Der 1. FC Union will sich nicht zu sehr abfeiern

In einem Moment, in dem die ganze Welt in die USA blickte, blieb Urs Fischer im Hier und Jetzt. Kurz vor 18 Uhr am Samstag, den 7. November, stand der Trainer des 1. FC Union im Pressekonferenzraum der Alten Försterei. Joe Biden war gerade zum US-Wahlsieger erklärt worden, und auch Fischer hatte gewonnen. Mit einem 5:0 gegen Arminia Bielefeld hatte Union seinen höchsten Bundesliga-Sieg geschafft und plötzlich einen Champions-League-Platz eingenommen. Doch in diesem Moment wollte Fischer noch nicht von einer rosigen, internationalen Zukunft träumen.

„Wir haben eine Zielsetzung und die heißt Klassenerhalt. Von der sind wir noch weit entfernt“, sagte der Schweizer Trainer, und wies damit die Frage kurzerhand ab, ob Union sich so langsam eher nach oben orientieren könne. Die Mission Klassenerhalt hat für Union mit zwölf Punkten aus den ersten sieben Spielen außerordentlich gut angefangen. So gut, dass Fischer auf die Euphoriebremse trat: „Ich wüsste auch nicht, was dafür sprechen sollte, nach sieben Spieltagen die Zielsetzung zu ändern,“ sagte er nüchtern.

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Dafür sprach die Person, die links von Fischer an einem anderen Rednerpult stand. Der Arminia-Coach Uwe Neuhaus ist immer noch Rekordtrainer bei Union. Als Neuhaus den Verein 2014 verließ, wäre der vierte Platz in der Bundesliga auch nach nur sieben Spieltagen eine Traumvorstellung gewesen. Als Neuhaus 2020 davon sprach, dass seine Mannschaft das gleiche Saisonziel wie Union verfolgen würde, klang es im Kontext des Spiels am Samstag geradezu absurd.

Denn am Sonnabend sah es selten so aus, als würden zwei Mannschaften auf Augenhöhe um das gleiche Ziel kämpfen. Der FC Union von Fischer und die Arminia von Neuhaus waren teilweise Lichtjahren voneinander entfernt. Union war klüger, präziser, brutaler. Die Berliner packten schon in der dritten Minute ihren Gegner am Kragen, um ihn danach nicht mehr loszulassen. Als das fünfte Tor im Netz landete, sah nur eine Mannschaft so aus, als würde sie gegen den Abstieg kämpfen.

Fischer tritt auf die Euphoriebremse

Unter dem besonnenen Blick ihres Schweizer Trainers wird Union versuchen, nie in Hochmut abzudriften, und auch Kapitän Christopher Trimmel warnte nach dem Spiel vor zu viel Euphorie. „Natürlich ist es schön, wir haben in der kompletten Saison fast immer sehr gute Spiele gemacht. Die Schwierigkeit ist aber, so weiter zu machen“, sagte der Österreicher.

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Schwierig wird es vor allem in den Wochen nach der Länderspielpause, denn Union steht eine harte Adventszeit bevor. Bis Weihnachten müssen sie sowohl im Derby gegen Hertha BSC als auch zu Hause gegen Bayern München und Borussia Dortmund antreten. Im neuen Jahr wird es mit Spielen gegen Bayer Leverkusen und RB Leipzig auch nicht einfacher. Fischers Vorsicht ist wohl auch deswegen berechtigt, weil die zweite Hälfte der Hinrunde deutlich schwerer sein wird als die erste. Erst Ende Januar wird man wohl wissen, ob Union tatsächlich in der Lage ist, als Außenseiter um die internationalen Plätze zu kämpfen.

Doch die Zeichen, dass das irgendwann einmal kommen könnte, sind zumindest schon da. Die Mannschaft ist besser geworden, und zwar nicht nur wegen des am Sonnabend wieder herausstechenden Max Kruse. Auch die weniger glamourösen Neuzugänge wie Cedric Teuchert und Sebastian Griesbeck haben in den letzten Wochen ihren Wert bewiesen. Andere wirken wie Neuzugänge, obwohl sie gar keine sind. Am Samstag feierte der lange verletzte Akaki Gogia mit einer ordentlichen Leistung seine Rückkehr, während Sheraldo Becker erneut seine gute Form zeigte.

Besonders in den vergangenen Spielen ist klar geworden, dass die Mannschaft immer seltener auf ihre alten Trümpfe setzen muss. Im ersten Bundesliga-Jahr gab es nämlich ein paar eiserne Grundlagen für den Erfolg des Aufsteigers. Union war oft auf die Stimmung im Stadion, auf die Stärke bei Standards oder auf die Vorlagen von Kapitän Trimmel angewiesen. In der vergangenen Woche hat Union aber 90 Minuten ohne Trimmel überlebt, 5:0 im leeren Stadion gewonnen, und insgesamt sechs Tore aus dem Spiel heraus geschossen.

Für Urs Fischer bleibt dabei eine Sache unverändert: die Zielsetzung. Wie bei der US-Wahl kommt es am Ende auf die Mathematik an, und wie der President-elect will Fischer nichts für gewonnen erklären, bis die magische Zahl erreicht ist – in seinem Fall die 40 Punkte, die den Klassenerhalt wahrscheinlich garantieren würden. Erst dann wird er sich mit dem Übergang in eine neue Zeit beschäftigen. Erst dann wird er in eine Zukunft schauen, die aus diesem Blickwinkel ziemlich rosig aussehen könnte.