Der Fußball ist zurück in Köpenick

Noch schöner als der 2:1-Testspielsieg gegen Nürnberg ist für den 1. FC Union, dass endlich wieder Fans das Spiel live im Stadion verfolgen können.




Mut zur Lücke. Denn auch 4500 Fans können Lärm machen.Foto: Reuters

Ein Mann fährt am Samstagnachmittag gegen 16.45 Uhr mit seinem Rad auf der Straße Am Bahndamm. Er schaut Richtung S-Bahnhof Köpenick, sieht in rot und weiß gekleidete Leute auf sich zulaufen und sagt zu seiner Begleiterin: „Die Fans kommen wieder.“ Ja, sie dürfen wieder ins Stadion An der Alten Försterei, die Fans des 1. FC Union. Erstmals seit dem Bundesliga-Heimspielgegen den VfL Wolfsburg am 1. März.

4500 Zuschauer sind zum Testspiel gegen den Zweitligisten 1. FC Nürnberg zugelassen, das Union 2:1 (0:0) gewinnt. Etwa 15 Minuten vor dem Anpfiff um 17.30 Uhr läuft Christian Arbeit auf das Spielfeld. Unions Stadionsprecher begrüßt die Anhänger. Wie immer. Doch die Worte sind andere als sonst: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es für alle im Verein ist, dass ihr heute da sein könnt.“ Donnernder Applaus von den Tribünen. Arbeit vergisst auch nicht diejenigen, die aufgrund der begrenzten Anzahl an Karten – diese waren verlost worden – nicht vor Ort sein können und erhält wieder riesigen Applaus.

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Union Oberschöneweide gegen den damaligen Deutschen Meister 1. FC Nürnberg lautete die Ansetzung beim ersten Spiel in der Alten Försterei, seinerzeit Sportpark Sadowa, im Jahr 1920. Daher gibt es nun 100 Jahre später diese Begegnung. Im Normalfall wäre sie von regional begrenztem Interesse. Nun ist es das Fußballspiel mit der größten Kulisse in Deutschland seit Beginn der Coronavirus-Pandemie. Ein Testlauf für die Partien im DFB-Pokal am kommenden Wochenende und die eine Woche später beginnende Bundesligasaison.

Wobei eines schon klar ist: Eine bundesweit einheitliche Regelung bezogen auf die Zuschauerkapazität wird es nicht geben. Aber der Fußball will zeigen, dass es bereits möglich ist, vor Fans zu spielen – der zum Teil heftigen Kritik aus der Politik zum Trotz.

Vor allem der 1. FC Union verfolgt die Pläne schon lange und vehement. Und die Zuschauer sind gewillt, ihren Teil zum Gelingen beizutragen. Die Maskenpflicht, die nur auf dem eigenen Steh- oder Sitzplatz nicht gilt, wird eingehalten. Und wo sonst alle Schulter an Schulter das Spiel anschauen, wird wie vorgeschrieben reichlich Platz gelassen. Was sehr gut machbar ist, da die Besucher auf alle vier Tribünen verteilt worden sind. „Das sieht von hier unten fabelhaft aus. Vielen Dank fürs Mitmachen“, ruft Sprecher Arbeit.

In der Halbzeit wird Felix Kroos verabschiedet

Die Verkaufsstände bieten Speisen und Getränke an, Nina Hagens Vereinshymne wird eingespielt und von den Zuschauern laut mitgeschmettert. Das gilt auch für das ausgiebig zum Besten gegebene Liedgut aus dem Union-Gesangsrepertoire. Aber schließlich haben die Fans auch über ein halbes Jahr auf diesen Momentgewartet, auf ihre Rückkehr ins Stadion.

Und was tut sich auf dem Rasen? Das Ganze läuft eher gemächlich an. Nürnberg hat die erste Chance durch Sarpreet Singh. Danach kontrolliert Union das Geschehen, aber bis zur Pause ist Nürnbergs Torwart Christian Mathenia nicht zu bezwingen. In der Halbzeit steigt der Lautstärkepegel noch einmal: Felix Kroos wird verabschiedet, der seit 2016 bei Union gespielt hat und nun zu Eintracht Braunschweig wechselt. Kroos klatscht auf seiner Abschiedsrunde auch mit einem Helfer ab, der im Fünfmeterraum den Rasen glättet.

Und dann wird noch mitgeteilt, dass die Altliga-Mannschaft als Aufsteiger das erste Spiel in der Verbandsliga bei Lichtenberg 47 mit 3:0 gewonnen hat.

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Kurz nach der Pause dürfen die Besucher im nun sehr unterhaltsamen Spiel das erste Union-Tor vor Zuschauern im eigenen Stadion seit Anfang März bejubeln: Marcus Ingvartsen trifft. Das tut er später noch einmal, für die Gäste ist Nikola Dovedan zum zwischenzeitlichen Ausgleich erfolgreich.

Kurz vor dem Ende wird Akaki Gogia nach fast einem Jahr Verletzungspause eingewechselt. Und wohl selten ist die Bekanntgabe der Zuschauerzahl so begeistert aufgenommen worden wie am Samstag. „Es ist einfach unfassbar wichtig für uns, wenn unsere Fans im Stadion sind und uns nach vorne pushen. Das ist Fußball“, fasste Gogia das Geschehen am Ende eines für die Fans des 1. FC Union auf allen Ebenen einfach schönen Nachmittags zusammen.