Der Antagonist

Normalerweise drängen sich Tausende Fans in den Alexandra Palace um jede 180er-Aufnahme der Darts-Spieler mit überschwappenden Bierbechern und Gegröle zu quittieren. Darts heftet das Image des Kneipensports an. Ein Sport, in dem Männer in paradiesisch bunten Trikots, unter denen sich so mancher Bauch abzeichnet, ein paar Pfeile auf eine Scheibe werfen.

Der neue Weltmeister wirkt wie ein Antagonist zu den gewöhnlichen Hauptdarstellern. Gerwyn Price ist ein Komprimat aus Muskeln. Noch vor sieben Jahren spielte der neue Darts-Primus professionell Rugby. Dabei zeichnet sich Rugby eher durch enorme Physis und augenscheinliche Grobmotorik als durch filigrane Wurfbewegung aus. Umso bemerkenswerter erscheint der Erfolg. Wie hat der Waliser den Weg vom Hakler, der beim Rugby in vorderster Reihe die Bälle erobert, den Aufstieg zum Triumphator in einer Sportart geschafft, in der wenige Gramm schwere Pfeile aus zweieinhalb Metern Entfernung in Quadratzentimeter kleine Felder geschmissen werden?

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Sicher spielt hier der professionelle Trainingsrhythmus aus der Vergangenheit eine tragende Rolle. Zwar behauptete Michael van Gerwen, den Price durch seinen Weltmeistertitel nun von Platz 1 der Weltrangliste verdrängte, 2017 in einem Interview, dass 90 Minuten Training pro Tag ausreichen würden, doch vielleicht unterliegt er einem Irrtum. Der Erfolg des Walisers Price scheint einen Wandel des Darts-Sports einzuläuten. Es ist kein Geheimnis, dass körperliche Fitness die Konzentrations- und Strapazierfähigkeit erhöht sowie gezieltes Training die Bewegungsabläufe und die Technik verbessert. Wenn sich dieses offene Geheimnis künftig außerhalb von Kneipen erzählt wird, winkt das Internationale Olympische Komitee nicht mehr ab, wenn Darts olympisch werden möchte.