Das interessantere Eishockey findet im Süden statt

Gernot Tripcke ist mit dem verspäteten Saisonstart in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zufrieden. Gut, sagt der Geschäftsführer vom Ganzen, morgens wache er mal nervös auf und checke sofort seine Mails. Kann ja immer etwas passiert sein. Bisher aber hat die DEL Glück gehabt, hat die Pandemie nur vor der Saison zugeschlagen (Berlin und Schwenningen). Daher, sagt Tripcke, würden die Hygienevorschriften penibel eingehalten. „Teilweise wird sogar mehr gemacht als gemacht werden muss.“ Belohnung dafür sei, dass es viele „hochklassige“ Spiele zu sehen gebe – und, ließe sich ergänzen, viele seltsame Spiele. So hat Düsseldorf bei einem Spiel in Iserlohn 4:0 geführt – und dann erst 6:5 nach Penaltyschießen gewonnen. Die Eisbären wiederum haben es geschafft, nach einer 3:0-Führung in Düsseldorf 4:5 nach Verlängerung zu verlieren.

Nach der wegen der Pandemie bedingten Unterteilung in zwei Gruppen fällt auf, dass im Norden mehr gerumpelt wird als im Süden. In je 25 Spielen fielen im Norden (166 Tore, im Schnitt 6,64 Treffer pro Spiel) weit mehr Treffer als im Süden (131/5,24). Ein Beleg dafür, dass in der Division der beiden Titelfavoriten Mannheim und München mehr Wert auf geordnete Defensivarbeit gelegt wird. Spiel 26 der Südgruppe am Samstagabend zwischen Schwenningen und München (4:6) fiel da schon heraus.

In der Nordgruppe ragt spielerisch kaum ein Team heraus, maximal noch die Eisbären, die am Sonntag zu Gast in Krefeld sind (17 Uhr, live auf Magentasport). Allerdings haben sie auch Formschwankungen. Vor dem 4:5 in Düsseldorf gab es ein 5:0 gegen Köln. Für den Sonntag nun aber sollten sie freie Bahn haben, denn die Krefeld Pinguine haben bisher alle ihre sieben Spiele verloren und könnten den DEL-Negativstartrekord einstellen, die Revierlöwen aus Ratingen verloren einst acht Spiele in Serie.

Die Ratinger setzten übrigens wie Pinguine heute auch mal auf eine russische Komponente im Team – allerdings mit mehr Qualität als die Krefelder jetzt. In jedem Fall wirkt das Modell Pinguine aus der Zeit gefallen, ähnliches ließe sich auch den Fischtown Pinguins attestieren, die mit ihrer Mannschaft eher in die Zeit der Revierlöwen-Neunziger gehören, als das Bosman-Urteil deutsche Spieler aus der Liga verdrängte. Nach sieben Spieltagen haben deutsche Profis aus Bremerhaven weniger Scorerpunkte (ein Punkt) auf dem Konto als deutsche Profis bei den Edmonton Oilers in der National Hockey-League (NHL) nach zwei Spielen (sechs Punkte).

Das Süd-Nord-Gefälle ist wenig überraschend

Aber gut, die Bremerhavener Weltauswahl spielt ordentliches Eishockey. Das lässt sich den Kölner Haien bisher weniger attestieren. Dort haben sie die Geistersaison ja nur gespielt, weil sie von den Fans mit einer Millionenspende in einer Aktion an den Start gebracht wurden: Zum Dank haben die Haie jetzt mit Ex-Eisbär Landon Ferraro schon den zweiten ausländischen Profi in der Saison verpflichtet. Das Geld ist also gut angelegt.

Über die anderen Nord-Teilnehmer Iserlohn, Wolfsburg, Düsseldorf und eben Berlin lässt sich weniger Abenteuerliches sagen, aber das interessantere Eishockey findet im Süden statt. Dort haben die Nürnberg Ice Tigers mit Frank Fischöder den etwas anderen Trainer. Der ehemalige Nachwuchscoach (Jungadler Mannheim) setzt weniger auf den Gang zum Bürgeramt zur Eindeutschung des Personals (siehe Bremerhaven) als auf die Jugend. Mit Moritz Elias hat jetzt sogar ein 16-Jähriger sein erstes DEL-Tor geschossen. Das ist angesichts des Aufstiegs deutscher Spieler im Welteishockey nur konsequent. Die Nürnberger werden es aber schwer haben, in die Play-offs zu kommen, denn die Startruppen aus München und Mannheim sind spielerisch allen anderen voraus, ausgenommen den emsigen Schwenningern, deren emsiger Trainer Niklas Sundblad die passenden ausländischen Profis geholt und mit einer Eisfläche auf NHL-Maß (ist erlaubt in der DEL) das Eis für erstaunliche Erfolge bereitet.

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Für Gernot Tripcke ist das Süd-Nord-Gefälle übrigens keine Überraschung. „Die Einteilung der Gruppen war ja keine sportliche, sondern eine logistische.“ Es ging ja darum zunächst einmal lange Reisen zu vermeiden. Auch wenn es nun sportlich nicht gleichstarke Gruppen seien, so heiße das für die Play-offs und die vorgeschalteten Verzahnungsspiele nicht unbedingt etwas. Im angedachten „Best-of-three“-Modus für die Endrunde sei „die Chance für den Außenseiter besser“. Und das Gute sei zur Zeit ja auch, dass es „viele Derbys“ gäbe. Vor allem im Süden, auch ohne Zuschauer. Aber immerhin spielen ja viele bayrische Spieler in Straubing, Ingolstadt, München oder etwa in Augsburg.

Vor dem anstehenden Nordderby wird Fischtown-Trainer Thomas Popiesch da schon größere Probleme haben, seinem deutschen Gepflogenheiten nicht so vertrautem Spielerpersonal zu erklären, woran nun die lokale Brisanz einer Ansetzung zwischen Wolfsburg und Bremerhaven liegt.