Das ist die beste Rednerin des Jahres

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Normal war dieses ganze 2020 nicht, und angemessen unnormal ist es, dass die beste Rednerin des Jahres in entscheidenden Minuten einen derart vermurksten Satz sagt. So einen: „Und so hart das ist, und ich weiß, wie viel Liebe dahintersteckt, wenn Glühweinstände aufgebaut werden, wenn Waffelbäckereien aufgebaut werden, es verträgt sich nicht mit dem (sic) Vereinbarung, dass wir zum Beispiel Essen und Verzehr nur zum Mitnehmen nach Hause wirklich vereinbart haben.“

So hingeschludert? Eher: so überwältigt. Denn die Rednerin des Jahres redete persönlicher, dringlicher als im politischen Alltag. Als Alice Weidel ein gedanklich nicht gänzlich ausgereiftes „alles nicht erwiesen“ in den Saal rief, erklärte die Rednerin Frau Weidel den Unterschied: „Ich glaube an die Kraft der Aufklärung“. Man könne vieles außer Kraft setzen, „aber die Schwerkraft nicht, die Lichtgeschwindigkeit nicht und andere Fakten auch nicht“.

Gewonnen hat Angela Merkel deutlich. Zum zweiten Mal hatte ich den hiermit traditionsreichen Wettbewerb „Rednerin oder Redner des Jahres“ ausgeschrieben. 21 Fachmenschen aus Medien und Politik haben votiert. Ich gestehe, dass ich eingeschränkt überzeugt bin, da ich die Kanzlerin zu oft floskelnd erlebe, Nebensätze zu Wällen aufschichtend, doch Wettbewerb ist Wettbewerb.

„Eine verwandelte Kanzlerin“

Erste: Angela Merkel, 9 Punkte. Laudatio: „Gerade weil sie eigentlich keine herausragende Rednerin ist. Da sie in der Corona-Krise gemerkt hat, dass erstens das Kommunizieren wichtig ist und es zweitens um Emotionen, Einsicht, Überzeugung geht, hat sie zu einem anderen Stil gefunden. Eine verwandelte Kanzlerin“, so die rbb-Hauptstadtkorrespondentin Angela Ulrich.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Zweiter: Wolfgang Schäuble („Es isch, wie es isch, und jetzt isch over“) und Jens Spahn („… dass wir uns untereinander zugestehen, sich mal geirrt zu haben…“), jeweils 4 Punkte. (Und nein, es gab kein Unionsübergewicht in der Jury. Dieses Jahr war wohl keines für die Opposition.) Nennungen gab es für Christian Lindner, Alice Weidel, Philipp Amthor, Annalena Baerbock, Robert Habeck, Karl Lauterbach, Britta Haßelmann, Ralph Brinkhaus, Markus Söder.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Was für ein Jahr aber war dies nun, rein rhetorisch? Der „Welt“-Kollege Robin Alexander sagt, die Berliner Reden seien „allesamt enttäuschend“ gewesen, schon wegen der „Corona-Bedingungen: Vor ausgedünnten Parlamentsreihen spricht es sich schlechter“. Der Trend allerdings sei covidunabhängig: „Die Abgeordneten schreiben gar keine klassischen Reden mehr, in denen sich eine Argumentation entfaltet und sogar die Gegenposition mitbedacht wird.“ Stattdessen zielten sie auf „wenige knackige Sätze, die sich anschließend über Social Media an die eigene Anhängerschaft verteilen lassen“.

„Größte Wirkung mit den wenigsten Worten.“

Im sonderbaren Jahr gibt es drei Sonderpreise. Der Tagesspiegel-Kollege Robert Birnbaum vergibt den ersten: „Greta Thunberg – größte Wirkung mit den wenigsten Worten.“ Stephan Lamby prämiert die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die per YouTube-Video („Corona geht gerade erst los“) vor der Pandemie warnte, „präzise in der Argumentation und bissig in der Wortwahl“.

Und Hatice Akyün weiß, dass wir über Berlin und den politischen Rest des Landes reden, erinnert aber außer Konkurrenz an die erste Rede der gewählten Vizepräsidentin der USA: „Kamala Harris sagte: ‚Dream with ambition, lead with conviction and see yourself in ways others may not.’ Dieser Satz ist mir direkt ins Herz gegangen.“ Denn es stimmt: Kamala Harris öffnete eine Tür für träumend überzeugte Mädchen und Frauen, die sich selbst ganz anders sehen möchten als sie gesehen werden. Und auf einmal hatte die Sprache der Politik auch 2020 wieder Kraft.