Der eigensinnige Chronist

Ein eher schmächtiger Mann mit Schnurrbart und überaus wachem Blick, der sächsischen Schalk verriet: So trat Guntram Vesper seinem Publikum im November 2016 bei der „Langen Nacht der Literatur“ im Stadttheater Braunschweig entgegen, die traditionell der Verleihung des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises vorausgeht. Eigentlich hatte ihm der Arzt wegen einer Lungenentzündung Ruhe verordnet.

Doch eigensinnig, wie dieser Schriftsteller nun einmal war, reiste er dennoch mit seiner Frau Heidrun aus Göttingen an. Zu sehr freute es ihn, auch im Spätherbst noch den Triumph zu genießen, den das Erscheinen seines Monumentalromans „Frohburg“ im März 2016 für ihn bedeutet hatte. Als „Frohburg“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, kam das einem sächsischen Lokalsieg höchster Güte gleich – die Kleinstadt, in der Guntram Vesper am 28. Mai 1941 geboren wurde, liegt nur 43 Kilometer südöstlich von Leipzig.

Die Arztfamilie, aus der er stammte, war 1957 in den Westen geflüchtet, doch der sächsische Zungenschlag blieb Guntram Vesper erhalten. Er war stolz darauf, jeden Tag mindestens eine Druckseite zu schreiben und damit „mehr als Heinrich Böll“, wie er spitzzüngig bemerkte. Auch gegen den Co-Chronisten Walter Kempowski stichelte er mitunter

Von der Notunterkunft in Gießen aus suchte sich der 16-Jährige rbeit auf einem Bauernhof im nahen Vogelsberg. Im Internat im hessischen Friedberg lernte er seine spätere Frau kennen und rief die Literaturzeitschrift „Phase“ ins Leben.

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In Gießen und Göttingen studierte Vesper unter anderem Germanistik, Medizin und Sozialgeschichte – alles Disziplinen, die seiner Berufung als literarischer Historiograph zugute kamen. Früh schon trat er mit Schriftstellern wie Hans Magnus Enzensberger oder Arno Schmidt in Kontakt. 1964 debütierte er mit dem Gedichtband „Fahrplan“ in der legendären Eremiten-Presse. Drei Jahre später folgte die Einladung zur letzten Tagung der Gruppe 47 in der fränkischen Pulvermühle; Vesper notierte mit seinem lapidaren Humor: „Ich lese. Fried lobt, Rühmkorf lobt, Höllerer lobt, Karsunke lobt. Grass meldet sich und findet schlecht, dass ich vorher wisse, was ich schreiben wolle.“

Nicht nur sein Monumentalroman heißt “Frohburg”, auch ein früherer Gedichtband

„Die Inseln im Landmeer“ heißt ein Gedichtband Vespers von 1982, gefolgt von „Frohburg. Gedichte“ – somit vergab er den Titel doppelt. „Die genaue Metapher genügt, den historischen Moment zu fixieren“, lobte Ludwig Harig die 1985 publizierten Poeme. Im Rückblick lesen sie sich allesamt wie Zuflüsse zu dem 1001-Seiten-Roman, mit dem er sein  Lebenswerk krönte.

Als Insel im „Landmeer“ der Makro-Historie wie der Mikro-Geschichten, vor allem aber seiner eigenen Gedanken und Erinnerungen, hat er seinen 5000 Einwohner zählenden Geburtsort an der Wyhra, einem Nebenfluss der Pleiße, wohl immer betrachtet – und machte ihn zu einer ersten Adresse der deutschen Nachkriegsliteratur. Bereits in der zweiten Klasse fiel der Sohn des Arztes durch seine Merkfähigkeit auf. „Verwischt, verblasst der Einminutenfilm“, ärgert er sich einmal.

Vesper erzählt Anekdoten von glasklarer, erratischer Schönheit

Sich selbst führt der Autor mit einer tragischen Szene ein: Im August 1943 genießen die Frohburger ihr „Felsenbad“. Unbemerkt von den plaudernden Eltern auf der Liegewiese macht sich ein Zweijähriger selbständig und fällt vom Steg ins Wasser. „Hätte nicht Frenzel Erich, Thälmannkommunist, zwischen zwei KZ-Aufenthalten von neununddreißig bis Herbst dreiundvierzig frei, heute Bürgermeister, das zuckende gurgelnde Küken vom Steg aus gesehen, der kleine Junge wäre jämmerlich ertrunken, am hellen Nachmittag, im Volksgewimmel des gutbesuchten Bades“, erklärt ein gewisser Fritz Lachert 1953 dem Schriftsteller Erich Loest.

Später wird der Freund zum Adressaten für Vespers „Frohburger Rückwärtsklage, meine Vorgesternbeschwerde“. Wie Karl May schwebt der 2013 verstorbene Loest als guter Geist über „Frohburg“. Beide garantieren dem Roman sein spezifisch sächsisches Ingenium. „Guntram hieß der gerettete Junge“, ergänzt der Cicerone, „komischer Name, hat aber schon Schule gemacht“.

Abschweifungen? “Gomm se midd”, schreibt der Sachse Vesper

Auf 1001 Seiten entfaltet Vesper ein gewaltiges Panorama deutscher Geschichte vom Kaiserreich bis 1957 und fasst es in Anekdoten von glasklarer, erratischer Schönheit. Und er schafft es auch, bei seinen teils schwindelerregenden Abschweifungen stets zum Ausgangspunkt zurückzukehren. „Gomm se midd“ heißt es lautmalerisch im „breiigbreiten Dialekt“ der Gegend

Als der lange verkannte Guntram Vesper 2017 den Erich-Loest-Preis erhielt, muss das eine besondere Genugtuung für ihn gewesen sein. Ebenso wie die Aktivitäten seines Verlags Schöffling & Co.: Auf „Frohburg“ folgte mit „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ die Neuausgabe seiner Prosa und 2018 mit „Tieflandsbuch“ sämtliche Gedichte – 540 Seiten umfassend. Letztendlich ging es Guntram Vesper stets um die „Bestandsaufnahme des eigenen Kopfes“.
Am Donnerstag ist der leidenschaftliche literarische Chronist mit 79 Jahren in Göttingen gestorben.