Der Club muss ein sicherer Hafen sein

Trotz Corona: Wie in Kiew queere Aktivisten und Techno-Szene zusammenkommen. Bedroht werden sie von Rechtsradikalen.

Bruno Gaigl
Vlad Shast und Masha VolkovaFoto: privat

Im Stadtteil Podil treffen sich junge Menschen rund um die Metro-Station Kontraktowa Ploschtscha. Während Zentrum von Kiew rund um den Unabhängigkeitsplatz Majdan die Hektik der Großstadt zu spüren ist, geht es im Viertel am Dnepr etwas anders zu. Statt sozialistischer Prunkbauten dominieren hier bröckelnde Altbau-Fassaden das Straßenbild. Eine alte Straßenbahn schiebt sich langsam über rostige Schienen, die die beiden Hauptstraßen Verkhnii Val und Nyzhnii Val voneinander trennen.

Während die museumsreife Bahn wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt, lassen umliegende Bars kaum mehr die sowjetische Vergangenheit erahnen. Mit minimalistischem Design erinnern sie eher an Szenebezirke westlicher Metropolen. Corona wird auch hier ernst genommen – Maskentragen und Handdesinfektion gehören zur Routine. Und so sind auch in der ukrainischen Hauptstadt seit Anfang März die Clubs geschlossen.

Solidarität im Lockdown

Das Nachtleben in Kiew steht still, doch Gesprächsstoff liefern die Veränderungen und Ereignisse aus der Zeit vor dem Lockdown genug. „Kyrylivska ist der erste Ort wirklicher Freiheit in Kiew“, sagt Vlad Shast, der seit acht Jahren in Kiew lebt und die Entwicklung der Techno-Szene von Beginn an miterlebt hat. „Die klare Positionierung als queer-freundlicher und antifaschistischer Club spiegelte sich auch in der strikten Türpolitik wieder.“

Kyrylivska ist benannt nach der Straße, in der er sich befindet. Einen offiziellen Namen hat das Clubprojekt in einer ehemaligen Bierbrauerei nicht. Shast ist Mitte 20, seine Freundin Masha Volkova und er haben sich in der Szene zuletzt als Drag-Couple einen Namen gemacht. Am ersten Märzwochenende sind sie zum ersten Mal im Kyrylivska aufgetreten, bei der sexpositiven Berliner Partyreihe Pornceptual, der letzten Veranstaltung vor der Corona-bedingten Schließung des Clubs.

Rechte Gewalt ist allgegenwärtig

Einen „safe space“ wie im Kyrylivksa habe es bisher nicht gegeben, erklärt Shast. „Aus kommerziellen Gründen haben Partys und Clubs hier immer jeden reingelassen, eine wirkliche Selektion gab es nie. Es waren und sind keine Orte der freien Entfaltung, wo homophobe Rechtsradikale von dir Fotos machen und dich beschimpfen können.“ Rechtfertigen würden Clubbesitzer und Partyveranstalter die Präsenz rechter Gruppen mit dem vermeintlich demokratischen Ansatz des „free space” und der Vision, die verschiedenen Lager miteinander in den Dialog zu bringen.

Mit der Berufung auf die Inklusion aller Gruppen rede man sich nur seine finanziellen Interessen schön, die in der Ukraine stets über allem stünden, meint Sashko Kucherenko, der nicht mit seinem echten Namen in der Zeitung stehen möchte. Kucherenko ist Teil eines Kollektivs, das sich seit vielen Jahren gegen Faschismus in der Ukraine einsetzt.

Unterstützung für den Krieg im Donbass

Durch seine Erfahrungen in der Antifa-Szene kennt er sich gut mit den rechten Gruppen in seinem Heimatland aus. „Neonazi sein ist hier so etwas wie eine andere Meinung haben, die man vielleicht nicht besonders toll finden muss, aber die schon irgendwo okay ist”, erklärt er. Die Akzeptanz von rechtem Gedankengut in der Ukraine ist weit verbreitet.

