Der große Sprung zu Alba

Für Simone Fontecchio hat Sport schon immer dazugehört und so konnte der Basketballer von Alba Berlin auch in der Quarantäne seiner Mannschaft nicht anders. „Ich habe versucht zu widerstehen, aber ich musste ihn einfach kaufen“, sagt der 24 Jahre alte Italiener über einen kleinen Basketballkorb, den er für seine Tochter bestellt hat. Oder vielleicht doch eher für sich selbst, denn die elfmonatige Bianca interessiert sich noch nicht so sehr für Ball und Korb. Der Papa dafür umso mehr.

Schon der Opa war Nationalspieler

Es ist kein Wunder, dass Albas Neuzugang, der an diesem Mittwoch (20 Uhr, live bei Magentasport) mit seinem Team in der Euroleague auf Asvel Villeurbane trifft, nicht ohne Sport kann. Schon sein Opa Vittorio war Basketball-Nationalspieler, seine Mutter Amalia ebenfalls, sein Bruder Luca hat es auch bis in die Erste Liga geschafft, und Vater Daniele nahm als Hürdensprinter an den Olympischen Spielen 1984 teil. „Mit vier oder fünf Jahren war ich schon jeden Tag in der Halle und bin aufgewachsen mit dem Lärm der aufprallenden Bälle“, erinnert sich Fontecchio.

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Als kleiner Junge in Pescara an der Adria-Küste teilt er sich seine Zeit zwischen Basketball und Leichtathletik auf, doch recht schnell wird eine Vorliebe sichtbar. „Ich habe sehr früh gemerkt, dass man für Leichtathletik noch mehr Selbstdisziplin braucht“, sagt Fontecchio. „Du bist allein mit der Laufbahn und mental ist das schwierig. Außerdem war ich beim Basketball einfach besser.“ Oft ist der große Schatten der erfolgreichen Eltern eine Bürde für junge Sportler. Die Erwartungen sind größer, der Druck steigt schon früh. Bei Fontecchio ist das nicht der Fall. „Meine Eltern haben mir immer viel Freiraum gelassen, waren aber da, wenn ich Hilfe gebraucht habe“, sagt er.

Mit 17 gibt er sein Profidebüt

Schon mit 15 Jahren geht er in die Jugendabteilung von Bologna, damals einer der dominierenden Vereine des Landes. Profidebüt mit 17, Jugendnationalmannschaft, diverse Auszeichnungen. Jahrelang scheint es nur nach oben zu gehen. Doch das ändert sich. Mit 20 wechselt Fontecchio nach Mailand, in eine Startruppe, in der er nur noch eine Randfigur ist. „Er war noch nicht bereit für solch ein Team, das sofort gewinnen musste und nicht auf die Entwicklung von Talenten warten konnte“, sagt Emiliano Carchia, italienischer Sportjournalist und Gründer des Basketball-Portals Sportando. „Es ist nie ein Fehler nach Mailand zu gehen, aber in jenem Moment war es für ihn keine gute Entscheidung.“

Bei einer Leihe nach Cremona und in der vergangenen Saison in Reggio Emilia findet Fontecchio sein zwischenzeitlich verlorenes Selbstvertrauen sowie den Rhythmus wieder und trifft eine Entscheidung. „Ich wollte eine neue Erfahrung machen. Natürlich habe ich dabei auch an die Krise in Italien gedacht. Ich wäre aber auch ohne Corona ins Ausland gegangen“, sagt Fontecchio. Als ihm Alba ein Angebot unterbreitet, denkt er nicht lange nach. „Ich habe die Chance gesehen und bin gekommen, ohne mir Gedanken zu machen, wie viel Einsatzzeit ich bekommen würde. Ich wusste nur, dass der Klub viel Vertrauen in mich hat.“

Besonders einfach sind die ersten Monate bei Alba jedoch nicht. Kurz nach dem Saisonstart werden einige seiner Mitspieler positiv auf das Coronavirus getestet, die ganze Mannschaft muss in Quarantäne. Kein Basketball für mehr als zwei Wochen, für einen wie Fontecchio ist das eine echte Belastung.

Andererseits hat er so endlich mal Zeit für seine Partnerin und die kleine Tochter. Denn im Alltag, der für Alba aus drei bis vier Spielen pro Woche und zahlreichen Reisen besteht, kommt die Familie oft zu kurz. „Das ist nicht einfach für mich und sie fehlen mir natürlich“, sagt Fontecchio. „Aber vor allem ist es für meine Partnerin nicht einfach, weil sie sehr oft allein mit unserer Tochter ist.“ Trotz aller Schwierigkeiten in der noch jungen Saison fällt das erste sportliche Zwischenfazit von Fontecchio sehr positiv aus. Der Small Forward punktet zuverlässig zweistellig und macht das Spiel der Berliner variabler: Er ist athletisch, bewegt sich gut, kann von außen werfen oder zum Korb ziehen.

Er gehört zu Albas Topscorern

Dass er sofort zu Albas Topscorern gehört, ist durchaus überraschend, denn der Sprung von einem mittelmäßigen Team der italienischen Liga zu einer Euroleague-Mannschaft ist groß, sehr groß sogar. „Er spielt auf einem Niveau, das niemand erwartet hatte. Als er im Sommer bei Alba als Nachfolger von Giedraitis unterschrieben hat, hatte ich meine Zweifel, ob er dafür bereit ist. Aber bisher zeigt er, dass er ihn gut ersetzen kann“, sagt Carchia. Und auch Albas Manager Marco Baldi ist sehr glücklich mit dem Neuzugang. „Er fühlt sich offensichtlich sehr wohl mit der Freiheit, die er hier bekommt.“

Freiheit ist ein Schlüsselwort. In der Kindheit haben ihm seine Eltern Freiheit beim Ausprobieren gelassen und ihn nicht in eine feste Richtung gedrängt. Ähnlich sieht auch die Basketball-Philosophie von Albas Trainer Aito Garcia Reneses aus. Der Spanier will, dass die Spieler ihre eigenen Entscheidungen treffen und das liegt Fontecchio sehr. „Aito ist eine Legende des europäischen Basketballs und er macht es jedem einfach, das Beste aus sich herauszuholen“, sagt Fontecchio. Und mit dem nötigen Freiraum entdeckt bestimmt auch die kleine Bianca den Mini-Basketballkorb noch für sich.