Der Pate der Provokation

„Als ich sein Zeug zum ersten Mal sah, war ich schockiert. Ich meine, das wollte einfach nicht in meinen Kopf rein. (…) Und deshalb hab’ ich bei Wilson automatisch abgeschaltet. Ich weigerte mich, über ihn nachzudenken, ihn zu betrachten. Aber dann ging ich doch wieder an ihn ran. Immer wieder. Und schaute immer genauer hin und sabberte vor Begeisterung.“

So äußerte sich MAD-Gründer und Comic-Urgestein Harvey Kurtzman über S. Clay Wilson. Und in der Tat ist der Zugang zu Wilsons Werk nicht einfach. Seine Figuren sind kotzhässlich, seine Bilder unübersichtlich, das Dargestellte strotzt vor Brutalität, Perversion und schlechtem Geschmack.

Dazu kommt, zumindest in Deutschland, dass sein Werk auch rein technisch schwer zugänglich ist: Über die Jahre erschienen genau drei Comicalben von S. Clay Wilson auf deutsch, und das, obwohl Wilson einer der wichtigsten Underground-Pioniere neben Robert Crumb und Gilbert Shelton war.

Den jüngsten dieser drei Bände verdanken wir Mecki-Zeichner Hansi Kiefersauer, der früher sehr undergroundig unterwegs war. Er brachte Ende der Achtziger zwei Anthologie-Comics namens „Mixed Pickles“ beim Semmel Verlach heraus, in denen auch ein Comic von Wilson zum Einsatz kam. Die zweite und älteste deutsche Veröffentlichung erschien 1971 beim Verlag Schoengeist: „Gung Ho! All American Comicks“ enthielt Beiträge von verschiedenen amerikanischen Underground-Zeichnern, unter anderen auch S. Clay Wilson.

Dazwischen brachte der legendäre Volksverlag 1979 den „U-Comix Sonderband 20“ heraus, der auf fetten 220 Seiten ausschließlich Comics von S. Clay Wilson abdruckte. Dieser Band ist bis heute das Standardwerk für deutsche Wilson-Anhänger, und ich erinnere mich noch gut, dass es nicht so einfach war, diesen antiquarisch zu beschaffen.

Paper Man: Ein Selbstporträt von S. Clay Wilson, veröffentlicht im U-Comix-Sonderband.Foto: U-Comix/Promo

Auf Börsen hatte ich kein Glück, und regelmäßig schaute ich vergeblich auf Online-Marktplätzen vorbei. Bis eines Tages ein Exemplar bei eBay eingestellt wurde. Neugierig schaute ich nach, welche Produkte der Verkäufer noch versteigerte, und stellte fest, dass es bis auf den Wilson-Band ausschließlich Abzüge von pornografischen Fotos aus den Siebzigern waren. Das irritierte mich schon ein wenig…

Ich stellte mir vor, dass der Verkäufer im Nachlass seines verstorbenen Onkels einen geheimen Schuhkarton gefunden hatte, in der pornografische Fotos und dieser eine Comic lagen. Es passte irgendwie zu Wilson, etwas ekelig und gleichzeitig mysteriös.

Das ganze hielt mich jedenfalls nicht davon ab, auf den Wilson-Band zu bieten, für den sich auch schon ein anderer Bieter interessierte. Kurz vor Ablauf der Frist setzte ich robuste 32,58 Euro und bekam für schlappe 6,50 den Zuschlag. Was für ein Schnäppchen!

Gwaltig, sperrig, ohne Beispiel

Was einen in jenem 20. U-Comix Sonderband erwartet, ist gewaltig, sperrig, ohne Beispiel, der Gipfel der Provokation. Die „New York Times“ schrieb in ihrem Nachruf: „Mr. Wilsons hyperbolische Geschichten sind in dieser Zeitung so gut wie unbeschreiblich.“

Ich will es in unserer Zeitung hier trotzdem einmal probieren: Piraten und Rocker bringen sich gegenseitig um oder verschmelzen in bizarren sexuellen Akten miteinander. Absonderliche Gestalten wie „The Checkered Demon“ oder „Star Eyed Stella“ nehmen sich nichts in ihrer Amoralität und sind für einen Hühnchenschenkel bereit, alles abzumurksen, was zwischen ihnen und der Mahlzeit steht.

Bückware: Der U-Comix-Sonderband 20 ist eine der wenigen deutschen Wilson-Veröffentlichungen, hier das Titelbild.Foto: Promo

Weder explizite Gewalt noch überdimensionierte Genitalien werden beschönigt oder ausgespart. Alles ist Gewusel, Gefluche, Gehacke. Nicht umsonst landete der Band auf der „Liste der jugendgefährdenden Schriften“, von der er erst im neuen Jahrtausend wieder gestrichen wurde.

