Das Programm ist noch vage, dafür die Optik bunt

Corona hat auch bei der Documenta, die nächstes Jahr ab 18. Juni bis 25. September stattfindet, so einiges durcheinander gebracht. Treffen konnten nur digital stattfinden, die Anreise der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa, den Kuratoren der alle fünf Jahre stattfindenden Weltausstellung aktueller Kunst, war erschwert. Bislang sind nur Reza Afisina und Iswanto Hartono zur Vorbereitung nach Kassel gezogen, im vergangenen Sommer siedelten sie mit ihren Familien um. Sobald wie möglich sollen auch die anderen Mitglieder des Kollektivs nachkommen.

Dass anderthalb Jahre vor Eröffnung der Ausstellung noch nichts greifbar ist, bislang keine Künstlerliste vorliegt, gehört allerdings zu den Ritualen der Documenta. Wer die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind, wird meist bis wenige Wochen vor Eröffnung als Geheimnis bewahrt.

Im Februar sollen allerdings die Orte bekanntgegeben werden, an denen die Megaschau stattfinden soll. Bislang stehen wie alle Jahre das Museum Fridericianum und die Documenta-Halle fest, hinzugekommen ist bereits das Ruru-Haus, ein ehemaliges Kaufhaus in der Innenstadt, an dessen Außenfassade das Corporate Design der Ausstellung großflächig sichtbar wird: ineinander greifende Hände, die sich aus Seilen formen.

Lumbung, so lautet das wichtigste Stichwort für die 15. Documenta

Sie stehen für das Prinzip, mit dem Ruangrupa angetreten ist. Lumbung, so lautet das wichtigste Stichwort für die 15. Ausgabe der Documenta, ein indonesischer Begriff, der Gemeinschaftlichkeit umschreibt. Noch heute wird Lumbung in ländlichen Regionen Indonesiens praktiziert.

Nach der Regenzeit fahren die Mitglieder eines Dorfes die überschüssige Ernte in einer Gemeinschaftsscheune ein. Während der Trockenphase steht sie für die Bedürftigen bereit. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Ruangrupa, die künstlerische Projekte und Werke präsentieren will, in denen Korporativität, Großzügigkeit und Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielen. Nach einem womöglich zweiten Corona-Jahr könnte dies 2022 die Botschaft der Stunde sein.

„Studio 4002“ aus Jakarta entwickelte das Erscheinungsbild

Die Idee zum visuellen Auftritt der Documenta stammt ebenfalls aus Indonesien. Gemeinsam mit der Documenta GmbH lud Ruangrupa zum Wettbewerb ein. Zehn Teams jeweils von den Kunsthochschulen in Kassel und Jakarta durften Vorschläge einreichen. Das Rennen machte das indonesische „Studio 4002“, dessen Idee zusammen mit dem Berliner Büro Stan Hema und dem offiziellen Documenta-Designer Leon Schniewind weiterentwickelt wurde.

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„kmmn_practice“, die sich aus Kassel platziert hatten, durften die Fensterzone des Ruru-Hauses gestalten. Mit der Übernahme des ehemaligen Kaufhauses wollte Ruangrupa eigentlich auch schon inhaltlich stärker Akzente setzen. Das produktive Abhängen, „Nonkrong“, wie es im Indonesischen heißt, kann wegen Corona dort nun doch nicht stattfinden.

Durch die seit Mitte Dezember in der gesamten Stadt auf Litfasssäulen und Bannern sichtbaren ineinander greifenden Händen von „Studio 4002“ gewinnt die Documenta anderthalb Jahre vor ihrem offiziellen Beginn zumindest optisch eine größere Präsenz. Das Erscheinungsbild könnte im Vergleich zur vorherigen Ausgabe nicht unterschiedlicher sein.

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Das Motiv der Hände, die ineinander greifen, demonstriert die Solidarität

War es unter dem polnischen Kurator Adam Szymczyk nüchtern und schwarz-weiß, so dominieren jetzt bunte Farben, wie sie traditionell im Osten Indonesiens zum Färben von Textilien benutzt werden. Dass die vier jungen Grafikdesigner auf das Motiv der Hände kamen, die sich aus Seilen immer wieder neu formen, lag ebenfalls nahe. „Hände nehmen und geben“, erklärt die 21-jährige Louisiana Wattimena im Zoom-Gespräch. „Jede Aktivität beginnt mit den Händen. Das Seil, der Knoten stellt die Verbindung her.“

Für sie und ihre drei Mitstreiter ist es eine große Auszeichnung, dass ihr Team den Zuschlag für das Design bekommen hat. Waren sie zuvor nur ein loser Verbund, so hoffen sie nun auf eine gemeinsame Zukunft. Ihre Name „Studio 4002“ wird sie daran erinnern, wie alles begann: Als Parkgebühr für ihre zwei Motorräder zahlten sie im Fastfood-Restaurant, wo sich die Gruppe regelmäßig traf, jeweils 2000 Rupien, erzählt die 23-jährige Larasati Fildzah Kinanti. Zunächst aber müssen sie ihren Studienabschluss an der Kunsthochschule in Jakarta machen.

Anders als die letzte Ausgabe bleibt die nächste Documenta in Kassel

Auch sonst setzt sich die Documenta-fifteen, wie sie genannt wird, von ihrem Vorgänger ab. Einen zweiten Standort wie 2017 in Athen, durch den es zu Defiziten in Millionenhöhe kam, wird es nicht geben. Stattdessen will sich die Ausstellung die Fulda aufwärts in den industriellen Osten von Kassel ausdehnen. Über das aktuelle Budget wird Stillschweigen gewahrt. Adam Szymczyk waren zunächst 34 Millionen Euro bewilligt worden.

Nach dem finanziellen Desaster versprach Oberbürgermeister Christian Geselle als Aufsichtsratsvorsitzender der Documenta GmbH eine „auskömmliche Finanzierung“ für die nächste Ausgabe, nannte aber keine Zahlen. Sabine Schormann, die als neue Direktorin auf die glücklose Geschäftsführerin Annette Kulenkampff folgte, verrät nur so viel, dass es beim anvisierten Budget bleibt.

Teilen und Freundschaft – das klingt visionär für die Zeit nach Corona

Auch vor diesem Hintergrund lässt sich die Wahl Ruangrupas als nächste Documenta-Macher verstehen. Die von dem Kollektiv propagierten Praktiken des Teilens, der Solidarität und der Freundschaft müssen wie Balsam nach dem vorherigen finanziellen Schiffbruch gewesen sein. Nach den Erfahrungen mit Corona erweisen sie sich nun als visionär.