Das bestätigt auch Sergiy Movchan, der als Journalist für das Online-Magazin „Political Critique Ukraine“ arbeitet und kürzlich einen detaillierten Bericht über Rechtsextremismus in der Ukraine mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kiew veröffentlicht hat. Dass die Revolution 2013/2014, bei der sich vor allem auch viele junge Leute gegen das korrupte Regime von Viktor Janukowitsch positionierten, auch Werk rechtsextremer Gruppen war, sei offiziell bekannt. Viele dieser Gruppen unterstützten nun im Donbas die ukrainische Armee im Kampf gegen prorussische Separatisten. Dabei unterstehen diese rechtsextremen Gruppen offiziell dem Innenministerium und werden von der Regierung finanziert.

Faschismus und Patriotismus

Vor diesem Hintergrund rechtfertigt Russland den Konflikt im Osten der Ukraine mit antifaschistischer Propaganda. Das mache eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema Faschismus so schwierig, meint Movchan. „Wer hier jemanden als Faschisten bezeichnet, wird als prorussisch diffamiert und als Feind der Ukraine wahrgenommen.“

Auf der Identitässuche spiele vor allem die Abgrenzung von Russland in der Ukraine eine wichtige Rolle. Durch den gemeinsamen russischen Feind teilen verschiedene Lager Antworten auf bestimmte Fragen. Dass rechte Gruppen, die öffentlich gegen Minderheiten hetzten, in der Ukraine sogar Eingang in eine Welt fänden, die eigentlich einen Ort der freien Entfaltung und des Respekts füreinander propagiere, macht Vlad Shast wütend.

Weggucken bei Hassverbrechen

Kürzlich posteten Rechtsextreme Fotos von Shast samt seiner Wohnadresse in einer Telegram-Gruppe mit mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern und forderten dazu auf, Shast aufzusuchen und zusammenzuschlagen. Shast ging damit zur Polizei, unternommen wurde aber nichts. Hassverbrechen werden in der Ukraine kaum strafrechtlich verfolgt. Sofiia Lapina kennt dieses Problem gut. Die 30-jährige LGBT-Aktivistin arbeitet für Kiyv Pride, Kiews Christopher Street Day. Nach der jährlichen Parade, die über die Zeit des Umzugs von einem extremen Polizeiaufgebot geschützt wird, machten Rechtsradikale regelmäßig Jagd auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Untersuchungen zu solchen Vorkommnissen gibt es kaum.

Lapina hat sich nie für Rave-Kultur und Techno-Clubs interessiert. Lapina steht für rebellische Aktionen, mit denen sie das Bewusstsein für die LGBT-Community in der Ukraine schärfen will. Sie möchte nun verstärkt mit der Rave-Szene zusammenarbeiten.

Konservative Techno-Fans

Entgegen der Einschätzung vieler ist die Community, die sich für die Verteidigung der LGBT-Menschenrechte in Kiew einsetzt, keineswegs eng verbunden mit der Clubszene. „Viele aus unseren Reihen sind über 40 und eher konservativ, wenn es um Techno-Partys und moderne Ideen für Aktivismus geht“, sagt Lapina. In der Rave-Szene sieht sie aber einen guten Partner für ihre Aktionen.

Aber auch wenn die Aussichten auf eine progressive Entwicklung zugunsten ausgegrenzter Gruppen nicht schlecht stehen, Vlad Shast und Masha Volkova wollen weg aus Kiew. “Hier zu bleiben und zu versuchen, die Menschen zu ändern, ist masochistisch.” Am liebsten wollen sie nach Berlin, wo das, wofür man hier kämpfe, längst normal geworden sei. Sofiia Lapina dagegen kann sich keinen anderen Ort als Kiew vorstellen. Orte, an denen alles in Ordnung sei, findet sie langweilig. Ihr Traum ist, aus ganz Podil einen „safe space“ zu machen, sodass keiner mehr in einen Club gehen muss, um sich frei zu fühlen.”