Das Gewissen der italienischen Gesellschaft

Als der Schriftsteller Leonardo Sciascia, der heute vor 100 Jahren in einer bäuerlichen Kleinstadt nahe Agrigent im Süden Siziliens geboren wurde, 1961 im Alter von 40 Jahren nach frühen Prosastücken seinen ersten Roman „Der Tag der Eule“ veröffentlichte, war das ein Ereignis. Eigentlich ein kleiner Kriminalroman, kaum 150 Seiten lang. Doch das im renommierten Einaudi Verlag in Turin erschienene Buch erfasste ein Stück Sizilien im Kern. Wie mit einem Schlag.

Da wird an der Piazza einer namenlos bleibenden sizilianischen Stadt ein Mann, der gerade den Autobus besteigen will, am helllichten Tag erschossen. Doch die anderen Fahrgäste wollen nichts gesehen haben, die Scheiben des Busses seien beschlagen gewesen, der Fahrer abgelenkt, und ein Ölkuchenverkäufer, der eben noch um die Busreisenden warb, hat sich beim Eintreffen der Carabinieri verflüchtigt. Man fragt: Ist da überhaupt etwas geschehen

Ein, zwei Szenen weiter gerät ein „vom Festland“ stammender Polizeiermittler in den Verdacht, ein Linker zu sein, im Krieg gar ein Partisan, und im fernen Rom sitzen zwei dunkel gekleidete Politiker im Schatten eines Cafés und beraten, wie der Zwischenfall an der sizilianischen Bushaltestelle, bei dem ein offenbar allzu unbestechlicher, bei gewissen Projektausschreibungen allzu korrekter kleiner Bauunternehmer ums Leben kam, möglichst schnell aus der Welt geschafft wird. Draußen dagegen das grelle, blendende Licht. Oder aber das Grau des Schweigens.

Macht, Geld und gesellschaftliche Verstrickung

Gleich auf den ersten zwanzig Seiten seines Debütromans, der vor jetzt 60 Jahren die Existenz der Mafia auch erstmals ganz explizit zum Thema der italienischen Literatur gemacht hat, entwirft Leonardo Sciascia derart ein Welt-Bild. Sizilien, Italien werden im „Tag der Eule“ zum Modell einer schönen, schrecklichen Tragikomödie: der Macht, des Geldes, der gesellschaftlichen Verstrickung. Familienbande, dieses Wort, sagte Karl Kraus einmal, habe einen Beiklang von Wahrheit. Das gilt auch für Sciascias folgende Sizilien-Krimis, von denen insgesamt vier auf Deutsch im Berliner Wagenbach Verlag erschienen sind. Ebenso wie nun zum 100. Geburtstag des 1989 in Palermo verstorbenen Autors die Prosasammlung „Einmal in Sizilien“ (Übersetzung Sigrid Vagt, 141 Seiten, 18 Euro).

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Darin sind wie schon in dem früheren roten Wagenbachbändchen „Mein Sizilien“ von 1995/2015 essayistische Impressionen der vielen Gesichter und Gesichte aus Siciascias Heimat gesammelt. Der Autor, der zunächst Volksschullehrer und später Abgeordneter im Stadtrat von Palermo und im Europa-Parlament war, schreibt wie in seinen Romanen eine nüchtern klare, von historischem und politischem Wissen grundierte Sprache, deren Poesie in der Präzision und klug gesetzten Lakonik liegt. Es hat etwas von dem durchdringenden Schwarz-Weiß auch der Filme des italienischen Neorealismo. Sciascia wählt nie ein gesuchtes Adjektiv bloß als stimmungsmalendes Ornament – also keine „Five-Dollar-Words“, wie Hemingway sagte. So steht denn auch hier der Schauder neben dem Zauber. Das Menschliche ist gepaart mit dem Dämonischen.

Gleichfalls zum Jubiläum veröffentlich die kleine Edition Converso in Bad Herrenalb nun einen längeren Zeitungsessay aus dem „Corriere della Sera“ sowie Sciascias eigenes Lieblingsbuch, den kirchenkritischen Kurzroman „Tod des Inquisitors“ von 1964, unter dem Sammeltitel „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ (Übersetzung Monika Lustig, erläutert von Maike Albath, 192 Seiten, 23 Euro). Als „Siziliens Pasolini“, so sein Ruf, durchleuchtet Sciascia die archaische Schönheit der Insel wie deren soziale Missstände.

Ausbruch, Flucht und Heimweh

Nicht nur die Mafia oder der Klerus, auch die Ausbeutung der Kleinbauern oder der Arbeiter in den einstigen Schwefelminen sind seine wiederkehrenden Themen. Ein Bruder im Geiste des sizilianischen Autors war so nicht zuletzt der gleichaltrige portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago mit seinen sozialkritischen Romanen über Großgrundbesitzer und Landarbeiter im Alentejo.

Das jüngste Echo und ein ganz heutiges Bild des sizilianischen Kosmos entwirft jetzt noch ein anderer Band: „Voci di Sicilia“ hat die in Berlin lebende, 1958 im sizilianischen Catania geborene Autorin, Komponistin und Sängerin Etta Scollo gesammelt. Die „Stimmen“ ihrer Insel sind aufgefangen bei einer „Reise durch Sizilien“ (so der Untertitel), die Scollo zusammen mit der Übersetzerin und Herausgeberin Klaudia Ruschkowski unternommen hat. Das mit schönen Fotos von Antonio Maria Storch zugleich opulent bebilderte Buch ist tatsächlich eine in besseren Zeiten wieder zur Reise nach Sizilien verführender Begleiter durch Historie und Gegenwart (Corso Verlag, Wiesbaden, 256 S., mit CD, 39,90 Euro).

Leonardo Sciascia ist darin ebenso mit einem Text vertreten wie etwa Carlo Levi, die große Dacia Maraini oder Palermos berühmter Bürgermeister Leoluca Orlando. Etta Scollo selbst, deren Liedtexte als Gedichte eingestreut sind und von der eine CD mit ihren meist von Gitarre und Bandoneon begleiteten, mal melancholischen, mal leidenschaftlichen oder witzreichen Canzone dem Buch beiliegt, sie führt hier einen Chor von Stimmen an, der Freude und Schmerz, Ausbruch, Flucht und Heimweh im Verhältnis zu Sizilien besingt.

Oder Phänomene so analytisch beschreibt wie Roberto Scarpinato, der Chefstaatsanwalt im Anti-Mafia-Pool von Palermo, der den Blick weit über Sizilien bis nach Deutschland, Russland, Asien, Amerika hebt: „Zur Globalisierung der Mafia und zu Palermo als einem Ort der Wahrheit“ heißt sein brillanter Beitrag, der gleich etlichen anderen auf Interviews von Scollo und Ruschkowski beruht, die von der Übersetzerin und Herausgeberin zu eigenständigen essayistischen oder poetischen Texten verdichtet wurden. Eine Lese- und Hörreise der besonderen Art.