Der Krieg hat ein weibliches Gesicht

Ein mühsames Atmen, ein Kicksen, ein Röcheln: Fast wähnt man sich an der Seite eines Covid -19-Patienten. Aber es ist eine der Absencen von Iya (Viktoria Miroshnichenko), der jungen, hageren Frau, die wegen ihrer hochgewachsenen Gestalt nur Bohnenstange genannt wird. Regelmäßig wird sie von Schockstarren ereilt, dann kann sie sich nicht mehr regen, bekommt nur schwer Luft, wird zur lebendigen Toten. Ein Kriegssyndrom. An der Front hatte sie offenbar ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten.

Leningrad, Herbst 1945. Iya arbeitet in einer Veteranenklinik. Die verwundeten Soldaten machen Turnübungen mit ihren verstümmelten Gliedmaßen, und wenn sie den kleinen Pashka, um den Iya sich kümmert, mit Tierpantominen aufmuntern, macht Regisseur Kantemir Balagow Gruppenbilder von eigentümlicher Schönheit daraus. Blasse Gesichter, gebleichtes Leinen, Kopfverbände, weiße Kopftücher, es sind Tableaux voller sanfter Zombies.

Balagow, der mit „Bohnenstange“ in Cannes auch als russisches Regiewunder gefeiert wurde, wie schon mit seinem Debütfilm von 2017, dem jüdischen Entführungsdrama „Closeness“, hat einen Film über Frauen im Krieg gedreht, angeregt vom Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

Der jetzt 29-Jährige, der bei Alexander Sokurow in die Schule ging, ist ein Meister der Körpernähe, des Close-ups. Die knochige Physis von Iya, ihr ebenfalls blasses, wächsernes, von weißblondem Haar gerahmtes Gesicht, die hilflosen Männer, aus nicht heilen wollenden Wunden blutende Patienten, die dicken Wollstoffe, Mäntel und Mützen zum Schutz vor der bald eintreffenden Winterkälte, die notdürftigen und doch heimeligen Interieurs im Krankenhaus und der Kommunalka, der Gemeinschaftswohnung, in der bald auch Iyas resolute, von der Front in Berlin heimgekehrte Freundin Masha (Vasilisa Perelygina) auftaucht: Es sind Einstellungen von frappierender Sinnlichkeit.

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Noch mehr Tableaux: Die wenigen Straßenbilder zeigen frierende, verstörte, in Gruppen wartende Menschen. Diese Jahreszeit kennt kein Draußen, nur Innenlebenswelten.

Bilder vom Krieg sind gewöhnlich schwarz-weiß. Regisseur Balagow dagegen setzt diese insgesamt schockstarre Nachkriegsgesellschaft in Genrebildern von magischer Intensität in Szene. Die Kamera von Ksenia Sereda traumwandelt durch Räume mit Rembrandt’scher Lichtsetzung und kräftigen Farbtönen – wobei die permanenten Rot-Grün-Kompositionen doch etwas zum Kunsthandwerklichen tendieren.

Die Menschen sind verwundete Tiere in diesem Film

Pashka ist Mashas Sohn, er wird Opfer eines tragischen Unfalls bei einer von Iyas Absencen. Masha, ebenfalls traumatisiert, will gleich wieder ein Kind. Aber wie schenkt man Leben, wenn das eigene Leben, wenn Körper und Seele derart verletzt sind, in einer von Lebensmüdigkeit heimgesuchten Stadt? Davon erzählt „Bohnenstange“: von versehrten, zutiefst verletzten Existenzen, von Schuld und Scham derer, die weitermachen, vom Tod umfangen. Wie Masha sich bei einer Zufallsbegegnung Sasha (Igor Shirokov) krallt, einen jungen Mann aus der Oberschicht, ihn buchstäblich in sich hineinzerrt und nicht schwanger werden kann. Wie sie Iya zum Beischlaf erpresst, damit diese ihr Kind austrägt – und den freundlichen Arzt aus der Klinik dazu. Wie so ein erzwungener Beischlaf dann aussieht, nicht brutal, im Gegenteil: Auf dem Bettgestell kauern verängstigte Tiere.

Iya und Masha, zwei Frauen, die einander zu trösten versuchen

Bei aller visuellen Poesie ist Balagow gleichzeitig ein hochpolitischer Regisseur. Ihm genügen knappe, präzise Andeutungen, ob es um Sterbehilfe in der Klinik geht, um die Rote Armee in Berlin oder die Verzweiflungs-Selbstmorde in den Monaten nach dem Krieg.

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Oder Mashas Antrittsbesuch bei der bourgeoisen Familie Sashas. Selten eine derart vielsagende Kamera-Heranfahrt an eine Villa mit Säulenportikus gesehen, selten einen derart spitznasigen Hund. Auch die neuen Machtverhältnisse handeln die Frauen unter sich aus. Sashas Mutter gehört zu Stalins Nomenklatura, mit wenigen Nachfragen über Mashas tatsächliche Dienste an der Front demütigt die Politikerin die Verlobte ihres Sohns.

Frauen als Täterinnen, Frauen als Opfer, als Verräterinnen, als Verbündete. Iya und Masha suchen Trost beieinander, Heilung in der Illusion von einer kleinen Familie, einem friedlichen Leben. Wenn da nicht dieser Tinnitus-Ton wäre, diese Aussetzer, die noch den Abspann heimsuchen.
In Berlin ab 22.10. im Kant-Kino, OmU im City Kino, Filmrauschpalast, Delphi Lux, Hackesche Höfe IL-Kino, Krokodil, Sputnik