Der Museumsbund fordert eine neue Ethik

Vier Jahre hat die Erstellung gedauert, nun ist der Leitfaden des Deutschen Museumsbunds zum „Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ in seiner dritten Auflage endlich vollendet. Einen e-Reader gibt es dazu, außerdem Übersetzungen ins Englische und Französische. Ein einzigartiges Angebot in Europa, wie der Geschäftsführer des Museumsbundes David Vuillaume betont.

Der Leitfaden richtet sich vor allem an Museen, um ihnen praktische Hilfe zu geben. Nicht nur die Ethnologischen Sammlungen, Ausstellungshäuser jeder Richtung bis hin zu den Heimatmuseen haben hier Aufarbeitungsbedarf. Das Bundeskulturministerium gab 300 000 Euro für die Veröffentlichung, ein klares Bekenntnis zur kolonialen Vergangenheit, laut Günter Winands, Amtschef bei Monika Grütters.

Die finanziellen Ressourcen der Museen reichen nichts aus

Es könnte ein Zeichen des Aufbruchs sein, so war Veränderungswille gestern bei der digitalen Präsentation des Leitfadens zu spüren. Aber auch die Sorge, dass die finanziellen Ressourcen der Museen nicht reichen für eine Untersuchung, genauer: Onlinisierung der Sammlungsbestände und den Dialog mit den Interessensvertreter:nnen aus den Herkunftsgesellschaften.

Dazu gehören ebenso Reisemöglichkeiten für Kolleg:nnen etwa aus Afrika, Visa und Stipendien. „Ein neue Ethik für den globalen Kulturaustausch“ forderte deshalb Eckart Köhne, Präsident des Museumsbunds. Nur so bekomme der Prozess Glaubwürdigkeit. Zugleich ließ er durchblicken, dass diese neue Ethik ihre Kosten hat.

Herausragende kultische Objekte müssen schneller restituiert werden

Expert:nnen aus Tansania, Namibia, Taiwan, Alaska, Bolivien, der Türkei, Samoa, Neuseeland wurden beteiligt an der Erstellung des Leitfadens, der sich von seinen beiden Vorgängern darin unterscheidet, dass er auch rechtliche Fragen zu beantworten sucht und Handlungsoptionen anbietet. Neu sei das Bekenntnis, betonte Wiebke Ahrendt, Direktorin des Bremer Überseemuseums, dass Objekte mit herausragender kultischer Bedeutung oder Grabbeigaben schneller zurückgegeben werden können, wie dies bei der Rückführung menschlicher Überreste bereits der Fall sei.

Zugleich warnte die Leiterin der Arbeitsgruppe für den Museumsleitfaden vor einer Verzerrung der Diskussion. In den Herkunftsgesellschaft seien Rückgaben gar nicht unbedingt gewollt. Vielmehr werde von dort mehr Zusammenarbeit gewünscht, mehr Einblick in die Sammlungsbestände deutscher Museen und mehr gemeinsame Ausstellungen.

Nicht immer ist Rückgabe das Ziel. Gewünscht sind mehr Kooperationen

So wolle Samoa bei einer Präsentation von Exponaten aus dem Bremer Überseemuseum den Akzent auf die dramatische Klimaveränderung richten und anschließend die Objekt wieder zurückschicken, weil es die Möglichkeit einer adäquaten Aufbewahrung im Lande nicht gebe.

Andere Vertreter:nnen etwa aus Alaska lehnten die Verschickung schamanistischer Exponate ohnehin ab, weil sie Schaden anrichten könnten, wenn sie von den falschen Personen gesehen würden, nannte Ahrndt als anderes Beispiel. Dass eine systematische Onlinisierung der Bestände in den Herkunftsgesellschaften massive Restitutionsforderungen auslösen könnten, fürchtet sie sowieso nicht.

In den Niederlanden, die hier in den 1990er Jahren sehr viel fortschrittlicher waren, blieb eine entsprechende Reaktion aus. Die Zeiten könnten sich allerdings geändert haben.