„Das Zentrum ist wie ausgestorben“

Reinhard Maiworm hat in Tübingen Germanistik und Geschichte studiert. Am Stadtmuseum Ingolstadt war er als Museumspädagoge angestellt. Er arbeitet seit 1986 beim Goethe-Institut, mit den Stationen Cincinnati, New York, Berlin, Santiago de Chile und Mexiko-Stadt. Er leitet seit vier Jahren die Niederlassung in Madrid. Madrid gehört zu den von der Corona-Pandemie am stärksten betroffenen Städten in Europa. Am Wochenende verhängte Premier Pedro Sánchez erneut den Ausnahmezustand, gegen den Willen der Regionalregierung.

Herr Maiworm, Madrid gilt gerade als Corona-Hauptstadt Europas, Sie sind jetzt seit einer Woche in Berlin. Wie nehmen Sie hier den Umgang mit der Pandemie wahr?
In Berlin fühlt sich das Leben sehr normal an, fast als wäre nichts passiert. In Madrid werden die Abstandsregelungen viel mehr respektiert. Ich verstehe auch nicht die Debatte, die in Deutschland geführt wird. In Madrid werden die Corona-Maßnahmen nicht so sehr als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte wahrgenommen, es gibt keine Hygienedemos. Das liegt sicher auch daran, dass fast alle einen Menschen kennen, der sich mit dem Virus infiziert hat. Klar haben die Leute langsam genug, gleichzeitig sehen sie die enormen Opferzahlen.

Ist das kulturell bedingt? Oder sind die Spanier inzwischen einfach nur krisenfester?
Es mag daran liegen, dass die Spanier aufgrund ihrer jüngeren Geschichte autoritätshöriger sind. In Spanien gab es zum Beispiel keine Aufarbeitung der Diktatur, das Franco-Regime hat seine Nachfolge im Prinzip ja selbst organisiert. Es gibt in der Gesellschaft keinen Konsens darüber, dass das ein verbrecherisches Regime war. Autoritäre Strukturen werden daher in anderem Maße hinterfragt.

„In Madrid wird viel zu wenig getestet“

Dafür entspinnt sich gerade ein politischer Streit zwischen dem sozialistischen Premierminister Pedro Sánchez und der Präsidentin der Region Madrid, der rechtskonservativen Isabel Díaz Ayuso, um die Durchsetzung eines zweiten Lockdowns im Großraum Madrid.
Covid ist wie ein Katalysator, der die politische Verfasstheit des Landes sichtbar macht. Es gibt in Spanien gerade zwei Epidemien: eine medizinische und eine politische. Seit dem vergangenen Jahr stellt der Partido Popular (PP), die Nachfolgepartei der Falangisten, die Regionalregierung und die Kommunalregierung in Madrid. Sie versuchen alles, um den Premierminister Sánchez vorzuführen.

Dabei liegt die Verantwortung seit Juni, als der Notstand wieder aufgehoben wurde, bei den Ländern. In Madrid wird gerade viel zu wenig getestet, die Kliniken sind voll, es werden wieder Notquartiere für Lazarette gesucht. Zum Vergleich dazu muss man nur nach Portugal blicken, wo die Maßnahmen greifen. Dort arbeiten die Konservativen und die Sozialisten lösungsorientiert zusammen.

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Warum wird in Spanien die Pandemie so politisiert? Man kennt das eigentlich aus Ländern unter einer rechten Regierung, den USA oder Brasilien.
In Spanien wird alles politisiert, das haben wir schon in der Unabhängigkeitsdebatte erlebt. Es geht immer darum, den politischen Gegner vorzuführen, nicht um Lösungen. Díaz Ayuso interessiert sich in erster Linie für die Wirtschaft. Die Arbeitslosenquote bewegt sich in Spanien in Richtung 27 Prozent, die Dunkelziffer mag noch höher sein.

Das Zentrum der Stadt ist seit Monaten wie ausgestorben, die Stimmung gespenstisch. Wenn ich von meiner Wohnung im Zentrum ins Goethe-Institut gehe, zähle ich 26 Geschäfte, die inzwischen geschlossen sind. Die Folgen der Pandemie sind schlimmer als nach der Wirtschaftskrise 2013.

Gleichzeitig scheint die Bevölkerung die Maßnahmen mitzutragen. Vor zwei Wochen gab es im Opernhaus während einer Aufführung Proteste, weil das Publikum zu dicht platziert wurde.
Ja, hier hat die „FAZ“ treffend geschrieben: „Man gab Verdi und bekam das Volk.“ Die Zuschauerquoten waren zwar eingehalten worden, doch waren bei der zweiten Vorstellung die Abstandsregeln lediglich im teuren Parkett befolgt worden. Auf den wesentlich billigeren Rängen saß das Publikum eng beieinander.

