Das Warten hat sich gelohnt für Eric Franke

Nach 55 Sekunden fulminanter Kraft und voller Konzentration ist die Wettfahrt vorbei. Dann kommt das Warten bis zur nächsten Talfahrt und das ist für Eric Franke fast genauso anstrengend wie der rein sportliche Akt – der für ihn das Anschieben eines 170 Kilogramm schwerer Bobs bedeutet.

Am vergangenen Wochenende hat Franke gemeinsam mit seinem Piloten Johannes Lochner beides glänzend gemeistert und im Zweierbob bei der WM in Altenberg Silber gewonnen. Zuvor hatte der gebürtige Berliner, der für den SC Potsdam startet, unter anderem 2018 Silber bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang und WM-Bronze 2017 und 2020 jeweils im Viererbob geholt.

Wieder einmal nicht zu schlagen war Francesco Friedrich. Mit seinem Anschieber Alexander Schüller triumphierte er in allen vier Läufen und wurde zum zehnten Mal Weltmeister – ein historischer Erfolg. 0,88 Sekunden Rückstand hatten Lochner und Franke, die in dieser Saison erstmals in einem Schlitten fahren. Bei aller Zufriedenheit mit WM-Silber resümiert Eric Franke selbstkritisch: „Von oben bis unten sind bei uns Verbesserungen möglich.“

Viermal haben er und sein Pilot Lochner die gleiche Startzeit hingelegt, was für Außenstehende wie eine konstante Leistung wirkt. „Es war aber nie gleich“, sagt der 31-Jährige, „der Einstieg in den Bob kann noch aktiver sein.“ Die Abgangsgeschwindigkeit gilt es vom Start beim Einstieg mitzunehmen und „da kann man viele Fehler machen“, sagt Franke. „Wir haben es ganz okay gemacht und verglichen mit dem Rest des Feldes sogar gut.“

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Es ist aber nicht nur eine hohe Aktivität beim Anschub und Einstieg, die für Franke herausfordernd sind. Es ist auch das Geduldsspiel zwischen den vier Durchgängen. „Eigentlich willst du nach einem Lauf sofort wieder an den Start, willst es besser machen, Fehler korrigieren“, sagt Franke. „Aber es heißt, geduldig sein und warten, was ich nicht sehr gut kann.“

Die Anspannung und Konzentration sei bei ihm so groß, dass er die Nacht nach einem Wettkampf sehr unruhig schlafe. „Da verarbeite ich die vielen Eindrücke, die an einem Renn-Wochenende zusammenkommen“, sagt er.
Gewöhnlich sitzen die Bobteams gemeinsam in einer Umkleidekabine und warten auf den nächsten Start.

Weil in Zeiten der Coronavirus-Pandemie Abstand gehalten werden muss, hatte in Altenberg jede Crew einen eigenen Container: Ein provisorisches Wartezimmer mit ein paar Stühlen drin, nicht sonderlich gut geheizt und alles andere als gemütlich. „Das hat schon viel mentale Kraft gekostet, um die Anspannung und Konzentration hochzuhalten“, erzählt Franke. Mit Musik und ein paar Späßen mit seinem Piloten habe er sich die Zeit vertrieben, „aber ich kann das Warten nicht leiden“.

Seit Jahren eine glänzende Bilanz

Für die Anschieberschule des SC Potsdam ist Frankes Medaillengewinn ein weiterer Erfolg in einer seit Jahren glänzenden Bilanz. Kevin Kuske ist mit sechs olympischen Medaillen der erfolgreichste Vertreter der Potsdamer Schule und inzwischen als Trainer am Olympiastützpunkt im Luftschiffhafen tätig.

Dort wurde im August 2019 eine Anschubstrecke eröffnet, die sich für Eric Franke als wahrer Segen erwies. „Für uns Athleten aus Berlin und Brandenburg ist das schon ein großes Glück, solche Bedingungen zu haben“, sagt Franke.

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Als Kadersportler konnten er und seine Kollegen die Spezialanlage sowie weitere Trainingsmöglichkeiten des Potsdamer Olympiaparks trotz coronabedingter Schließungen weiter nutzen. Lediglich für ein paar Wochen im Frühjahr musste improvisiert werden, was Franke gar nicht so schlecht fand. „Es war nicht verkehrt, mal aus der Komfortzone herauszukommen, sich Alternativen zu suchen und mental anderen Herausforderungen zu stellen.“ Treppen und Parkbänke entdeckte er in dieser Zeit als geeignete Trainingsgeräte, die für den Formaufbau nützlich waren.

Einmal sogar Francesco Friedrich geschlagen

Mit seinem Piloten Lochner fährt der Potsdamer eine starke Saison. Bei fünf Weltcup-Rennen landete das Duo dreimal auf dem zweiten Rang, beim Sieg in Innsbruck Mitte Dezember fügte das Gespann Serienmeister Francesco Friedrich die bislang einzige Saisonniederlage zu.

Nun ist wieder Geduld gefragt. Die wegen der Pandemie verkürzte Saison ist für Franke zu Ende. Für die Viererbob-WM am kommenden Wochenende ist er als Ersatzmann in Altenberg, danach geht es für zehn Tage noch nach Frankreich. Auf der Bahn in La Plagne werden Schlitten und Material getestet.

Die Olympiabahn von 1992 ist länger als die deutschen Pisten in Altenberg, Winterberg, Königsee oder Oberhof und daher eine gern gewählte Teststrecke in Vorbereitung auf die Winterspiele in Peking. Im Yanqing National Sliding Center führen dann im kommenden Jahr 16 Kurven über 1975 Meter zum olympischen Erfolg. Vier Fahrten über nicht ganz 60 Sekunden und dreimal warten werden Frankes olympisches Wettkampfprogramm sein.