Der Diener zweier Herren

Hans-Henning Paetzke, 1943 in Leipzig geboren, lebt als Schriftsteller und Übersetzer ungarischer Literatur in Budapest. Für seine Verdienste wurde er sowohl in Ungarn wie in Deutschland geehrt, zuletzt 2008 mit einem Bundesverdienstkreuz. Er ist auch der Übersetzer des 1999 in der Frankfurter Verlagsanstalt von Géza Scöscs erschienenen Gedichtbandes “Lacht, wie ihr es versteht” und des Erzählungsbandes “Untergrundfürsten”, der im Frühjahr 2021 im Mitteldeutschen Verlag erscheinen soll.

Nun ist er nicht mehr, der Menschenfreund und begnadete Dichter, mein Freund Géza Szöcs. Im August zu seinem 67. Geburtstag sprachen wir nur wenige Worte miteinander. Es herrschte zu viel Trubel. Und natürlich klingelte sein Telefon ständig. Das Telefon war seine Nabelschnur zur Welt. Es verband ihn mit den Kontinenten, auch mit seiner siebenbürgischen Heimat.

Dort, in Szatmárnémeti (Satu Mare auf Rumänisch, Sathmar auf Deutsch beziehungsweise Szátmer auf Hebräisch und Jiddisch) fand im Oktober letzten Jahres die fünfeinhalbstündige Uraufführung seines Dramas „Rasputins Mission“ statt, eine bombastische und geniale Inszenierung des Regisseurs Sardar Tagirovsky. Auch zwischen Budapest und Peking, wo seine Gedichte unlängst in einer Million Exemplaren aufgelegt worden waren, liefen die Satellitenleitungen gelegentlich heiß.

Wer war Géza Szöcs? Ein warmherziger und selbstloser Freund. Ich habe nie erlebt, dass er sich über irgendjemanden abfällig geäußert hätte. Sich umgekehrt über ihn abfällig zu äußern, entsprach fast schon dem liberalen Mainstream.

Ambivalente Haltung

Denn er hatte sich der Treue gegenüber einer in fast ganz Europa verfemten Politik verschrieben. Er war Chefberater des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán in kulturellen Angelegenheiten. Dennoch glaube ich behaupten zu dürfen, dass er sich von dessen Politik nie ganz vereinnahmen ließ. Er wollte dazugehören und dann auch wieder nicht.

Der vielleicht größte Vorwurf, den ihm seine Feinde machen, rankt sich um die für Pfingsten 2012 geplante Wiederbeerdigung József Nyirös in Siebenbürgen, wobei Géza Szöcs eine Schlüsselrolle spielte. Der Schriftsteller József Nyirö war ein ausgewiesener Nazi und Antisemit, dessen literarischen Arbeiten davon allerdings nichts anzumerken ist.

Eigentlich ist es mir ein Rätsel, wie es dem Dichter Géza Szöcs gelungen ist, dem Verbrennen seiner exorbitanten Begabung durch die Politik zu widerstehen. Einzig dem Virus Covid 19 hatte er nichts entgegenzusetzen. Ich dachte immer, er würde einmal einen tödlichen Autounfall haben. Denn sein Fahrstil war mehr als gewöhnungsbedürftig. Die eine Hand am Steuer, die andere am elektronischen Notizbuch, dann am Telefon, um mit leiser Stimme die nächsten Termine zu besprechen.

Wer war Géza Szöcs, Träger der höchsten ungarischen Auszeichnungen wie dem Kossuth-Preis und dem Attila-Józesf-Preis, Präsident des ungarischen PEN? Eine massige Gestalt, ein Epikureer im großen Marinetti-Auto.

Ewig Reisender

„Sieh hinaus, dort vor dem Tor, abgedeckt mit einer roten Plane, steht das Auto, die Motorhaube geschmückt mit schlangenförmigen dicken Rohren, der Atem eine Eruption, ein heulendes Auto, das saust wie eine Kartätsche und schöner ist als die Figur der Nike von Samothrake, die als Lenkrad gedachte Stange umspannt den Planeten, auf der irdischen Bahn in rasantem Galopp seine Kreise ziehend. In diesem Auto werde ich mit dir auf Reisen gehen.“ Und auf Reisen befand sich Géza ständig, sei es wie immer schon im Reich der Fantasie oder später zwischen Klausenburg und Budapest.

Am deutlichsten tritt die Person Géza Szöcs aus den Gedichten hervor. Sein großer verstorbener Kollege György Petri sagte: „Am ehesten mag er wohl Hans-Magnus Enzensberger ähneln. Geistig sensibel, jedoch ohne Kritikaster zu sein, elementar, wenn auch ohne der Naivität zu verfallen. Das freilich sage ich lediglich zur Orientierung für den deutschen Leser, denn schließlich ähnelt er, wie jeder echte Künstler, unverwechselbar sich selbst.“

1986 begegnete ich Géza Szöcs zum ersten Mal, als er, von seinem Schweizer Exil aus nach München kam. Aus dieser Zeit stammen erste Übersetzungen vor allem seiner politischen Lyrik ins Deutsche. Oft sind es einzelne Zeilen, deren zeitgeschichtlicher Hintergrund erst ihren eminent politischen Gehalt hervortreten lässt.

Auf den Freitod des aus Rumänien stammenden deutschsprachigen Dichters Rolf Bossert 1986 in Frankfurt am Main reagierte er in „Von den verborgenen Mächten“ mit der einfachen Frage: „Wessen Hand mochte auf dem Papier deinen Tod entworfen haben?“ Niemand weiß, ob er an seinen eigenen Tod dachte, als er in einem Gedicht schrieb: „Wenn der Mensch hinübergeht / In unterirdischen Raum, / liest Gott der Allmächtige / den ihm gereichten Traum.“