Das falsche Versprechen der Freiheit

Vielleicht schlägt sie ja in diesen Tagen doch noch, die Stunde des Michael Webb. Es waren der Architekt und seine Gruppe Archigram, die in den 1960er Jahren das „Cushicle“ entwickelten. Eine Art aufblasbare Wohnzelle, die gefaltet auf dem Rücken getragen jederzeit zu einer Unterkunft werden konnte. Diese individuelle Möglichkeit der selektiven Isolation galt damals als progressiv. Aus heutiger Sicht wirkt sie eher wie ein Sinnbild für die Anforderungen der allgegenwärtigen Flexibilisierung, als Manifestation einer Gesellschaft der Singularitäten.

Wir leben nun einmal in einer globalen Pandemie, in der soziale Abgrenzung die gefragteste Tugend ist. Und das auch und gerade in unserer Reiseplanung, in deren Zentrum in den vergangenen Monaten bei vielen das Wohnmobil stand.

Mit seiner Hilfe lässt sich selbst im Hochrisikogebiet der Kreis der Kontakte auf den eigenen Haushalt eingrenzen – zugleich sind Reisende durch eigene Schlaf-, Wohn-, Koch- und Sanitärmöglichkeiten weitestgehend autark. Kein Wunder, dass bereits in den ersten Corona-Wochen die Verleiher am Telefon nur noch kurz auflachten, wenn man sich nach verfügbaren Fahrzeugen erkundigte. Campingplatzbesitzer wissen von einer regelrechten Wohnmobil-Schwemme zu berichten.

Die Caravaning-Branche erlebte in diesem Jahr trotz der Corona-Pandemie das beste erste Halbjahr ihrer Geschichte. In sechs Monaten wurden knapp 55 000 Fahrzeuge neu zugelassen. Das waren bereits zu diesem Zeitpunkt so viele wie im gesamten Jahr 2016. Und das trotz des Lockdowns im April. Kurzum: Es ist der Sommer der Wohnmobile.

Der unaufhaltsame Aufstieg der motorisierten Individualreise ist schon seit Jahren zu beobachten. Bereits 2019 rollten zum Saisonstart über eine halbe Million privater Freizeitfahrzeuge aus bundesdeutschen Vorgärten und Garagen. Die vergangenen Monate dürften daher eher ein Vorspiel der Plage aus Blech und Plastik sein, die in Zukunft ab dem Frühjahr über uns herfallen wird.

Voll im Trend. Dass der Verkauf von Wohnmobilen boomt, freut die Veranstalter der im September in Düsseldorf stattfindenden Messe…Henning Kaiser/dpa

Schließlich ist nicht zu erwarten, dass die stolzen Van-Besitzer ihre neu erworbenen Gefährte wieder gegen ein Ferienhaus oder gar ein Zelt tauschen. Die Preise für manche Modelle reichen an jene von Einfamilienhäusern heran. Und das will auf der Straße schließlich amortisiert werden.

Der Erfolg dürfte auch daran liegen, dass seit Jahren prominent platzierte Werbefilmchen des Caravaning Industrie Verbands (CIVD) über TV-Bildschirme flimmern. Erstaunlich sauber glänzende Fahrzeuge stehen darin in dramatischen Berglandschaften, an sonnengefluteten Stränden und schroffen Felswänden von Fjorden.

Eine einnehmende Stimme unterlegt die Bilder mit Botschaften wie: „Nie stehen bleiben, aufdrehen, bei dir selbst ankommen.“ In jeder Silbe, in jeder Sequenz dieser in satten Farben präsentierten Utopie schwingt das Versprechen von Freiheit und Unabhängigkeit mit.

Nur wenige Länder erlauben das Freistehen

In der Realität sieht das natürlich ganz anders aus. Nur die wenigsten europäischen Länder erlauben das sogenannte Freistehen noch. Schon gar nicht am Strand. Und selbst dort, wo es noch möglich ist, wie in Schweden oder Norwegen, ist es mit besinnlicher Einsamkeit nicht weit her.

Schon ab dem späten Nachmittag beginnt die nervöse Suche der Armada an Campingfahrzeugen nach einem Stellplatz. Längst sind die wenigsten geeigneten Orte nicht fäkalienverseucht und müllübersät. Die allabendlichen Verteilungskämpfe ähneln jenen von Lastwagenfahrern, die auf Autobahnrasthöfen zu beobachten sind.

Meist bleibt nur der frustrierte Rückzug auf die ausgewiesenen Flächen. Da steht man dann, aufgereiht auf betonierten Stellplätzen. Ein Meer in Weiß. Schlachtschiff reiht sich an Schlachtschiff. So eng, dass die Markise kaum ausgefahren werden kann.

