Der 1. FC Union lässt zwei Punkte liegen

Wie weit die Entwicklung des 1. FC Union in der Fußball-Bundesliga mittlerweile fortgeschritten ist, war in den Sekunden unmittelbar nach dem Schlusspfiff zu sehen. Die Berliner hatten beim 1:1 (1:0) soeben einen Punkt gegen den großen FC Bayern München erkämpft. Dennoch war kein Jubel zu sehen. Fast schien es so, als wären Unions Spieler etwas enttäuscht.

Und das nicht ganz grundlos, denn sie hatten am Samstag im ebenso leeren wie eisigen Stadion An der Alten Försterei ein sehr starkes Spiel gemacht, über 90 Minuten gesehen die deutlich besseren Chancen gehabt und nach einem frühen Tor von Grischa Prömel lange geführt. Die beste Phase der Münchner nutzte Robert Lewandowski in der 67. Minute zum Ausgleich. „Wenn man sieht, was wir für Chancen ausgelassen haben, waren die Bayern heute schlagbar“, sagte Prömel.

Unions Trainer Urs Fischer nahm nach der Niederlage im Derby drei Wechsel vor, setzte im Tor aber allen medialen Spekulationen zum Trotz weiter auf Andreas Luthe. Das war in der Anfangsphase aber gänzlich bedeutungslos, denn gefordert wurde vorerst nur Manuel Neuer im Tor der Münchner.

Seine Vorderleute standen derart hoch, dass es eine Einladung für einen langen Ball hinter die Abwehrkette war. Das sah auch Christopher Trimmel so und spielte einen guten Pass auf Taiwo Awoniyi, der allein auf den Nationaltorhüter zulief und nach handgestoppten 52 Sekunden mit einem halbhohen Schuss an Neuer scheiterte.

Der Ärger beim nigerianischen Stürmer und seinen Kollegen war groß, hielt aber nicht lange an. Knappe drei Minuten später zirkelte Trimmel einen Eckball auf den kurzen Pfosten, wo Grischa Prömel am schnellsten reagierte und den Ball unhaltbar in die rechte Ecke platzierte. „Mein Papa hat mir vor dem Spiel noch geschrieben, dass es langsam Zeit wird für ein Tor, deshalb schönen Gruß nach Esslingen“, sagte der Mittelfeldspieler.

Allein Taiwo Awoniyi vergab mehrere Topchancen

Die Bayern waren zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig im Spiel angekommen und taten sich sehr schwer. Sie hatten zwar viel Ballbesitz, fanden gegen die sehr kompakte Berliner Hintermannschaft aber kaum Lösungen. Das lag zum einen an der guten Defensive von Union, in der auch die Flügelstürmer Sheraldo Becker und Marius Bülter viel nach hinten arbeiteten.

Zum anderen machten die Münchner ihre Bemühungen allerdings auch sehr oft durch einfache Fehler zunichte. „Mit der Art und Weise, wie wir in der ersten Halbzeit agiert haben, können wir nicht zufrieden sein“, kritisierte Bayerns Trainer Hansi Flick.
Die kleine Gruppe von Union-Fans, die das Team mittlerweile fast schon traditionell zwischen Wuhlheide und Stadion anfeuert, war der Ekstase zu diesem Zeitpunkt schon sehr nah und wollte den Bayern an die altbekannten Lederhosen.

Und die Berliner Mannschaft war auf einem guten Weg, den Fans diesen Wunsch zu erfüllen. Es ergaben sich immer wieder Gelegenheiten zum schnellen Umschalten. Mitte der ersten Halbzeit zeigte Awoniyi seine ganze Klasse in dieser Disziplin. Mit seiner Robustheit und ein bisschen Glück setzte er sich gegen zwei Gegner durch, ließ David Alaba mit einer Finte stehen – und schob den Ball an Neuer vorbei an den Außenpfosten.

Chancen dieser Kategorie erspielten sich die Münchner in der gesamten ersten Hälfte nicht. Einen Schuss von Gnabry wehrte Luthe mit den Fäusten ab und ein Freistoß von Lewandowski landete in der Mauer.

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In der zweiten Halbzeit erhöhten die Münchner erwartungsgemäß den Druck. Ihr Spiel wurde nun etwas zwingender, die Aktionen sauberer, bis auf eine Chance für Gnabry ließ Union aber nichts zu. Entlastung konnten die Berliner aber nur noch vereinzelt schaffen. Nach einer Stunde begann die beste Phase der Gäste.

Bei einer Dreifachchance rettete Luthe die Führung noch gegen einen Flachschuss von Müller, doch ein Tor lag in der Luft – und ließ nicht lange auf sich warten. Nach einem grandiosen Dribbling von Coman musste Lewandowski aus zentraler Position nur noch zu seinem 13. Saisontor einschießen.

Union schüttelte sich kurz, fand aber schnell wieder die Ordnung und konterte gefährlich. Allerdings trafen die Berliner bei den zahlreichen guten Gelegenheiten meist die falschen Entscheidungen. „Die Möglichkeiten wären da gewesen, aber da waren wir zu unpräzise, vielleicht auch zu unruhig“, sagte Fischer.

So hätte Union das Spiel beinahe noch verloren. Bei einem Kopfball des eingewechselten Leroy Sané in der Nachspielzeit rettete Luthe Union jedoch mit einem hervorragenden Reflex. „Das ist ein toller Punkt, so sehe ich das“, sagte Fischer. So war zumindest der Trainer mit dem Ergebnis glücklich.