Der Mahnmal-Experte

Zu Dani Karavans heutigem 90. Geburtstag gibt es gute Nachrichten aus Berlin. Im Sommer sah es zunächst so aus, als würden die Bauarbeiten der Deutschen Bahn für den Ausbau der S-Bahn 21 vom Potsdamer Platz zum Hauptbahnhof mitten durch das von Karavan entworfene Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas verlaufen.

Der Zentralrat der Sinti und Roma protestierte heftig, viele Organisationen schlossen sich unter dem Slogan „Unser Mahnmal ist unantastbar“ an. Der Künstler drohte damit, den Gedenkort mit dem schwarzen Wasserbecken in der Mitte notfalls unter Einsatz seines eigenen Körpers zu verteidigen. Nun sieht es so aus, als sei das nicht nötig. Die Bahn legte eine Alternative vor.

Demnach soll das Denkmalgelände zwischen Reichstag und Brandenburger Tor für die Trassenführung der geplanten S-Bahnlinie zwar untertunnelt werden, das Mahnmal aber soll an der Oberfläche vollständig geschützt bleiben, heißt es in einer Meldung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

Eine offene Baugrube werde es nur vor und hinter dem Denkmalgelände geben. Das scheint eine gute Lösung für alle zu sein. Beste Voraussetzungen für einen friedvollen Geburtstag.

Der in Tel Aviv geborene Sohn eines Landschaftsarchitekten studierte Kunst in Jerusalem, gründete einen Kibbuz, arbeitete als Maler und studierte Freskomalerei an den Akademien in Florenz und Paris.

Zurück in Israel entwarf er Bühnenbilder, etwa für die Batsheva Dance Company oder die berühmte Kompanie der US-Choreografin Martha Graham. Mit Anfang Dreißig bekam er bereits große staatliche Aufträge, gestaltete Wandreliefs für den Justizpalast in Tel Aviv und den Plenarsaal der Knesset.

Für Nürnberg schuf er die „Straße der Menschenrechte“

Karavans erstes Landschaftsmonument, das alle seine Talente vereint, entstand zwischen 1963 und 1968 in der Negev-Wüste bei Beer Sheba. Das Denkmal für die Palmach-Brigade im israelisch-arabischen Krieg von 1948 wurde mit seinen Betonskulpturen, schiefen Ebenen, Akazienbäumen, Wasserbecken und Windorgeln zu einem mystischen Ort mitten in der Wüste. Und brachte dem Künstler internationale Aufmerksamkeit.

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Ikonische Projekte Karavans sind die drei Kilometer lange „Axe Majeur“ im französischen Cergy-Pontoise oder die „Straße der Menschenrechte“ in Nürnberg, die seit 1993 mit 27 Pfeilern eine Verbindung zwischen dem Kornmarkt und der Stadtmauer schafft. Kurzfassungen der Menschenrechtsartikel sind in deutscher und anderen Sprachen dort verewigt.

Kämpferisch. Dani Karavan.Foto: Mike Wolff

Karavan vermag das Erinnerungspotenzial eines Ortes zu erschließen, oft sind es Plätze der nationalsozialistischen Vergangenheit. So auch das Walter Benjamin-Denkmal „Passages“, für das Karavan eine schmale Ufertreppe in Portbou an der spanisch-französischen Grenze baute, wo sich Benjamin auf der Flucht vor den Nazis 1940 das Leben nahm.

Karavan ist alles zugleich: Bildhauer, Architekt, Event-Spezialist, Gärtner, Historiker

Man würde Dani Karavan nicht gerecht, ihn einen Bildhauer, Künstler oder Architekten zu nennen. Er ist alles drei zugleich, zudem Event-Spezialist, Gärtner, Historiker und ein polyglotter Kommunikator, der sich beim Verhandeln mit Bauträgern, Regierungen und Verbänden nicht unterkriegen lässt. Er gilt als kompromisslos, wenn es um die baulichen Details geht, aber vor allem als steter Mahner für die Menschenrechte.

Auch Berlin verdankt ihm viel. Von Karavan stammt die gläserne Skulptur „Grundgesetz 49“ entlang der Spreepromenade, die den Außenhof des Jakob-Kaiser-Hauses mit dem Uferbereich verbinden.

Die 19 Grundrechtsartikel des Grundgesetzes sind auf die Glasoberflächen graviert. Sein 2012 eingeweihtes, zwei Jahrzehnte lang gefordertes Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma ist heute ein Ort der Einkehr, inmitten des Verkehrsrauschens und der Touristenströme.

Ein ergreifendes Ritual: die welke Rose wird immer wieder ersetzt

Leicht versteckt liegt es im Tiergartenstück neben dem Reichstag, umgeben von einer Mauer, in der Mitte ein kreisrundes Wasserbecken mit schwarzem Grund. Jeden Tag vollzieht sich dort ein Erinnerungsritual: Auf einer Stele im Wasser ist eine Blume platziert, sobald sie verwelkt ist, versinkt die Stele im Grund, und in einem unterirdischen Raum wird eine frische Blume aufgelegt. Wird die S-Bahn gebaut, muss nur der Versorgungstunnel dafür teils erneuert werden.