Steven Clay Wilson wurde 1941 in Nebraska geboren. Er fing früh an zu zeichnen, und nach einigen Umwegen und ersten Veröffentlichungen verschlug es ihn 1968 nach San Franciso. Hier war er genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gelandet. Die kurz zuvor entstandene Undergound-Comicszene wartete nur auf einen wie ihn. Wilson lernte Zeichner wie Robert Crumb kennen und fing sofort an, Beiträge für das legendäre Underground-Heft „ZAP“ beizusteuern.

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Wo Crumb hauptsächlich autobiografische Geschichten zeichnete, entschied sich Wilson, fantastische Comics zu Papier zu bringen. Seine Werke sind im weiteren Sinne Genrecomics, und gerade deswegen zeitlos. Sie scheren sich nicht um historische Fakten, weswegen es fast egal ist, ob seine Protagonisten nun Piraten oder Rocker sind (in „Time Warp Tales“ werden sie folgerichtig auch miteinander ausgetauscht).

Der Mensch an sich in all seiner Verderbtheit

Obwohl sich Wilsons Geschichten mit Doppelmoral und Egoismus beschäftigen, sind sie nicht konkret gesellschaftskritisch, sondern viel eher übergeordnet menschheitskritisch. Der Mensch an sich in all seiner Verderbtheit wird hier zum Thema.

Man braucht nur die Nachrichten anzuschalten, um zu sehen, dass Wilson eigentlich kaum übertreibt, sondern, wenn auch unter dem Brennglas, ungeschönt darstellt. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, und sei es nur durch die Katharsis der Leserschaft.

The Checkered Demon: Die erste Seite aus dem U-Comix-Sonderband bereitet das Publikum auf das vor, was kommt.Foto: U-Comix/Promo

Wilson ließ sich dabei unter keinen Umständen beschränken. Wollte man sein Werk auf eine familientaugliche Veröffentlichung herunterzensieren, es bliebe nichts übrig. Und obwohl er in seinen späten Jahren in Galerien gezeigt wurde, und sich mit gemalten Bildern seiner kranken Charaktere aus Underground-Zeiten den Lebensunterhalt verdiente, blieb ihm im Gegensatz zu Crumb eine Anerkennung durch das Bildungsbürgertum und den etablierten Kunstbetrieb stets verwehrt. Was ihm allerdings herzlich egal war.

„Wenn du nicht gut genug bist, um Comiczeichner zu sein, kannst du immer noch Künstler werden“, hat Wilson einmal gesagt. Das muss bei den großen deutschen Comicverlagen, wo die einzige Marketing-Strategie der letzten Jahrzehnte darin bestand, mit Hilfe der Verklausulierung von Comics als „Graphic Novels“ diese möglichst reibungslos im Literaturbetrieb zu assimilieren, geradezu schockierend klingen.

Von Wilson inspiriert: Bela Sobottkes Hommage aus seinem Comic “Keiner killt so schön wie Rocco”.Foto: Bela Sobottke

Aber es ist wahr: Romane? Das sind höchstens verkrüppelte Comics (schließlich fehlen die Bilder)! Malerei? Unterentwickelt (es gibt weder Bildsequenzen noch Text)! Der Comic in seiner Kombination von Text und Bild ist die Weiterentwicklung des vorherigen, der Gipfel aller kreativer Ausdruckskraft.

Der Literatur- und Kunstbetrieb sollte dankbar sein, sich im hellen Licht der Comics sonnen zu dürfen. Und wir Comiczeichner:innen sollten aufhören, nach der Anerkennung durch Literatur und Kunst zu hecheln. Das lehrt uns S. Clay Wilson.

2008 wurde Wilson bewusstlos und schwer verletzt auf der Straße zwischen zwei Autos gefunden. Bis heute ist unklar, ob er überfallen wurde, in einen Streit geriet, oder einfach nur gestürzt ist. Von den Hirnverletzungen dieses Vorfalls erholte er sich nie vollständig und litt zuletzt unter Demenz.

Am vergangenen Sonntag, dem 7. Februar 2021, verstarb S. Clay Wilson mit 79 Jahren im Beisein seiner Frau Lorraine Chamberlain in seinem Haus in San Francisco.

Unser Autor Bela Sobottke ist Grafiker und Comiczeichner und lebt in Berlin. Seine Comics wie „Die Legende von Kronos Rocco“ rückten Kritiker hin und wieder in die Nähe von S. Clay Wilson.