Das Geschäft mit der Demütigung

Es geht dreckig zu im Boulevard. „Trennungs-Schlammschlacht!“ betitelte die „Bild“-Zeitung am zweiten Februar einen Text über die Trennung des FC-Bayern-Stars Jérôme Boateng und der ehemaligen „Germany’s Next Topmodel“-Kandidatin Kasia Lehnhardt. „Jetzt wird’s richtig schmutzig bei der Boateng-Trennung. Die privaten Nachrichten von Kasia an Boatengs Ex“, lautete eine andere Schlagzeile.

Der 32-jährige Fußballstar gab der Zeitung ein Interview, in dem er schwere Vorwürfe gegen seine Ex-Freundin erhob, mit der er etwa ein Jahr lang zusammen war. Sie habe die Beziehung zur Mutter seiner Kinder zerstört, ihn unter Druck gesetzt und außerdem ein Alkoholproblem.

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„Bild“ veröffentlicht all das, auch die „ehemals beste Freundin“ von Lenhardt ließ das Blatt zu Wort kommen. Lenhardt ist dabei meist lediglich die „Boateng-Ex“, ihre Tattoos und Schönheits-OPs werden in zahlreichen Artikeln seziert.

Die „Bild“-Meldung vom 10. Februar hingegen ist betont nüchtern. „Model Kasia Lehnhardt ist tot“, steht da. „Die junge Frau verstarb am Dienstag im Alter von 25 Jahren, sie hinterlässt einen Sohn.“ Am Mittwoch bestätigte Kasia Lenhardts Familie ihren Tod. Laut Berliner Polizei gab es keine Anzeichen von Fremdverschulden.

„Mobbing tötet“, sagt eine Freundin von Lenhardt

Die genauen Umstände und Ursachen von Lenhardts Tod kennen wir nicht. Sicher sind nicht allein die „Bild“-Zeitung, die zahlreichen Promi-Blogs oder die tausenden hämischen bis hasserfüllten Kommentare auf Instagram verantwortlich, vielleicht spielten sie sogar überhaupt keine Rolle. Nichtsdestotrotz hat der mutmaßliche  Suizid der jungen Frau eine Diskussion über Cybermobbing und das Vorgehen der Boulevardpresse ausgelöst.

Das Model Sara Kulka, die mit Lenhardt befreundet war, prangert auf Instagram ein Szenario an, bei  dem eine Person so lange mit Schlamm beworfen wird , bis sie untergeht. „Mobbing tötet“, schreibt sie.

Eine neue Dimension der Demütigung

Dass Frauen in der Öffentlichkeit mit Hass, Häme und Misogynie überschüttet und öffentlich gedemütigt werden, hat seit der Antike Tradition. Mit dem Aufkommen des Internets hat das Problem eine neue Dimension angenommen. Die Muster sind dabei oft ähnlich. Ein prominentes Beispiel, das derzeit in den USA für Aufsehen sorgt, ist der Fall Britney Spears.

Am 5. Februar feierte die „New York Times“-Dokumentation „Framing Britney Spears“ Premiere. Der Film, der bisher nur auf dem US-amerikanischen Streamingdienst Hulu zu sehen ist, zeigt den Aufstieg und Fall des Popstars. Und er macht deutlich, wie ausschlaggebend die Aussagen eines Mannes für Britney Spears Imageverlust waren.

Britney Spears 2019 bei einer Filmpremiere.Foto: AFP/Valerie Macon

Als Spears Beziehung zu Popstar Justin Timberlake Anfang der Nuller Jahre endete, plauderte dieser in zahlreichen Interviews aus, dass er sehr wohl Sex mit Spears hatte, sie also keine Jungfrau mehr sei, wie zuvor behauptet. In einem Song und dem dazugehörigen Video suggeriert er, dass sie ihn betrogen habe. An diesem Freitag hat Timberlake sich auf Instagram für seine Taten entschuldigt.

Das Narrativ wird von Medien und Öffentlichkeit aufgegriffen. „Du hast etwas getan, das ihm so viel Leid und Schmerz gebracht hat. Was hast du getan?“, fragt die TV-Moderatorin Diane Sawyer eine in Tränen aufgelöste Spears. Sie ist damals 21 Jahre alt.

Der Beginn einer Abwärtsspirale

Die Trennung ist der Beginn einer Abwärtsspirale. Spears wird nun nicht mehr als das unschuldige All-American-Girl wahrgenommen, sondern als Schlampe, die ihren Freund betrogen hat. Es ist die klassische Dichotomie von Madonna und Magdalena, Engel und Hure, in der Frauen noch immer gefangen sind.

Die Trennung ist der Beginn einer Abwärtsspirale. „Framing Britney“ zeigt eindrucksvoll, mit welcher Ruchlosigkeit, Unbarmherzigkeit und Misogynie die Medien und die Öffentlichkeit eine junge Frau behandelten. Ein Heer von Paparazzi ist Spears ständig auf den Fersen, Klatsch-Webseiten und Magazine veröffentlichen demütigende Bilder.

