Das Ich in der Filterblase

Es sah aus wie eine verwirklichte Utopie, als Tim Berners-Lee und das europäische Kernforschungszentrum Cern am 30. April 1993 das ursprünglich für die Kommunikation von Wissenschaftler*innen entwickelte World Wide Web kostenlos für die Öffentlichkeit freigaben. Endlich ließen sich für alle zugängliche Informationen miteinander verknüpfen, endlich war der freie Austausch von Meinungen für jede und jeden möglich.

Jia Tolentino, 1988 in Toronto geboren, war zehn, als sie im texanischen Houston, wo ihre Familie hingezogen war, das Internet für sich entdeckte. Es war Liebe auf den ersten Blick, erzählt sie in ihrem ersten Essayband. Dabei war sie aufgeweckt genug, um zu bemerken, was noch geschah, als ihre Familie in den Osterferien 1999 mit AOL gesegnet wurde: „Wie Jia internetsüchtig wurde“ übertitelte sie gleich darauf einen kleinen Text auf ihrer Angelfire-Seite.

Jia Tolentino, deren Eltern von den Philippinen stammen, analysiert klug, materialreich und ziemlich hartnäckig Phänomene der Gegenwart. Wie das Internet die Wahrnehmung verändert, den Bezug zur Realität und zum eigenen Ich sind nur einige davon. „Trick-Mirror. Reflections on Self-Delusion“, von Margarita Ruppel ins Deutsche übersetzt, ist im amerikanischen Original 2019 erschienen.

[Jia Tolentino: Trick Mirror. Über das inszenierte Ich. Aus dem amerikanischen Englisch von Margarita Ruppel. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M 2021. 363 Seiten, 22 €.]

Seither gilt Jia Tolentino zurecht als brillante Essayistin, die das Zeug dazu hat, in die Fußstapfen von Susan Sontag, Rebecca Solnit oder Zadie Smith zu treten. „Trick Mirror. Über das inszenierte Ich“ enthält zehn umfangreiche Essays, die eigens für den Band geschrieben wurden und zum Teil auf Arbeiten für den „New Yorker“, die Frauenwebsite „The Hairpin“ und die feministische Online-Zeitschrift „Jezebel“ zurückgehen.

Innenperspektive eines Digital Native

Sie sind in vielerlei Hinsicht Augen öffnend. Denn sie erzählen einerseits aus der Innenperspektive einer Digital Native, der das Internet wie eine natürliche Umwelt vorkommt, andererseits mit großen Zweifeln, was die Kosten der Entwicklung betrifft. Was tun wir uns an, könnte man die Fragestellung zusammenfassen, wenn wir unser gesamtes Leben dem Internet überantworten und als willige Opfer kommerzieller Zwecke unser Selbstbild nach dessen Regeln ausrichten? Diese Regeln sind weit härter, als das anfängliche Vergnügen glauben machen will.

In Anlehnung an den kanadischen Soziologen Erving Goffman, der gesellschaftliche Rollen nach dem Theater modellierte, beschreibt sie die heutigen Anforderungen so, dass nun in einer einzigen Rolle völlig verschiedene Verhältnisse unterkommen müssen. In der Online-Rolle ist man nicht nur für Freunde sichtbar, sondern auch für Eltern, Sexualpartner, Arbeitgeber und wildfremde Menschen. Applaus und Shitstorm liegen bei der Performance nahe beieinander.

Ungefähr 2012 wurde aus dem Netz eine strapaziöse Angelegenheit, meint Tolentino. Facebook war langweilig geworden, Instagram entpuppte sich als „Affenzirkus“, Twitter wurde entgegen allen aufklärerischen Versprechungen vor allem benutzt, um sich „auszukotzen“. Wie die US-Schriftstellerin und Künstlerin Jenny Odell, die in ihrem gleichfalls 2019 im Original und soeben auf Deutsch erschienenen Essay „Nichts tun“ über die „Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“ nachdenkt (übersetzt von Annabel Zettel, C.H. Beck, München 2021, 296 Seiten, 24 €), schreibt auch Tolentino unter der Einwirkung des Trump-Schocks.

Als Kalifornierin, die im Spannungsfeld von Techkonzernen und großartiger Natur aufgewachsen ist, sucht Jenny Odell nach Auswegen aus der Realitätskrise, die das Internet hervorgebracht hat. Sie verfolgt das Konzept einer neuen „Ortsfülle“.

