Der 1. FC Union will wieder sportliche Schlagzeilen schreiben

Das muss man erst mal schaffen. Da gewinnt der 1. FC Union gegen Bayer Leverkusen, kratzt an den Champions-League-Plätzen – und es interessiert praktisch niemanden. Seit Tagen wird über die angebliche rassistische Beleidigung von Florian Hübner gegen Leverkusens deutschen Nationalspieler Nadiem Amiri diskutiert und der sportliche Höhenflug der Berliner ist allenfalls eine Randnotiz. Die Situation beschäftige den Innenverteidiger sehr, sagte Unions Trainer Urs Fischer vor dem Auswärtsspiel bei Rasenballsport Leipzig am Mittwoch (20.30 Uhr, Sky). „Es geht ihm schon nahe, das ist ja logisch. Es beschäftigt uns alle und wir versuchen, das bestmöglich zu verarbeiten.“

Dass die Vorfälle aus dem Leverkusen-Spiel das Sportliche weiter überschatten, hat auch mit einer zumindest sehr unglücklichen Kommunikation beider Vereine zu tun. Nachdem am Freitagabend schnell deutliche Worte von allen Seiten zu hören waren, drängt sich seitdem der Eindruck auf, die Beteiligten wollten das Thema schnellstmöglich verdrängen. Aufklärung? Könnte unangenehm werden angesichts der vielen unschönen Worte, die in der Schlussphase gefallen sein sollen.

Was auf dem Platz passiert, solle auch auf dem Platz bleiben, forderte Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler – eine mindestens so absurde Äußerung wie jene von Unions Manager Oliver Ruhnert, Hübner könne man keinen Rassismus unterstellen, denn er sei schließlich mit einer Frau liiert, „die von der Hautfarbe anders ist als weiß“.

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Ob tatsächlich die Worte „Scheiß-Afghane“ gefallen sind und was rund um das Siegtor von Union auf dem Rasen passiert ist, können weiter nur die direkt Beteiligten aufklären, doch die meiden die Öffentlichkeit. Leverkusen erklärte am Montag, sich nicht mehr zum Sachverhalt äußern zu wollen, und auch Union bleibt bei der Thematik sehr vage. „Natürlich erwartet man, dass so ein Vorwurf belegt werden kann“, sagte Vereinssprecher Christian Arbeit. Bisher habe allerdings niemand etwas Derartiges selbst gehört. Außerdem müsse man die beiden Spieler respektieren, „die sich offensichtlich miteinander darüber verständigt haben und die Entschuldigung des jeweils anderen angenommen haben“. Ob der DFB-Kontrollausschusses, der auch gegen Cedric Teuchert ermittelt, mehr Klarheit bringen wird, ist zumindest fraglich.

Florian Hübner hat sich im Training verletzt

Eine ideale Vorbereitung auf das Duell mit dem aktuell einzigen halbwegs erstzunehmenden Bayern-Verfolger sieht anders aus – und am Montag gab es auch personell schlechte Nachrichten. Eben jener Florian Hübner verletzte sich im Training bei einem heftigen Zweikampf und wurde zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht. Über die Art oder Schwere der Blessur wollte Fischer zwar nichts sagen, ein Einsatz in Leipzig scheint aber sehr unwahrscheinlich.

So muss der Schweizer Trainer seine Startelf wohl gezwungenermaßen umstellen. Bleibt er bei einer Dreierkette, wäre Nico Schlotterbeck die erste Alternative. Für das Mittelfeld kehrt Christian Gentner in den Kader zurück, dafür steht hinter dem Einsatz des angeschlagenen Sheraldo Becker ein Fragezeichen. Neuzugang Leon Dajaku ist zumindest ein Kandidat für den Kader.

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Mit dem Spiel in Leipzig beendet Union eine herausragende Hinrunde und Wochen mit vielen schwierigen Gegnern. Dass die Berliner dabei ungeschlagen geblieben und mit nur einem Punkt Rückstand auf Dortmund und Leverkusen in den Spieltag gegangen sind, haben sie auch in Leipzig registriert. „Die Saison ist außerordentlich gut“, sagte Trainer Julian Nagelsmann. Man habe zwischen den Spielen der vergangenen Saison (4:0 und 3:1 für Leipzig) bereits eine deutliche Entwicklung erkannt. „Diesen Schritt haben sie dieses Jahr noch mal gemacht.“

Für die Berliner bietet sich am Mittwoch die Chance, einen weiteren Haken in der eigenen, kurzen Bundesliga-Geschichte zu setzen. Leipzig ist die einzige Mannschaft, gegen die Union seit dem Aufstieg noch nicht gepunktet hat. „Wir fahren auch nach Leipzig mit der Einstellung, das Spiel zu gewinnen“, sagte Fischer. Wie schon so oft in den vergangenen Wochen sieht er sein Team trotz der tabellarischen Nähe aber nicht auf Augenhöhe. „Leipzig ist ein Top-Kandidat für die Meisterschaft und hat eine große Qualität in allen Bereichen.“ Das galt ähnlich auch für Leverkusen – das Ergebnis ist trotz aller Nebengeräusche bekannt.