Der Don Quijote des fantastischen Kinos

Terry Gilliam ist ein furchtloser Regisseur, mindestens so furchtlos wie seine „Ritter der Tafelrunde“, die sich auf der Suche nach dem Heiligen Gral mit fliegenden Kühen, blutrünstigen Kaninchen und der schwarzen Bestie Argh herumschlagen. Einen Ort allerdings gibt es, an dem Terry Gilliam lieber nicht eingesperrt wäre: im Kopf von Terry Gilliam.

Das schreibt der US-amerikanische Komiker, das einzige nichtbritische Monty-Python-Mitglied und seit 1968 Staatsbürger des Königreiches, in seiner Biografie „Gilliamesque“. Eine durchaus begründete Selbsteinschätzung für einen Filmemacher, dessen Œuvre sich konsequent an der Grenze von überbordender Fantasie und produktivem Wahnsinn bewegt.

Man muss als Beleg nur seine 30-jährige Obsession mit Don Quijote heranziehen, neben „Apocalypse Now“ und „Fitzcarraldo“ eines der manischsten Projekte der Filmgeschichte. Angesichts der epischen Entstehungsgeschichte, festgehalten im Dokumentarfilm „Lost in La Mancha“ von 2002, der Gilliam bei den Dreharbeiten in Spanien (inklusive Nato- Luftübungen und Jahrhundertregen) begleitet, konnte „The Man Who Killed Don Quixote“ vor zwei Jahren nur enttäuschen.

Gilliams Kampf gegen Windmühlen

Gilliam, der am Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert, musste die fixe Idee für seinen Seelenfrieden erst aus dem System kriegen, der Cervantes-Stoff war längst zu seiner eigenen Geschichte geworden. Ein Werbefilmer, Gilliams Alter Ego gespielt von Adam Driver, lässt sich von der Wahnvorstellung eines alten Schuhmachers anstecken, der von sich glaubt, der berühmte Ritter der traurigen Gestalt zu sein.

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Tatsächlich war es Gilliam, der sein halbes Leben gegen Windmühlen ankämpfte. „Er ist Don Quixote“, sagt in „Lost in La Mancha“ ein Crewmitglied. „Ein Träumer, ein Idealist. Er sieht etwas, das wir nicht sehen können.“

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Viel Fantasie bedurfte es auch, um den bescheidenen Anfängen zu entkommen. Gilliam wächst im Hinterland von Minnesota auf, er studiert Politikwissenschaften und zeichnet für das Satiremagazin „Help“, als er John Cleese kennenlernt. Seine Liebe zur Tricktechnik wird ein tragendes Element ihrer BBC-Show „Monty Python’s Flying Circus“.

Gilliams delirante Animationen tragen maßgeblich zum surrealen Humor von „Die Ritter der Kokosnuss“ bei, seiner ersten Regiearbeit mit Terry Jones. Nach der Trennung werden alle „Monty Python“-Mitglieder Nationalikonen, für Gilliam bedeutet das Ende einen neuen Anfang. Sein erster Solofilm „Time Bandits“ über einen Jungen, der sich einer Gruppe kleinwüchsiger Zeitreisender anschließt, wird 1981 ein Hit.

Gilliam galt lange als undisziplinierter Regisseur

„Kinder haben schon damals mit meinen Filmen nie Probleme gehabt“, hat Gilliam mal gesagt. Man würden nur zu gern wissen, wie sein „Harry Potter“ (er war J. K. Rowlings erste Wahl) ausgesehen hätte. Seinen Kindskopf hat sich Gilliam bewahrt. „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ (1988) ist ein Diorama abstruser visueller Einfälle, der seinen Ruf als undisziplinierter Regisseur zementiert.

Bis heute sind seine Filme düster-verspielt geblieben, doch Gilliam ist, auch wenn er Opern inszeniert, ein freundlicher Dystopiker – ob er in „Fear and Loathing in Las Vegas“ die Sechziger zu Grabe trägt oder in seinem Meisterwerk „Brazil“ einen Beamten (Jonathan Pryce, 30 Jahre später Don Quijote) in einer bizarren Überwachungsgesellschaft zum geflügelten Erlöser werden lässt.

Gilliam, ein Kind der Gegenkultur, hat nie verstanden, warum Menschen Drogen brauchen, um ihrer Imagination Flügel zu verleihen. Die Idee, Heath Ledger, der 2009 während der Dreharbeiten zu „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ verstarb, durch drei Schauspieler (Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell) zu ersetzen, folgt in diesem fantastischem Universum einer frappierenden Logik. Im modernen CGI-Blockbusterkino wirkt der Bastler Gilliam wie ein liebenswerter Anachronismus; mit den Kindsköpfen Lucas und Spielberg kann er nicht viel anfangen. Notfalls würde Terry Gilliam auch heute noch mit Kokosnüssen klappern.