Der kultivierte Grübler

Dieses Gesicht hat eine Melodie. Welcher Filmstar kann das schon von sich behaupten? Die melancholischen Züge von Jean-Louis Trintignant sind auf ewig verbunden mit Francis Lais Titelmelodie aus dem Liebesfilm „Ein Mann und eine Frau“: ein sanfter Bossa-Rhythmus mit diesem wehmütig dahingehauchten „ba-dada-dada-da-da dada-dada-dada-da-da“, in dem ein Hauch von Chanson mitschwingt. Mondän und schwülstig.

Der Film machte Trintignant 1966 zum internationalen Star – und seinen Regisseur Claude Lelouch, sehr zum Missfallen der jungen Wilden der Nouvelle Vague, zum Inbegriff des französischen Autorenkinos. Dieser Film ist Musik. Die Kompositionen sind schon zu Drehbeginn fertig, Trintignant und seine Partnerin Anouk Aimée führen vor der Kamera eine Choreografie auf. „Die Musik trug uns“, erzählt er später.

Lelouch lässt Trintignant einen Kindheitswunsch ausleben. Seine Figur, die ebenfalls Jean-Louis heißt, ist Rennfahrer, ein Mann für die intensiven Momente des Lebens – in der Liebe wie in der Steilkurve. Die Rolle des kultivierten Grüblers und Draufgängers ist Trintignant wie auf den Leib geschrieben. Er entstammt einer Industriellenfamilie, fast wäre er selbst Rennfahrer geworden. Es kommt dann anders.

Eigentlich wurde Jean-Louis Trintignant, der an diesem Freitag seinen 90. Geburtstag feiert, nur Schauspieler, um seine Schüchternheit zu überwinden. Das erzählt er immer wieder, und man könnte es für Koketterie halten.

Schließlich hat er gleich in seiner ersten Rolle als unbedarfter Jüngling in „Und immer lockt das Weib“ (1956) das Herz von Brigitte Bardot erobert – genauer gesagt: sie das seine mit einer skandalösen Sambanummer, die Kinogeschichte schrieb. Trintignant und Bardot sind dann auch privat kurz das Traumpaar des französischen Kinos, eine Liaison, an die er weniger leidenschaftliche Erinnerungen hat als Bardot in ihren Memoiren.

Er spielte den wortkargen Killer

Aber gerade weil er für melancholisch-intellektuelle Figuren so prädestiniert ist, am schönsten vielleicht in Eric Rohmers Moralstück „Meine Nacht bei Maud“, in dem er einen prinzipientreuen Katholiken spielt, wartet auf ihn ab den späten Sechzigern eine zweite Paraderolle: der wortkarge Killer.

In Sergio Corbuccis blutigem Schneewestern „Leichen pflastern seinen Weg“ – als stummer Revolverheld, was schade ist, weil Trintignant auch eine Charakterstimme besitzt, die er unter anderem Jack Nicholson in der französischen Fassung von „The Shining“ leiht –, in den ökonomischen Gangsterfilmen von Jacques Deray, insbesondere „Brutale Schatten“ (ein Denkmal an Los Angeles, wie es nur ein Franzose schafft), und dem Prunkstück des europäischen Kinos: Bernardo Bertoluccis „Der große Irrtum“, in dem er als willfähriger Faschist seine makellose Erscheinung in emotionale Eiseskälte taucht.

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Unter den Großen des französischen Kinos verkörpert der stille Trintignant selbst in seinen moralisch abgründigen Rollen eine charakterliche Integrität. Das erkennt auch Constantin Costa-Gavras, der ihn als unbestechlichen Richter in seinem Politthriller „Z“ besetzt.

Mitte der Neunziger spielt er in “Drei Farben: Rot”

Diese Figur klingt Mitte der Neunziger noch einmal in Krzysztof Kieślowskis „Drei Farben: Rot“ nach: Im Abschluss der Trilogie, Kieślowskis letztem Film, spielt Trintignant einen pensionierten Richter, der aus seiner Einsamkeit heraus mit den Leben seiner Mitmenschen Gott spielt.

Das Schicksal meint es auch mit Trintignant nicht gut, er hat zwei seiner drei Kinder überlebt. 1970 stirbt seine neun Monate alte Tochter Pauline, 2003 wird Marie von ihrem Liebhaber getötet. Danach verabschiedet er sich aus der Öffentlichkeit.

wei Mal feierte Trintignant seitdem ein Comeback, doch im Gegensatz zu den Rolling Stones gab es dafür gute Gründe. Vor acht Jahren schenkte der Menschenskeptiker Michael Haneke ihm und Emmanuelle Riva mit „Liebe“ zwei Altersrollen, die sich schon wie ein Lebensbilanz ausnehmen. Trintignant und Riva spielen ein Ehepaar, gleichzeitig verkörpern sie das französische Kino. Selten hat sich das Älterwerden tröstlicher angefühlt. Und Trintignant gewinnt nach fast 60 Jahren endlich seinen César, den französischen Oscar.

2017 wird bei Trintignant dann Krebs diagnostiziert, seine Filmkarriere scheint mit 87 Jahren endgültig ein natürliches Ende zu finden. Doch es gibt eine Rolle, für die er noch einmal zurückkehrt; mit ihr schließt sich sozusagen der Lebenskreislauf. Im vergangenen Jahr steht Jean-Louis Trintignant zum dritten Mal mit Anouk Aimée vor der Kamera, wieder mit dem Regisseur Claude Lelouch. Schon der Titel klingt wie ein Abschied, „Die schönsten Jahre eines Lebens“. Die dazugehörige Melodie ist seit über 50 Jahren ein Evergreen.