Der Inzaghi der Neuzeit

Als ich am Mittwochabend das Champions-League-Spiel von Juventus Turin gegen den FC Barcelona schaute, machte ich eine übersinnliche Erfahrung. Filippo Inzaghi hat seine Spielerkarriere zwar schon vor acht Jahren beendet, ist mittlerweile 47 und trainiert den tapferen, kleinen Serie-A-Aufsteiger Benevento, irgendwie schien er sich aber wieder in das Juve-Trikot mit der Nummer neun geschlichen zu haben. Das hatte er schon Ende der Neunziger für einige Jahre getragen, bevor er bei Milan zwei Mal die Champions League gewann und mit Italien Weltmeister wurde.

Na gut, rein optisch sprach vieles dafür, dass im Sturm des italienischen Serienmeisters tatsächlich der Spanier Alvaro Morata spielte – so wie es auch die Trikotbeflockung suggerierte. Aber die Bewegungen, das war doch eindeutig „Super Pippo“! Drei Mal startete Juves Neuner im Rücken seines Verteidigers am Rande des Abseits und drei Mal schoss er den Ball eiskalt in Barcas Tor.

Dennoch wurde das Stürmerphantom, nennen wir es der Einfachheit halber Alvaro Inzaghi, nicht zum Matchwinner, sondern zum tragischen Helden. Denn alle drei Treffer wurden wegen weniger Zentimeter aberkannt, die Spanier gewannen 2:0.

Sir Alex Ferguson, der als ewiger Trainer von Manchester United genügend Gelegenheiten zum ausführlichen Studium Inzaghis hatte, sagte einmal: „Der Junge wurde im Abseits geboren.“ Und tatsächlich würden wohl viele seiner 302 Profitore einer Überprüfung durch den Videoassistenten nicht standhalten.

Vom Torjäger zum Trainer. Mit Benevento ist Filippo Inzaghi im Sommer in die erste Liga aufgestiegen.Foto: imago images/Insidefoto

Morata ist in dieser Beziehung so etwas wie der Inzaghi der Neuzeit. Italienische Medien haben nachgerechnet: Im Kalenderjahr 2020 hat Morata in 29 Spielen für Juve und Atletico Madrid zehn reguläre Treffer erzielt, elf weitere wurden wegen Abseits aberkannt. Was für eine Quote!

Man kann nur froh sein, dass es derlei technische Hilfsmittel zu Inzaghis Spielerzeiten noch nicht gegeben hat. Denn das Lauern am Rande des Abseits, das Vorausahnen von Möglichkeiten war seine einzige herausragende Qualität. Der große Johan Cruyff sagte über Inzaghi einmal: „Eigentlich kann er überhaupt nicht Fußball spielen. Er ist einfach immer nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Alvaro Morata ist momentan zur richtigen Zeit immer einen Schritt zu nah am Tor.