„Das Virus ist verlässlicher als Trump“

Die ersten Masken tauchten bei ihm kurz nach dem Jahreswechsel auf. Hierzulande war das noch kein großes Thema. Da veröffentlichte Klaus Stuttmann am 22. Januar 2020 seine erste Karikatur zur Coronavirus-Pandemie. Sie zeigt eine Gruppe mit Mund-Nasen-Schutz ausgestatteter Menschen in China, von denen einer sagt: „Die Regierung ist schon sehr in Sorge!“ Darauf ein Zweiter: „Dass jetzt die Gesichtserkennung bei der Videoüberwachung nicht mehr funktioniert!“

Zeichnender Kommentator. Klaus Stuttmann fertigt seine Karikaturen auf einem digitalen Tablet.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ein klassischer Stuttmann, der zwei aktuelle Themen zu etwas Drittem, Eigenem verknüpft. Und das in einer rückblickend fast prophetischen Weise: Zu dem Zeitpunkt hielt man das anfangs nur in Asien auftretende Virus im Rest der Welt für ein Problem der Chinesen, viele Deutsche dachten bei „Corona“ zuerst an Bier und bei Maske an Henry.

190 Karikaturen zur Coronavirus-Pandemie

Zum Alltagsgegenstand wurde der Mund-Nasen-Schutz hierzulande erst in den darauf folgenden Wochen, da hatte Stuttmann bereits weitere Zeichnungen veröffentlicht, in denen die Maske eine wichtige Rolle spielte. Der Karikaturist als Wahrsager?

„Nein, ich habe natürlich keine prophetische Gabe“, sagt Klaus Stuttmann und lacht. Aber als zeichnender Kommentator des Weltgeschehens, der mit visuellen Elementen arbeitet, sei er am Anfang auf die wenigen Informationen und Bilder angewiesen, die bei diesem Thema aus China kamen.

Das Virus lebt: Eine von 190 Stuttmann-Karikaturen zum Thema.Foto: Stuttmann

Dort würden im Alltag ohnehin oft Masken getragen. „Daher habe ich das Thema Masken früh aufgegriffen, auch wenn ich damals noch auf der zu der Zeit auch von Christian Drosten vertretenen Linie war, dass Masken eher eine Sache der Höflichkeit als ein wichtiger Schutz sind.“

Knapp elf Monate später hat Klaus Stuttmann fast 190 Karikaturen zur Coronavirus-Pandemie im Tagesspiegel und einigen anderen Zeitungen veröffentlicht – etwa die Hälfte seiner Jahresproduktion für 2020 war diesem Thema gewidmet. Dutzende davon finden sich in seinem soeben erschienenen Buch „1,5 m Mindestabstand!!“ (Schaltzeit-Verlag, 200 S., 19,90 €)

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Es führt mit 200 gesammelten Karikaturen aus den vergangenen zwölf Monaten chronologisch vor Augen, wie das Virus in kürzester Zeit alle anderen Themen verdrängt hat, die die Welt und Stuttmann bis dahin beschäftigten – für den zeichnenden Kommentator Fluch und Segen zugleich.

2020 gab es nur zwei große Themen: Corona und Trump

„Wir Karikaturisten sind darauf angewiesen, welche Themen die schreibenden Kollegen behandeln“, erklärt Stuttmann. „Wir können nur mit Themen arbeiten, die schon im Bewusstsein der Menschen sind.“ Nur dann könne man mit Andeutungen spielen, die auch verstanden werden. Und 2020 habe es eigentlich nur zwei große Themen gegeben: Corona und Trump.

