Der hellsichtige Demokrat

In den letzten Jahren war die Malerei an die Stelle des Journalismus getreten. Aber eines der bestimmenden Motive blieb für Klaus Hartung auch da die Stadtlandschaft Berlins, wahrgenommen in der gedeckten Farbigkeit der neuen Sachlichkeit, jene „Hauptstadt der Melancholie“, die ihn als Autor geprägt hat.

 Ohnedies galt sein Interesse in den letzten Jahren zunehmend der Wiederherstellung der Stadt nach ihrer Wiedervereinigung, zumal ihrer historischen Mitte. Das war die Konsequenz davon, dass der Prozess der Wiedergeburt der Stadt seit der Wende zum Thema seines Schreibens und seiner leidenschaftlichen Anteilnahme geworden war – was er auch in Essays für den Tagesspiegel reflektierte. Und keiner hat den dramatischen Zeitraum der ersten zwei Jahrzehnte nach der Maueröffnung, der einmal als eine der großen Geschichten unserer Zeit gelten wird, mit solch sprühender Intensität und intellektueller Eindringlichkeit beschrieben wie er. Angefangen mit dem Trommelwirbel des Buchs über den Ursprung dieses Prozesses, im Schwung der Ereignisse noch im Vereinigungsjahr geschrieben. Es hieß lapidar „Neunzehnhundertneunundachtzig“ und weckte bewusst die Assoziation zur weltgeschichtlichen Zäsur der französischen Revolution.

 In seinen Artikeln zeichnete er – zumeist als Berlin-Korrespondent der „Zeit“, die ihn nach gut zehn Jahren als „taz“-Redakteur 1991 unter Vertrag nahm – den Weg der Vereinigung mit ihren Hochs und Tiefs nach, mit ihren Risiken und Perspektiven, immer zugleich scharf beobachtend und eindringlich analysierend. Es spricht dabei für ihn, dass er auch den „leisen Stich eines Glücksgefühls“ registrierte, der sich damals bei den Zeitgenossen angesichts der Erlebnisse der unglaublichen Veränderungen immer wieder eingestellt hat.

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Dabei lag dieses Thema nicht unbedingt in der Linie seiner Biographie, aber wer wäre schon der elementaren Wende der neunziger Jahre gewärtig gewesen. Klaus Hartung gehörte zur 68er Generation, die ihn tief geprägt hat. Der gebürtige Sachse, Jahrgang 1040, ausgestattet mit den ostdeutschen Nachkriegserfahrungen, wuchs in Hagen auf, studierte zunächst in Bonn und kam 1963 nach Berlin, wo er an der Freien Universität unter anderem Politik, Germanistik und Religionswissenschaften studierte. Das säkulare Aufbegehren der Studentenbewegung brachte er auf den Begriff einer „langdauernden Jugend im linken Ghetto“ – so der Titel seines 1978 erschienenen, seinerzeit viel diskutierten „Kursbuchs“-Artikels.

Mit der 68er-Generation ging er hart ins Gericht, blieb ihr aber immer zugehörig

Klaus Hartung hat diese Zugehörigkeit in allen Konsequenzen gelebt und erlebt, als Teil der Westberliner linken Szene und ihrer zwiespältigen Entwicklungen. Er gehörte damals durchaus zur radikalen Fraktion, doch er versagte sich der Gewalt, die Teile von ihr nach dem Tod von Benno Ohnesorge 1967 begrüßten und auch anwendeten.

Mit alledem gibt Hartung ein Beispiel dafür, wie man sich zu diesem Kapitel der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, zu seinem Scheitern und Weiterleben, auch stellen konnte. Er ging mit ihren Deformationen und Fehlentwicklungen hart ins Gericht, aber er zerriss nicht das Band, das ihn mit diesem Kapitel verknüpfte.

Klaus Hartung, ein hellsichtiger Autor, der auch die eigenen Irrtümer reflektierte

An ihm, der sich eine Zeitlang auch in Italien in der Antipsychiatrie-Bewegung engagierte, konnte man erkennen, dass es aus dem antiautoritären Aufbegehren einen Weg zum entschiedenen, liberalen Demokraten gab. Und zwar ohne Konversion, sondern durch die Arbeit der Reflexion und Erkenntnis.

 In einem seiner letzten Essays, den er auf seiner Webseite eingestellt hat – und den man als eine Art intellektuelles Vermächtnis auffassen kann – hat Hartung subtil und kritisch diese Position ausgebreitet. Seine Kritik an den 68ern ist radikal und von der Hellsichtigkeit eines Autors, der ihre Irrtümer an sich selbst erfahren hat. Gerade deshalb hat es etwas Anrührendes, wie beredt er dort das Erlebnis der Zugehörigkeit zu dieser Generation verteidigt. Nicht nur mit ihrem Anteil an der Entkrampfung der Bundesrepublik, der ihr heute weitgehend zugestanden wird, sondern mit dem „exzentrischen Glück“ einer Generationserfahrung. Diese Erfahrung habe für ihn und die protestierende Generation „das seit der Kindheit entbehrte Einverständnis mit sich selbst gestiftet“. 

Man muss seine Sicht nicht teilen, aber Hartungs Schreiben und Denken haben einen eindrucksvollen Beleg für die Fruchtbarkeit gegeben, die aus den Wegen und Umwegen solcher Biographien entstehen konnten.
Im August 2020 hatte Klaus Hartung einen schweren Unfall erlitten. Zum Jahreswechsel erreichte die Öffentlichkeit die Nachricht, dass er am 27. Dezember im Alter von 80 Jahren an dessen Folgen gestorben ist.