Justin Timberlake und Britney Spears.Foto: AFP

Spears wird ununterbrochen verfolgt. Sie habe ja nie gesagt, dass sie in Ruhe gelassen werden wolle, sagt ein Paparazzo in der Doku. Er verdiente viel Geld mit Fotos, die zeigen, wie eine glatzköpfige Spears mit einem Regenschirm sein Auto attackiert. Spears versuchte in jener Nacht mehrmals, ihre Kinder zu sehen, über die ihr das Sorgerecht gerade entzogen wurde. Ihr Ex-Mann wies sie an der Tür ab. Auf einem Video aus der Nacht ist deutlich zu hören, was Spears den Paparazzi sagt: „Lasst mich in Ruhe.“

Mentale Gesundheit als Late-Night-Witz

Selbst Spears Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik wurde damals zum Medienevent. Die mentale Gesundheit des Stars war kein Thema, höchstens als Witz in Late-Night-Shows. Eine besonders verstörende Szene aus dem Film zeigt die US-Version des „Familienduells“ aus den der Nuller Jahren, Spears ist zu diesem Zeitpunkt Mitte 20.

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„Nennen Sie etwas, das Britney Spears verloren hat“, sagt der Moderator. „Ihren Ehemann“, ruf eine Mitspielerin. „Ihr Haar“, sagt eine Zweite. „Ihren Verstand“, sagt ein dritter Mitspieler triumphierend. Das Publikum johlt und applaudiert.

Hat #MeToo zu mehr Mitgefühl geführt?

Heute sind wir weiter, würde man gern denken.  Viele junge Stars wie Ariana Grande oder Billie Eilish sprechen schließlich offen über ihre psychischen Probleme bis hin zu Suizid-Versuchen, das Thema ist auch in den Medien viel präsenter. Und die

#MeToo-Bewegung hat zur Verhaftung oder zum Karriereende einiger wichtiger Männer im Filmgeschäft geführt, zu neuen Richtlinien und mehr Bewusstsein, was frauenfeindliche Bilder angeht. Aber haben diese Bewegungen auch die Welt des Boulevards erreicht? Haben sie wirklich zu mehr Mitgefühl und Rücksichtnahme in den sozialen Medien geführt?

Monica Lewinsky als „Patient Zero“

„1998 verlor ich meinen Ruf und meine Würde. Ich verlor so gut wie alles. Und ich verlor fast mein Leben“, sagt Monica Lewinsky in einem Ted-Talk von 2015.  Sie bezeichnet sich darin als „Patient Zero“ weltweiten, massenhaften Shamings. Als 22-jährige Praktikantin im Weißen Haus habe sie sich in ihren Chef verliebt – den damaligen Präsidenten der USA, Bill Clinton. Zwei Jahre später kam die Affäre ans Licht. Auch ihr wurde damals vorgeworfen, eine Familie zerstört zu haben, ein „Homewrecker“ zu sein.

Monica Lewinsky spricht inzwischen öffentlich über ihre Erfahrungen.Foto: dpa/Gorm Kallesstad

Die öffentliche Demütigung sei so schmerzhaft gewesen, dass sie es kaum habe ertragen können, erzählt Lewinsky. Ihre Mutter habe eine Zeit lang jede Nacht an ihrem Bett gewacht und sie nur mit offener Badezimmertür duschen lassen. „Meine Eltern hatten Angst, dass ich zu Tode gedemütigt werden würde“, sagt Lewinsky. „Buchstäblich.“

Scham als Industrie, Klicks als die Währung

Lewinsky beschreibt das Ausmaß des Mobbings, das durch das Internet ermöglicht wurde. „Millionen von Menschen können dich mit ihren Worten verletzen“, sagt sie. „Das ist viel Schmerz.“ Sie fordert einen Kulturwandel. Es brauche eine kulturelle Revolution, mehr Mitgefühl und Empathie online, um das massenhafte Mobbing zu beenden. „Öffentliche Demütigung ist eine Ware, Scham eine Industrie. Was ist die Währung? Klicks“, sagt Lewinsky.

Kasia Lenhardt bei den Bunte New Faces Awards 2018 in Berlin.Foto: imago images/Future Image

Der Fall von Kasia Lenhardt zeigt, dass sich das Problem seitdem eher verschlimmert zu haben scheint. Boulevardmedien und soziale Medien leben voneinander wie Parasiten. Die Boulevardpresse macht Stories aus Instagram-Posts der Stars und Sternchen, die rufen wiederrum Reaktionen hervor, sowohl bei den Akteuren als auch den zahlreichen Leser:innen, die sich daran machen, diese Stars online zu beschimpfen.

Negative Effekte werden so potenziert, frauenfeindliche Bilder wie das des „Homewreckers“ reproduziert, sei es gedankenlos oder ganz bewusst, um Klicks zu generieren. Die öffentliche Beschämung junger Frauen ist noch immer ein Garant dafür, Geld zu verdienen. Kasia Lenhardt verfasste ihren letzten Instagram-Post am 3. Februar. „Hier muss man eine Linie ziehen“, schrieb sie, und dann noch ein Wort. „Genug“.

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Der Berliner Krisendienst ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern variieren nach Bezirk, die richtige Durchwahl für Ihren Bezirk finden Sie hier.

Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de