Der Protest der Zuschauer führte dazu, dass die Vorstellung nicht stattfinden konnte. Hier war eine rote Linie überschritten. Auch wenn man bei der Oper nicht von sozial unterprivilegierten Gruppen sprechen kann, so zeigte sich hier pressewirksam, was sich in den Teilquarantänen Madrider Stadtteile sehr viel deutlicher dokumentierte – Covid ist auch ein großes soziales Problem.

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Was bedeutet Corona für die Kulturlandschaft in Madrid?
Die Leute kommen zurück, wenn auch sehr zögerlich. Das ist schon verrückt: Man steht plötzlich im Museum Reina Sofía ganz allein vor „Guernica“, wo vorher Touristenströme Schlange standen. Der Prado bietet gerade auch nur auf einer Etage eine Art Best-of an. Das Theaterleben kehrt langsam zurück, weil dort auch die Abstandsregelungen einfacher umsetzbar sind. Die Teatros del Canal haben in einem Saal auf die leeren Plätze Puppen gesetzt, damit er voller wirkt. Langfristig halten das aber nur die subventionierten Theater durch, die freie Szene steht vor dem Aus. Genauso die Kinos: Die meisten sind technisch nicht auf die Pandemie eingestellt.

Am Eingang wird die Temperatur gemessen

Und Live-Veranstaltungen?
Es fehlen die internationalen Produktionen, die sonst das kulturelle Leben einer Stadt wie Madrid so reich gestalten. Auch wir mussten drei Gastspiele absagen, darunter die Schaubühne mit Katie Mitchell und Sasha Waltz. Momentan müssen wir alle unsere Pläne mit Fragezeichen versehen, wir haben für 2021 immer einen Plan B in der Hinterhand. Ende Oktober haben wir eine Theaterproduktion im Süden Spaniens geplant, aber wenn nach der Rückkehr nach Deutschland Techniker und Akteure zehn Tage in Quarantäne müssten, ist das Projekt gefährdet.

Reinhard Maiworm leitet das Goethe-Institut in Madrid.Foto: Promo

Wir leitet man unter diesen Bedingungen ein Institut für den kulturellen Austausch?
Im Schritttempo. Unser Haus ist seit September wieder geöffnet, Besucher passieren am Eingang eine Säule, die die Temperatur misst. Unsere Mitarbeiter arbeiten so viel wie möglich im Homeoffice. Die Sprachkurse finden überwiegend auch schon wieder als Präsenzkurse statt, solange es keine Infektionsfälle gibt.

Für Veranstaltungen müssen wir allerdings in externe Räumlichkeiten ausweichen. Wir haben Anfang September beim Festival Concentrico eine wunderbare Installation des deutschen Künstlers Gregor Schneider realisieren können.

Ist in dieser Zeit der Austausch mit anderen Instituten intensiver?
Wir sprechen vor allem über Best-Practice-Fragen, vom Hygienekonzept bis zur konkreten Umsetzung und zu neuen Veranstaltungsformaten. Wir können ja nicht alle unsere Veranstaltung einfach nur noch abfilmen und streamen. Das ist ja langweilig, das ging mir schon beim Berliner „Theatertreffen“ so. Überraschend finde ich jedoch, wie gut einige Angebote angenommen werden.

Bei unserem jährlichen deutschen Filmfestival im Juni des Jahres hatten wir ein Vielfaches an Zuschauern im Vergleich zu den Vorjahren. Interessierte aus ganz Spanien und zum Teil aus Südamerika nutzten das Online-Format, um Filme zu sichten und aktiv an einem mehrtägigen Workshop teilzunehmen. Die Coronakrise hat im Goethe-Institut auch neue Formen interner Diskurse beschleunigt, die nachhaltige Debatten innerhalb und außerhalb der Institution befruchten. Auf europäischer Ebene ist der Austausch intensiver geworden.

Nun hat die Regierung den Ausnahmezustand wieder in Kraft gesetzt, Madrid ist erneut abgesperrt. Was denken Sie, wie die Menschen darauf reagieren werden?
Der Austausch ist sicher ein großes Plus, das langfristig wirken wird. Der zweite Lockdown wird die politische Krise weiter vertiefen, den Populisten Oberwasser geben, eine Tendenz, die man in etlichen Bundesländern und Kommunen sehen kann, wo die nationalkonservative Partei Vox erhebliche Zuwächse verbuchen kann.

Die Folgen machen sich auch kulturell bemerkbar. PP und Vox haben in Madrid gleich nach Amtsantritt im letzten Jahr die Leitungsstellen in den staatlichen Kultureinrichtungen ausgetauscht. Diese Praxis hat in Spanien leider eine lange Tradition, keine Partei will die Hoheit über die Kultur aufgeben.