscher Sonderweg, ein Erzählmotiv, das gerade seit dem frühen 20. Jahrhundert stärker betont wurde, mit der Wendung gegen „den Westen“. Daraus wurde in neueren Erzählungen der lange Weg nach Westen. Aus der Sonderwegsüberheblichkeit war ein Sonderwegsmalus geworden.

Geblieben war der Ansatz der Defizitgeschichte, nur jetzt bezogen auf die Ursachen des Nationalsozialismus statt wie einst auf die schmachvolle Vergangenheit vor der Reichsgründung. Aber wie hätte man sonst mit dem Zivilisationsbruch nach 1933 umgehen sollen? Defizitgeschichte hat nur immer einen Haken – sie ist einseitig. Im einen (vor 1945) wie im anderen Fall (nach 1945) hat sie dazu geführt, den Blick zu verstellen auf nationalgeschichtliche „Normalitäten“. So haben viele Deutsche ein neurotisches Verhältnis zur eigenen Nation entwickelt – im Überschwang einst, in der Distanzierung heute. Aber Nation ist ein Faktum der europäischen Geschichte. Man schaue sich um: Großbritannien, Belgien, Spanien, Polen, Ungarn.

Addition von Nationalgeschichten

Europäische Geschichte ist eine Addition von Nationalgeschichten. Sie kennt viele nationale Eigenwege, überwölbt von Gemeinsamkeiten in sozial-, wirtschafts- und verfassungspolitischer Hinsicht. Die Schande von Holocaust und Kriegsverbrechen gehört nicht zu den Gemeinsamkeiten, auch wenn es dabei europäische Zusammenhänge gibt – hier weichen wir ab. Doch über weite Strecken seit dem frühen Mittelalter fällt deutsche Geschichte, im Guten wie im Schlechten, nicht aus dem europäischen Rahmen.

Der Politikwissenschaftler Hans Maier, liberaler Katholik, aufgeklärter Konservativer, auch mal Kultusminister in Bayern, mittlerweile fast 90 Jahre alt, hat einige ältere und jüngere Aufsätze in einem Bändchen mit dem Titel „Deutschland. Wegmarken seiner Geschichte“ versammelt.

Es ist eine auf den ersten Blick zufällige Mischung, die aber doch ein Ganzes bildet – einige wesentliche Aspekte zur Geschichte und zur Nation seit etwa 1800. Unter anderem geht es darum, warum Hitler mit dem Begriff „Drittes Reich“ nichts zu tun haben wollte, er ihn 1939 sogar als „vom Führer unerwünscht“ markieren ließ. Er wollte sich nicht in irgendeine nationale Kontinuität stellen, weder zum Alten Reich noch zu Bismarcks Reich. Er wollte den Bruch.

“Berechenbare Normalität”

Maiers Aufsatz „Die Deutschen unter dem Grundgesetz“ stammt von 1999, er ist noch aktuell. Die europäischen Nachbarn erwarteten von den Deutschen „so etwas wie eine berechenbare Normalität – sie erwarten, dass die Deutschen verlässliche Traditionen und Verhaltensmuster entwickeln und dass sie mit sich selbst im Reinen sind“, schreibt er. Daran stoßen sich Deutsche gern, aber es ist so: Andere Europäer erwarten keine Sonderwege von uns, weder nationalistische noch postnationale.

Wie viele Konservative (aber nicht nur sie) plädiert Maier für einen „aufgeklärten Patriotismus“. Er sagt: „Wer Nation und Patriotismus tabuisiert, bewirkt höchstens, dass beides in die Hände von Extremisten fällt.“ Allerdings wird gerade bei diesem Thema wenig tabuisiert – wer hatte nicht damit zu kämpfen nach 1945.

Aber Maier hat insofern recht, als es darum geht, der Verengung der Debatte auf die Phase des Hochnationalismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, speziell seit 1870, zu entgehen. Auf sie beziehen sich nicht nur Extreme gern, wenn es um die deutsche Nation geht. Andererseits können mit ihr viele andere wenig bis nichts anfangen. Wenn wir über Nation streiten, dann geht es meist um jene Ära.

Föderative Nation

Aber es gibt ein Davor und Danach. Der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche hat seine Überlegungen zur Föderativnation nun in einen thesenhaft gerafften Gesamtüberblick zur deutschen Geschichte seit dem Mittelalter münden lassen. Er betont, dass unser Nationalverständnis schon vor 1870 ausgeprägt war – es kam aus einer Zeit, „in der nationale Einigkeit nicht nationalstaatliche Einheit bedeutete“. Der Nationalstaat war, so Langewiesche, „ein Geschichtsbruch“. Da er verbunden war mit über Deutschland hinausgreifenden Vorstellungen von Macht und Beherrschung (schon in Teilen der Paulskirchenversammlung), schuf er auch ein anderes Nationalverständnis. Ebenjenes, das immer aggressiver wurde und im NS-Staat kulminierte.

Aber die Vorstellung der Föderativnation ist nie ganz verdrängt worden, und an sie anzuknüpfen, kann es erleichtern, sich auf eine gelassenere Variante von Patriotismus einzulassen. Aber dann muss man eben auch zu Verfassungstraditionen stehen. Die föderative Tradition ist ein spezieller deutscher Eigenweg in Europa. An ihm orientiert sich nunmehr der Bau der Europäischen Union. Die postnational fühlenden Europa-Befürworter sollten, so gesehen, erkennen, dass man Verwirrung stiftet, wenn diese Tradition einerseits daheim kritisiert wird (bis hin zur Forderung, man müsse sie jetzt endlich mal überwinden, ein Topos des Nationalismus von einst), um sie den anderen dann gern als gute Lösung für ein gemeinsames Europa anzutragen.

Hans Maier: Deutschland. Wegmarken seiner Geschichte, C. H. Beck, München 2021. 206 Seiten, 24 €.

Dieter Langewiesche: Vom vielstaatlichen Reich zum föderativen Bundesstaat. Eine andere deutsche Geschichte. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2021. 112 S., 19,90 €.