Bigotterie und Ödnis in Houston

Jia Tolentino hat andere Erfahrungen. Sie wuchs in einem Vorort von Houston auf, verkehrte in einer Megachurch und ging auf eine evangelikale Schule. Die Beschreibung von Houston als einem Ort, der aus Öl, dickem Geld, Bigotterie und Ödnis gemacht ist, mündet einmal in die treffende Zuspitzung, die Autobahn sei der einzige öffentliche Ort in den partikularen Welten der texanischen Großstadt.

Der titelgebende Trickspiegel verzerrt die Dimensionen. Gewünschtes und Gefürchtetes überlagern sich zu „albtraumhaften metaphorischen Strukturen“, die das Ich überformen. Wenn alles, was eine Person in den sozialen Medien zu sehen bekommt, auf der Basis ihres Profils gefiltert wird, können Menschen irgendwann glauben, sie stünden „im Zentrum des Universums“.

„Es ist, als hätte man uns auf einen Aussichtspunkt gestellt, von dem aus die ganze Welt zu sehen ist, und uns ein Fernglas gegeben, mit dem alles wie unser Spiegelbild aussieht. Durch die sozialen Medien sind viele Menschen schnell zu der Ansicht gelangt, alle neuen Informationen seien eine Art direkter Kommentar darüber, wer sie sind.“ Das kann man auch als Erklärung für gelegentliche Hypersensibilitäten der Generation Woke verstehen.

Als 19-Jährige lebte sie ein Jahr mit dem Friedenscorps in Kirgisistan, bis die alltägliche Gewalt trotz aller Privilegien so unerträglich wurde, dass sie in eine Depression schlidderte und den Einsatz abbrechen musste. Diese Erfahrung kehrt ebenso wieder wie Gedanken über Betrug, Sexismus, Rassismus und Feminismus. Selbst was die von ihr abgelehnte Ehe anbelangt, arbeitet sich Tolentino durch verschiedene Formen der Auseinandersetzung: von einer ausführlichen Analyse literarischer Marriage Plots bis zur Schilderung der langen Liste ihres Freundes, die dabei helfen soll, alle Hochzeitseinladungen zu bewältigen.

Wie sie Erfahrung und Recherche miteinander verbindet, führt oft gerade dort zu Erkenntnissen, wo sie ein wenig vom Weg abweicht. Es ist fast wie bei Jenny Odells Idee, man könne „seitwärts entkommen“. Etwa wenn sie sich, um den Zusammenhang von geschlechtsspezifischer und sexistischer Gewalt zu erkunden, an ihre Alma Mater, die UVA in Virginia begibt.

Vergewaltigung mit eingebautem Alibi

Während sie einen schlecht recherchierten Artikel im „Rolling Stone“, der 2014 zu einem Skandal führte, nachrecherchiert, versucht sie, nicht einfach die Fehler der Journalistin Sabrina Rubin Erdely aufzudecken, sondern zu verstehen, auf welche komplexe Situation die Geschichte einer Gruppenvergewaltigung in einer männlichen Studentenverbindung geantwortet haben könnte. Dabei kommt sie auf den Gedanken, dass eine Vergewaltigung ein Verbrechen spezieller Art ist: „Keine andere Gewalttat verfügt über ein eingebautes Alibi“, weil „Sex als Ausrede“ dienen könne. „Damit die Leute glauben, dass man Gerechtigkeit verdient, muss man völlig zerstört sein.“

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Wenn sie die „Geschichte einer Generation in sieben Betrugsmaschen“ erzählt, taucht nicht nur der Finanzcrash von 2008 mit der geplatzten Immobilienblase auf, nicht nur Mark Zuckerbergs „Betrugsmasche der sozialen Medien“, die Wahl von Donald Trump, die Ermöglichung von Jeff Bezos Karriere durch Investitionskapital, das die einkalkulierten Verluste absicherte, sondern auch Studiendarlehen. Sie führen bei US-Millennials zu derart hohen Schulden, dass sie in keinem Verhältnis zu möglichen Einkünften stehen. Die Situation sei in vielen Fällen so schlimm, „dass es an ein echtes Verbrechen grenzt“.

Jia Tolentinos Essays haben eine eigenwillige Mischung zwischen höchster Konzentration und Dissoziation. Sie sind bohrend, zupackend, selbstkritisch und offen. „Wir haben unseren Wert als Marktteilnehmerinnen maximiert“, schreibt sie über den Feminismus ihrer Generation. Doch in Hinsicht auf Einkommen, Kinderbetreuung und politische Repräsentation sei die Generation Y keinen Schritt weitergekommen. Umso begrüßenswerter, dass die Generation Z mehr auf Realitäten achtet.