Das Gorki und die türkischen Gefängnisse

Can Dündars Gefängniszelle steht jetzt im Garten des Maxim Gorki Theaters. Ein Raum mit einer Grundfläche von knapp vier mal vier Metern, karg eingerichtet.

Es gibt nur Pritsche, Tisch und Waschbecken. Der Boden besteht aus Metallgittern, unter der Decke hängen ein paar Neonleuchten. Ein denkbar lebensfeindlicher Ort. Der Kubus ist von außen einsehbar, innen aber wirft die Spiegelfolie der großen Scheiben ringsum nur das Bild des Betrachters zurück. Was ein Big-Brother-Gefühl der permanenten Beobachtung schaffen soll.

Das Instanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri

„Sie sehen nicht nur eine Gefängniszelle, vielmehr ist es eine Miniatur der Türkei, des größten Journalistengefängnisses der Welt“, sagt der Journalist Can Dündar. In ähnlichen Räumen waren oder sind prominente politische Gefangene wie Ahman Altan, Osman Kavala, Peter Steudtner oder Deniz Yücel eingesperrt.

Und Aberhunderte weitere kritische Köpfe. Dündar, der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet, war 2015 im Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri inhaftiert, für 92 Tage. Das Schlimmste sei ja, erklärt er im sonnigen Gorki-Garten, dass man nie wissen konnte, wie lange der Horror dauert. „Osman Kavala hat in vier Jahren keinen Richter gesehen.“

„Silivri. prison of thoughts“ heißt die Installation, die Dündar zusammen mit Shahrzad Rahmani entworfen hat. Der abstrakte Nachbau seiner Zelle ist ein Teil des Projekts „stronger still“ am Gorki Theater, das jetzt der Presse vorgestellt wurde. Bis Publikum kommen darf, wird wohl noch ein bisschen Zeit vergehen.

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Mit „stronger still“ startet das Gorki seinen 5. Berliner Herbstsalon. Der wird in diesem Fall nicht die gewohnte, kondensierte Kunstschau bieten. Sondern eine Reihe von Veranstaltungen, die sich übers ganze Jahr ziehen.

„stronger still“ will mit einer Reihe von Ausstellungen und Talks nicht nur den Fokus darauf richten, wie in der Türkei „jeden Tag das Recht gebeugt wird“, sagt Gorki-Intendantin Shermin Langhoff. Vielmehr feiert das Projekt den Widerstandsgeist derjenigen, die sich von Haft und haltlosen Anklagen nicht einschüchtern oder mundtot machen lassen.

Farbe aus Salatblättern oder Blut

„Ich verstehe nicht, warum sie uns ins Gefängnis werfen, wo wir doch stärker noch daraus hervorgehen“, wird die kurdische Künstlerin und Journalistin Zehra Doğan zitiert. Sie musste sich wegen „Propaganda für eine terroristische Vereinigung“ vor Gericht verantworten – weil sie ein Foto von türkischen Sicherheitskräften nachgemalt und verfremdet hatte.

In der Haft nutzte sie Zeitungspapier, Stofffetzen oder Unterwäsche als Leinwand, Farben stellte sie aus Salatblättern oder Menstruationsblut her. Wo ein Wille ist, da ist auch Kunst.

[26. Februar, 19.30 Uhr: „Undoing Prison“ – Panel mit Zehra Doğan, Can Dündar, Aslı Erdoğan / Livestream, anschließend online, www.gorki.de]

Die Geschichte von Zehra Doğan – die in Kürze die Ausstellung „prison no. 5“ im Gorki Kiosk eröffnen wird – begegnet einem auch im „museum of small things“. Dieses Museum der kleinen Dinge ist im Studio des Gorki zu erleben. Can Dündar und der Regisseur Hakan Savaş Mican stellen darin alltägliche Objekte vor, anhand derer die Geschichten von politischen Gefangenen auf Videoscreens erzählt werden.

Da ist der Einwegrasierer, umfunktioniert zum Instrument, mit dessen Hilfe die Mitglieder der Protestband Grup Yorum auch hinter Gittern weiter komponiert haben. Oder die Wasserflasche des inhaftierten Popstars Atilla Taş, deren Etikett benutzt wurde, um Botschaften von Zelle zu Zelle zu transportieren. Kreativität lässt sich nicht einsperren.