Das fängt ja gut an

Am wohlsten fühlen sich die Wiener Philharmoniker, wenn sie alles so machen können, wie sie es schon immer gewohnt sind. Sie pflegen ihre Rituale und Traditionen hingebungsvoll, vererben innerhalb des Orchesters sogar die historischen Instrumente von Generation zu Generation. Und darum haben sie bei ihrem Neujahrskonzert 2021 auch einfach so getan, als sei alles wie immer.

Es gab den üblichen Blumenschmuck im Goldenen Saal des Musikvereins, bei der Fernsehübertragung wurden, wie in früheren Jahren auch, immer Balletteinlagen zugespielt, Maestro Riccardo Muti verbeugte sich gegen den menschenleeren Saal, und sogar eine Pause zwischen der ersten und zweiten Konzerthälfte wurde eingehalten (die Zuschauer im TV mussten derweil einen Tourismuswerbefilm über das Burgenland ansehen).

Ihr Neujahrskonzert ist den Wienern heilig – denn sie generieren damit 25 Prozent ihrer Jahreseinnahmen, wie der Dirigent Franz Welser-Möst gerade in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ verraten hat. In 92 Länder wurde die Matinee heuer übertragen, rund 50 Millionen Menschen schauten zu. Neben den Übertragungsrechten wird weiteres Geld durch die mediale Nachverwertung in die Kasse gespült. Der Mitschnitt wird vom Label Sony jeweils in Rekordzeit auf den Markt geworfen, diesmal erscheint die Doppel-CD am 15. Januar, es folgen eine Vinyl-Version sowie eine DVD und eine Blue-Ray-Edition.

Diversität der Stile statt Austrozentrismus

Für Klassik-Fans, denen der Sinn zum Jahresbeginn nach heiteren Klängen steht, gibt es aber auch Alternativen zu dem Kommerz-Spektakulum aus dem Goldenen Saal. Das Tonkünstler-Orchester beispielsweise, das in St. Pölten in Niederösterreich beheimatet ist, aber auch eine eigene Konzertreihe im Musikverein der Hauptstadt unterhält, hat jetzt auf seinem eigenen Label ein Album zum Thema vorgelegt. Dessen Programm deutlich diverser ausfällt als beim austrozentristischen Repertoire der Philharmoniker, die sich ja ausschließlich auf die Strauß-Dynastie und ihre künstlerischen Trabanten fokussieren.

Mit leichtgängigen Werken französischer, tschechischer, englischer, russischer und dänischer Komponisten weiten Dirigent Alfred Eschwé und die Tonkünstler deutlich den ästhetischen Horizont. Und sie sind bei ihrem Begrüßungstusch für 2021 nicht mit sich selbst zufrieden, so wie ihre Wiener Kolleginnen und Kollegen, sondern haben sich einen Stargast eingeladen.

Natürlich ist die “blaue Donau” auch dabei

Die Sopranistin Olga Peretyatko nämlich, die hier zeigen kann, dass sie mittlerweile mehr ist als eine reine Belcanto-Spezialistin. Reifer und üppiger klingt ihre Stimme jetzt, ohne dass sie darum die enorme Beweglichkeit in der Höhe eingebüßt hätte. Die „Klänge der Heimat“, die Arie der Rosalinde aus der „Fledermaus“, kann sie darum so vielseitig gestalten wie derzeit keine ihrer Konkurrentinnen. Nämlich zugleich mit dramatischem Aplomb und mühelos in den Koloraturen.

Natürlich drücken sich Alfred Eschwé und die Tonkünstler bei ihrem Neujahrs-Album nicht um die unverzichtbaren Hits, um den Radetzky- Marsch und die „schöne blaue Donau“, außerdem bringen sie Franz Lehárs „Silber und Gold“ zum Leuchten, den wohl elegantesten Walzer, der je geschrieben wurde – doch der größte Knaller ist hier zweifellos die Ouvertüre zu „Bocaccio“ von Franz von Suppé. Weil sie mit einer doppelten Finte beginnt: Erst scheint der Komponist die Strauß’sche Donau- Hauptmelodie zu zitieren, dann aber kippt sie unerwartet ins Wagnerisch-Lohengrinhafte. Ein witziges Spiel mit Wiedererkennungseffekt und Erwartungshaltung, das sich schließlich in ehrliche Lustspiel-Heiterkeit auflöst, mit Streichergewusel und jeder Menge Tschingderassa-Bumm.