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Wobei die Pandemie aus Sicht des tagesaktuell und mit strenger Deadline arbeitenden Zeichners einen klaren Vorteil habe: „Das Virus ist verlässlicher als der US-Präsident.“ So konnte Stuttmann viele seiner Corona-Karikaturen mit etwas mehr Vorlauf als den sonst üblichen wenigen Stunden entwickeln, denn es sei ja meist schon absehbar gewesen, dass und in welcher Form Corona auch in den nächsten Tagen noch Thema sein wird. „Bei Trump hingegen weiß man nie, welches neue Fass er am nächsten Tag wieder aufmacht, und kann sich darauf auch nicht vorbereiten.“

Tag für Tag eine neue Pointe

Bei der Lektüre von Stuttmanns Sammelband beeindruckt, wie es der Karikaturist Tag für Tag schafft, auch einem vermeintlich immergleichen Thema doch jedes Mal wieder eine neue Wendung abzuringen – und eine meist humorvolle Pointe. „Es war allerdings manchmal kurz davor, langweilig zu werden“, gesteht Stuttmann im Gespräch. „So wie das aus Karikaturistensicht auch bei anderen Themen in den vergangenen Jahren der Fall war, die lange Zeit die Berichterstattung dominierten, von Griechenland bis zum Thema Flüchtlinge.“

Karikaturen von Stuttmann und Schwalme
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05.02.2017 19:46Gutscheine. Wenn jetzt die Läden dicht machen … “Ach, sind das aber viele schöne Geschenke!”

Was ihm in künstlerischer Hinsicht beim Jahresthema 2020 allerdings auch zugutekam: „Es existierte sehr früh ein Bild von dem Virus.“ Dank des anfangs nur in Fachkreisen zirkulierenden wissenschaftlichen Modells einer Kugel mit Noppen hatte das Virus schnell eine klare visuelle Identität – auch wenn die am Anfang nicht jeder erkannte, wie sich Stuttmann erinnert. „Ich habe im Februar eine Karnevals-Karikatur gemacht, wo die Narren sagen: ‘Wolle mer’n eroilosse?‘ – und das Virus steht vor der Tür.“

[Klaus Stuttmanns Jahresrückblick gibt es auch im Tagesspiegel-Shop, hier geht es dorthin.]

Daraufhin habe er einen Rückruf von einem Redakteur der „taz“ bekommen. „Der verstand das Bild nicht.“ Das Aussehen des Virus musste sich also erst im Bewusstsein durchsetzen. „Inzwischen habe ich damit viel spielen und Dinge visualisieren können“, sagt Stuttmann. „Das ist sehr hilfreich.“ Auch wenn er Anfang 2020 – wie die meisten Menschen – noch davon überzeugt gewesen sei, „dass das Thema im Sommer vorbei sein wird“.

„Ganz, ganz wichtig: Händewaschen!!“

Dass in Stuttmanns gezeichnetem Jahresrückblick dennoch auch viele andere Themen auftauchen, ist seiner typischen Technik zu verdanken, zwei auf den ersten Blick separate Themen miteinander zu kombinieren. So finden sich in dem Sammelband auch Arbeiten, mit denen er ihm wichtige Themen wie Rechtsextremismus, Menschenrechte und soziale Ungleichheit, die Herausforderungen der Europapolitik oder Trumps USA kommentiert.

Von Michelangelo inspiriert. Das Titelbild von Stuttmanns Jahresrückblick „1,5 m Mindestabstand!“.Foto: Schaltzeit-Verlag

Aber eben oft mit Corona-Dreh. Da werden bei der Bundeswehr Masken zur Eindämmung des Neonazi-Virus eingesetzt, in der Schlange der Flaschensammler vor einem Mülleimer gelten plötzlich strenge Abstandsregeln, und drei bekannte Diktatoren mit Blut an den Händen sagen grinsend im Chor: „Ganz, ganz wichtig: Händewaschen!!“

Und natürlich spielen bei vielen Corona-Karikaturen auch die zwei Akteure wichtige Rollen, die Stuttmann in den vergangenen Jahren am meisten gezeichnet hat: Merkel und Trump.

Föderalismus: Eine von Dutzenden Stuttmann-Karikaturen, in denen die Maske eine Rolle spielt.Foto: Stuttmann

Noch mehr Bilder der beiden finden sich zudem in einem anderen Buch, das kürzlich zum 75. Jubiläum des Tagesspiegels erschienen ist und das eine Auswahl aus Stuttmanns Arbeiten für die Zeitung dokumentiert: „Die Tagesspiegel-Karikaturen aus (fast) zwei Jahrzehnten“ (264 S., 19,95 €, erhältlich im Tagesspiegel-Shop: shop.tagesspiegel.de, Tel. 030 / 290 21 520).