Der bärtige Grübler am Ende der Welt

Wer immer für die Dramaturgie des Kinojahres 2020 verantwortlich zeichnet, muss über einen besonders perfiden Humor verfügen. Im letzten großen Film dieses seltsamen Jahres spielt einer der größten Hollywoodstars der Gegenwart den letzten Menschen auf Erden – zu sehen auf Netflix, der Nemesis der Kinobranche. Wer denkt sich sowas aus?

George Clooneys Öko-Dystopie „The Midnight Sky“ ist in gleich mehrfacher Hinsicht eine triftige Schlusspointe; der Film bringt das Kinojahr auf den Punkt und wirft unheilvolle Schatten voraus. Seine siebte Regiearbeit (und sein Netflix-Debüt) ist eine elegische Reflexion über weite, menschenleere Räume.

Im Jahr 2049, drei Wochen nach einem nicht näher erklärten globalen „Ereignis“, das die Zivilisation ausgelöscht hat, steht ein verwilderter George Clooney mit Rauschebart am nördlichen Polarkreis vor einem Panoramafenster und starrt auf die eisige Landschaft. Die verlassene Forschungsstation, durch die Martin Ruhes Kamera geistesabwesend wandert, ist gefühlt so weit von der Zivilisation entfernt wie das Raumschiff Aether, das sich wie eine gigantische Libelle durch das All in Richtung Heimatplanet schraubt.

Tischfußball mit Tiefkühlerbsen

Die fünfköpfige Besatzung der Aether, darunter die schwangere Missionsleiterin Sully (Felicity Jones), der Kommandant Adewole (David Oyelowo) und der Pilot Mitchell (Kyle Chandler), kehrt von einer zweijährigen Expedition vom Jupitermond K23 zurück, der erdähnliche Bedingungen aufweist. Clooneys Astronom Augustine Lofthouse hat den Mond entdeckt, nun muss er die Crew vor der Rückkehr warnen. Ein letzter Gnadenakt: Lofthouse leidet an einer tödlichen Blutkrankheit, die Whiskeyflasche ist seine einzige Gesellschaft.

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Bis er in der Station ein kleines Mädchen entdeckt, das von den Bewohnern offenbar zurückgelassen wurde. An dem eremitischen Wissenschaftler ist kein Erzieher verloren gegangen, doch zwischen dem wortkargen Mann und der schweigenden Iris (Caoilinn Springall) entstehen zarte Bande, wenn sie mit Tiefkühlerbsen Tischfußball spielen.

Als Regisseur ist Clooney ein gelehriger Schüler. Er hat sich von all seinen Vorbildern – Steven Soderbergh, den Coen-Brüdern, Anton Corbijn und natürlich Alfonso Cuarón – über die Jahre etwas abgeguckt und verinnerlicht. Nach seinem klassizistischen Journalistendrama „Good Night, and Good Luck“ ist aber auch von Film zu Film deutlicher geworden, dass er nicht die Klasse seiner Mentoren besitzt.

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In seinen besseren Filmen ist das Handwerk solide epigonal („Confessions of a Dangerous Mind“), schlimmstenfalls (wie in der NS-Raubkunst-Posse „Monuments Men“) eine Katastrophe. „The Midnight Sky“ fällt definitiv in die erste Kategorie. Was jedoch nach sieben Filmen verblüfft, ist Clooneys Hilflosigkeit, aus disparaten Ideen eine kohärente Dramaturgie zu entwickeln.

Schlechter Vater, verfehlter Held

Die verdichtete Einheit von Zeit und Raum an beiden Handlungsorten, zweifellos inspiriert von seiner Arbeit mit Cuarón an „Gravity“, und andererseits die räumliche Trennung zwischen Nordpol und All erzeugen nur selten die Binnenspannung, die Clooney an Lily Brooks-Daltons Romanvorlage gereizt haben mag. Sein beredtes Schweigen bildet zudem keine Charakterkonturen.

Hierfür müssen eine Handvoll unbeholfener Rückblenden herhalten, die verdeutlichen, was man längst ahnt: dass Augustine kein guter Vater ist, ein verfehlter Held. Sein Lebensziel bestand einzig darin, das Überleben der Menschheit zu gewährleisten. In seiner Einsamkeit auf der Station spiegelt sich die Einsamkeit eines ganzen Lebens.

(Ab 23. Dezember auf Netflix)

Die existenzielle Schwere dieser Erkenntnis hebt sich auch nicht in der Schwerelosigkeit des Alls auf. Auf der Aether herrscht eine kameradschaftliche Anpackermentalität zwischen den Crewmitgliedern: Sully und Adewole sind ein Paar, der Aerodynamiker Sanchez (Demián Bichir) nimmt die junge Ingenieurin Maya (Tiffany Boone) unter seine Fittiche. Aber weitgehend verfällt „The Midnight Sky“ in den Weiten des Alls in den Modus des Stillstands.

Meteoritenschauer zu „Sweet Caroline“

Das Publikum weiß da längst, warum auf der Erde niemand auf ihre Funksprüche reagiert: Clooney macht sich zusammen mit Iris auf den beschwerlichen Weg durch die vergiftete Atmosphäre zu einem Observatorium mit einer stärkeren Antenne. Und einmal wird die Aether, eine Referenz an „Gravity“ (gerade noch schmetterte die Crew Neil Diamonds „Sweet Caroline“), einem Meteoritenschauer ausgesetzt. Es herrscht ein bemühter Aktionismus in „The Midnight Sky“, aber eigentlich wartet man die ganze Zeit darauf, dass etwas passiert.

In der Blockbuster-Dürre von 2020 (und nach dem „Tenet“-Flop) wurde Clooneys Film als letzter Rettungsanker herbeigesehnt. Doch das Resultat ernüchtert. Vielmehr lässt dieses „Netflix Original“ für die Zukunft des Kinos Schlimmstes befürchten: die Ankunft des Algorithmus. Schließlich funktioniert das Kalkül genau so: Wem „Interstellar“, „Gravity“, „The Martian“ und Soderberghs „Solaris“-Remake gefällt, der dürfte sich auch für „The Midnight Sky“ interessieren. Wird die aktuelle Krise das Kino künftig noch berechenbarer machen? Als Pessimist könnte man meinen: Treffender kann dieses Kinojahr gar nicht enden.