Das Trauma wegmalen

Es gibt sie noch oder wieder, die kleinen Schöneberger Galerien, Off-Spaces und Studios: das Atelierhaus in der Kyffhäuser Straße, zur Berlin Art Week eine Pop- up-Ausstellung des Luxemburger Kurators Gilles Neiens unweit in einer leeren Wohnung, und der russische Konzeptkünstler Vadim Zakharow unterhält eine Katzensprung entfernt in der Eisenacher Straße seinen Salon.

In Schöneberg gibt es Galerien, Off-Spaces und viele Ateliers

In der Belziger Straße könnte im ehemaligen Straßenbahndepot eine Kunsthalle entstehen, so war es jedenfalls von einer Initiative gedacht. Die Fotogalerie Hilaneh von Kories ist schon da, eine Ecke weiter gibt es seit 2011 die Galerie Under the Mango Tree von Mini Kapur mit gemischtem Programm.

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Die indische Designerin zeigt eigene Arbeiten und die befreundeter Künstler, daher auch der Name ihrer Galerie, der an ihre Heimat erinnert und die Idee des Gemeinschaftlichen transportiert.

Mini Kapur nimmt Künstler unter ihren Mango-Baum

Unter ihren Baum hat die engagierte Galeristen nun einen amerikanischen Künstler genommen: den 48jährigen Jai Mitchell, einen Autodidakten, der über Workshops zur Malerei kam, um über das Trauma des Missbrauchs in seiner Kindheit hinwegzukommen.

Diesem Wissen kann sich der Betrachter nicht entziehen, man sieht das Leid automatisch mit in den verhuschten Körpern, verwischten Gesichtern, aus denen eindringlich immer wieder ein einzelnes Auge starrt. Wer genauer hinschaut, entdeckt Schnitte in der Leinwand, die pastos vornehmlich mit Blau übermalt sind. Mitchell ist Porträtmaler, doch glaubt man, vor allem ihn selbst in den Gesichtern zu entdecken.

Das Bildnis seiner Schwester ist ein Requiem

Eine Ausnahme bildet das einzige konkrete Porträt, ein Bildnis seiner älteren Schwester mit dem Titel „Rana Dreamed She Was An Elephant“, das erst jüngst entstanden ist. Es bricht farblich aus durch die hellen Schraffuren in Gelb, Orange und Rot und ist doch alles andere als heiter, denn Rana verstarb vor wenigen Wochen. Anders als ihr Bruder konnte sie die ebenfalls traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit nie überwinden.

[Under The Mango Tree, Merseburger Str. 14, bis 25. Oktober; Mi–Fr 15.30–19 Uhr, Sa 13–16.30 Uhr]

Davon handelt auch das Bild, das sie als Dickhäuter zeigt. „Meine Schwester Rana träumte, sie sei ein Elefant. Ein Elefant vergisst nie. Das ist das Problem“, so Mitchell. Er ist ein Seelenporträtist, der ähnlich intensiv wie Munch psychische Zustände darstellt, die ihn quälen. Dass seine Malerei mehr als ein therapeutisches Mittel ist, beweist seine Ausstellung mit dem sprechenden Titel „Unspoken. Unsaid“ (Preise: 900–2600 Euro).