Der Dancefloor kommt ins Haus

Einfach mal wieder unverfänglich neue Leute kennenlernen, gemeinsam über albernen Blödsinn lachen und ausgelassen tanzen: Das war vor über einem Jahr ganz normal im Berliner Nachtleben. Doch in Zeiten der Pandemie scheinen solche Formen von Interaktion kaum möglich. Livestreams bringen zwar die Musik ins eigene Zuhause, aber die Freund:innen fehlen genauso wie die Fremden, die lustigen Situationen und das Miteinander.

Das Lifelive Festival versprich genau das, wo nach sich aktuell viele sehnen: gemeinsam feiern. Am Samstag findet ein Online-Festival mit acht Floors, Workshops und Interaktion zwischen den Besucher:innen statt. Namhafte DJs aus der elektronischen Szene wie Matthias Tanzmann, Klaudia Gawlas oder Bebetta legen auf und feiern mit. Die drei Euro Eintritt gehen direkt an die Küstler:innen.

Daniel Breyer und Felix Reiter standen bis vor einem Jahr viel gemeinsam hinter dem DJ-Pult: Als Acado haben sie vor Corona die Menschen zum Tanzen gebracht. Schon kurz nachdem sich im März 2020 abzeichnete, dass es das wohl erst mal nicht mehr geben wird, haben sie Pläne geschmiedet, wie das Miteinander trotz Social Distancing klappen kann. „Den Kopf in den Sand stecken bringt halt nichts“, sagt Breyer und grinst. Er und Reiter wollten etwas tun, für die Berliner Clubs und den Erhalt der diversen Kulturszene. Daraus ist dann Lifelive entstanden, eine interaktive Streaming-Plattform. Gäste können virtuell verschiedene Floors besuchen und untereinander agieren. Alle haben nämlich die Kamera an und so fliegen alle 25 Sekunden verschiedene Besucher:innen in deren Wohnzimmer über den Bildschirm: mal als Einhorn verkleidet, mal mit viel Glitzer im Gesicht und mal mit Kind und Hund beim Tanzen.

Wen man besonders toll findet, belohnt man mit einem virtuellen „Prop“, der als kleine Rakete am Rand des Videoausschnitts zu sehen ist. Das entspricht so in etwa einem Like auf Social-Media-Plattformen und soll dazu anfeuern, aktiv an der Veranstaltung teilzunehmen. Besucher:innen können sich auch gegenseitig „pinnen“, also sich trotz Rotation weiterhin gegenseitig auf dem Bildschirm sehen und miteinander per Videocall sprechen. Es gibt sogar eine „Toilette“ – ein Floor, der aus einem Badezimmer gestreamt wird.

Die Nutzung der Plattform ist explizit auf Veranstaltungen und Freizeitprogramm ausgelegt. „Es gibt sehr viele Konferenzdienste, wie Zoom oder Hangouts, die sind alle auf Meetings ausgerichtet. Es gibt aber nicht viele Plattformen, um sich mit Freunden zu treffen“, sagt Entwickler Daniel Breyer. Aber genau das sei in der aktuellen Situation sehr wichtig. Breyer hat viele Freund:innen in Kolumbien, die schalten sich auch manchmal zu den Partys auf der Streaming-Plattform Lifelive zu. Vor allem in der Entwicklungsphase haben sie sich abends auch privat mit Freund:innen auf der Plattform getroffen. „Jedes Mal, wenn ich abends online bin, passiert was anderes: Vierjährige mit Alien-Masken, die hart zu Techno tanzen, Menschen mit Sekt in der Hand von Schaum bedeckt in der Badewanne: Lustige Situationen werden miteinander geteilt“, sagt Felix Reiter.

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Ein großes Lifelive Festival hat das DJ-Entwicklerduo schon veranstaltet. Über die gesamte Zeitspanne der Veranstaltung hatten sich knapp 4000 Personen auf fünf Floors und einem Workshopspace getummelt. „Die Besucher:innen waren so etwa drei Stunden im Schnitt auf der Veranstaltung. Das ist für Streaming-Angebote ziemlich lange. Außerdem haben sie uns im Anschluss echt tolles Feedback gegeben“, sagt Reiter. „Ich habe mich ein bisschen wie auf einem echten Festival gefühlt. Das war einfach Fun!“, schreibt zum Beispiel eine Person. „Beim Auflegen ist es auch schön, das Publikum zu sehen“, sagt Breyer. „Der da hat gerade Spaß, und für den spiele ich gerade“, denke er dann. Außerdem hätten die DJs durch den Ticketverkauf so wieder finanzielle Einnahmen. Beim ersten Lifelive Festival wurde aus Leipzig, Halle, Hamburg und Berlin gestreamt.

[Lifelive Festival II, Samstag, 17. 4., Beginn ab 20 Uhr, Ticket 3 €, www.lifelive.io]

Die Plattform bietet mitten in der dritten Welle die Möglichkeit, dass Künstler:innen und Partygänger:innen über Grenzen hinweg in Kontakt treten können. Für die diesjährige Online-Festivalsaison seien Breyer und Reiter schon mit namhaften Eventorganisator:innen im Gespräch. Auch wenn sich die Lage wieder beruhigt haben wird, sehen die Entwickler Potenzial in ihrer Idee. „Nach Corona wollen wir mit Lifelive hybride Veranstaltungsformen ermöglichen“, sagt Felix Reiter. „Veranstaltungen müssen dann nicht mehr ortsgebunden sein. Man erreicht ein weltweites Publikum, gestaltet das Event aber auch inklusiver für körperlich eingeschränkte, schwangere oder alleinerziehende Personen.“

Die Ideen hören sich futuristisch an: Floors auf Festivals, auf denen online und offline Besucher:innen über Videokameras und Bildschirme interagieren. „Unser Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen“, sagt Daniel Breyer.