Der Blick aus dem Fenster fällt auf die Außenverkleidung des Nachbarn. Das hinterlässt ebenso wenig Spuren im Innenleben des Betrachters, wie der Betrachtende etwas dem besuchten Ort zurückgibt. Vielleicht sind Wohnmobilisten auch deswegen nicht sonderlich beliebt bei Einheimischen: Wenig bleibt von ihnen – außer dem Inhalt ihrer Chemietoiletten.

Video
08.08.2020, 15:19 Uhr01:26 Min.Deutsche Urlauber zieht es in Corona-Zeiten nach Kroatien

Wer einmal die erniedrigende Erfahrung gemacht hat, sich am fortgeschrittenen Abend zwischen bereits anwesenden Campern einzureihen, der weiß, dass der vermeintliche Individualismus des Wohnmobils in Wahrheit ein regressiver Kollektivismus ist, in dem jeder auf seinen Vorteil bedacht ist.

Schiller schrieb einmal, dass eine Gesellschaft nicht gelingen kann, „wo der Mensch sich troglodytisch in Höhlen birgt, ewig einzeln ist und die Menschheit nie außer sich findet, auch nicht da, wo er nomadisch in großen Heermassen zieht, ewig nur Zahl ist und die Menschheit nie in sich findet“.

Im Wohnmobil verschränken sich beide Extreme: Man zieht verborgen in seiner Höhle mit den großen Heerscharen. Man ist im Kollektiv isoliert.

Man reist, ohne wirklich irgendwo gewesen zu sein

Dabei hätte schon die Geschichte des Automobils eine Warnung sein können. Es war auch einst mit dem großen Versprechen der Mobilität und Spontaneität gestartet. Umweht vom Hauch der Freiheit. Noch weit vor der ersten eigenen Wohnung waren die Sitze oft die ersten Quadratmeter der Autonomie. Der erste Kuss auf der Rückbank. Das laute Mitsingen von Lieblingsliedern während der Fahrt.

Doch heute ist das Auto längst herabgesetzt zum protzigen Statussymbol und bloßen Gebrauchsobjekt. Das Glücksversprechen ist im Stadtverkehr, auf ewiger Parkplatzsuche und den Staus auf Autobahnen längst auf der Strecke geblieben.

[Behalten Sie den Überblick über die Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez durch unseren Tagesspiegel-Bezirksnewsletter. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de.]

War der Urlaub einst die Möglichkeit, die eigenen Grenzen der Erfahrung zu sprengen, scheint es heute eine Verlängerung des Alltags in die wenigen freien Wochen des Jahres zu sein. Das Wohnmobil ist das Reihenhaus auf Rädern, in der die vertraute Umgebung von der eigenen Haustür bis an die ligurische Küste transportiert wird.

So lässt sich durch halb Europa reisen, ohne je wirklich irgendwo gewesen zu sein. „Erfahrungslose Kosmopoliten“, nennt der Autor Magnus Klaue das Phänomen treffend.

Das Diktat permanenter Selbstmobilisierung

Jahrtausende der Menschheitsgeschichte hindurch war Rastlosigkeit den Jägern und Sammlern als Naturzwang auferlegt. Heute wird dieses Verhalten nicht nur mit permanenten Umzügen und befristeten Arbeitsverhältnissen simuliert. Auch im Urlaub erscheint jene Umtriebigkeit, die einst die Hungernden und Frierenden verspürt haben müssen, wenn sie ihre Feuerstätte löschten und den Tierherden hinterherzogen.

Früher wurde das sogenannte fahrende Volk in der vormodernen ständischen Gesellschaft misstrauisch beäugt, heute ist das moderne Nomadentum für viele Lebensrealität. Und so verwundert es kaum, dass auch die permanente Selbstmobilisierung als erstrebenswertes Urlaubskonzept gilt.

Waren Arbeit und Freizeit im Homeoffice der Corona-Zeit bereits vollends miteinander verfilzt, so ist es nun eben auch das Reisen und das Wohnen.

Seit Jahren wird das Leben im Wohnmobil unter dem Hashtag #vanlife von der motorisierten Generation Instagram propagiert. In ihren mit weichzeichnenden Filtern verkitschten Bildern verschwimmen die Grenzen zwischen Ankunft, Aufenthalt und Abreise. Zwischen Alltag und Urlaub, Unterwegssein und Ankommen. Das Leben als fortwährende Transitreise.

Es ist die Verbildlichung jenes Sozialtypus, der ebenso wenig an einem Ort anzukommen vermag, wie bei sich selber zu Hause zu sein. Vor einigen Jahren veröffentlichte das Frankfurter Musik- und Performancekollektiv Les Trucs „Das Lied der Wohnmobile“. Es endet im mehrstimmig dargebotenen Finale: „Wir ziehen weiter, wir sind frei, wir werden Wohnmobile sein!“ Also dann, gute Fahrt!
Der Autor war in diesem Sommer selbst mit dem Wohnmobil unterwegs.