Das Afrikamera-Festival feiert das Kino von Angola bis Nigeria

Klimaanlagen fallen wie reife Früchte von den Häuserfassaden in den Armenvierteln von Angolas Hauptstadt Luanda. Die Zahl der Todesopfer, die von tief fliegenden Kühleinheiten getroffen werden, steigt täglich, während eine Hitzewelle über das Land rollt.

Argwöhnisch blicken die Menschen gen Himmel, wenn sie ihre Häuser verlassen, die Behörden weisen alle Verantwortung von sich. Schuld seien billige Anlagen aus China, die den Markt überschwemmen. Die Hausangestellte Zezinha hat ganz praktische Sorgen: Sie muss eine Klimaanlage für ihren cholerischen Chef reparieren lassen. Der Sicherheitsmann Matacedo, ein Veteran des Bürgerkriegs, den ein Tinnitus plagt, soll ihr helfen.

Die traumhafte Parabel „Air Conditioner“ des angolanischen Regisseurs Fradique ist der eigenwilligste Film im Programm des Afrikamera-Festivals, das dieses Jahr noch bis zum 22. November online stattfindet. Zwischen magischem Realismus und sanfter politischer Satire beschreibt Fradique das soziale Gefälle in einer der teuersten Städte der Welt.

Der Film setzt damit den richtigen Ton für das Festival, das unter dem Titel „Urban Africa, Urban Movies: Politics & Revolution“ steht; der Auftakt eines vierjährigen Programms mit je einem thematischen Schwerpunkt. 2021 werden die afrikanische Jugend und Jugendkulturen im Mittelpunkt stehen.

Eine Förderung des Senats verschafft Alex Moussa Sawadogo, der das Festival 2007 gegründet hat, ein wenig Planungssicherheit. „Ich kann mich jetzt mehr auf das Programm konzentrieren“, erzählt der zwischen Berlin und dem burkinischen Ouagadougou pendelnde Kurator am Telefon.

Panafrikanischer Cineast. Alex Moussa Sawadogo, der Gründer von Afrikamera.Foto: Privat

Die thematische Setzung soll unter anderem helfen, einen besseren Überblick über die Produktionen auf dem Kontinent aus der fernen europäischen Perspektive zu bekommen.

Cineastisch gelten afrikanische Kino-Nationen wie Angola, Senegal oder Burkina Faso für viele Filmfans weiterhin als Terra incognita, selbst eine blühende Kinematografie wie die nigerianische leidet immer noch unter abwertenden „Nollywood“-Klischees.

[Bis zum 22.11. auf www.afrikamera.de/kalendarium-afrikamera-2020/]

Wie unrecht man den Filmschaffenden in Nigeria mit der bloßen Reduzierung auf billige VHS-Produktionen tut, zeigt das Polizeidrama „The Ghost and the House of Truth“ von Akin Omotoso, mit eindrucksvollen Performances der Hauptdarstellerinnen Susan Wokoma und Kate Henshaw.

Bola (Wokoma) arbeitet als Vermittlerin zwischen Opfern von Gewalttaten und Tätern, aber ihr Gerechtigkeitssinn wird auf die Probe gestellt, als ihre Tochter Nike verschwindet. Die schwangere Polizistin Folashade (Henshaw), genannt Stainless, leitet die Ermittlungen.

Junge Filmemacher verstehen sich als politisch

Omotoso beherrscht die Konventionen des Thrillers, verliert dabei jedoch nie das soziale Gefüge aus dem Blick. Immer wieder kehrt der Film in die Straßen von Makoko zurück, einem riesigen Armenviertel, das vom Rest der Metropole Lagos abgeschnitten ist.

Auch Vergebung ist ein Privileg, das nur wenigen vorbehalten ist. Nüchtern seziert Omotoso in gut 70 Minuten sein Land. Man könnte den Regisseur bereits als eine Art Urgestein der nigerianische Filmindustrie bezeichnen.

Sawadogo beobachtet seit einigen Jahren aber auch eine junge Generation von Filmemacherinnen und Filmemachern, die den Begriff des Politischen sehr konkret auffassen. Ihnen will er mit den nächsten vier Ausgaben von Afrikamera eine Plattform bieten. Dem in Berlin lebenden Lemohang Jeremiah Mosese etwa mit seinem epischen Heimatfilm „This Is Not a Burial, It’s a Resurrection“ über ein Dammbauprojekt in Lesotho.

Oder der in Kanada aufgewachsenen Tamara Mariam Dawits, die im Dokumentarfilm „Finding Sally“ ihrer Tante nachspürt, der Tochter eines hohen äthiopischen Diplomaten, die nach dem Sturz Haile Selassies Mitte der Siebziger der Äthiopischen Revolutionären Volkspartei beitrat und für immer verschwand. Auch aus der Familiengeschichte.

Der Abstand zum eigenen Land ist wichtig

Sawadogo ist seit Oktober auch der Leiter des panafrikanischen Filmfestivals FESPACO in Ouagadougou, der wichtigsten Plattform für das vielfältige Kino im Subsahara-Raum. Momentan kann niemand sagen, ob das zweijährliche Festival 2021 überhaupt stattfindet, aber für Sawadogo ist die Achse Berlin-Ouagadougou von strategischer Bedeutung.

„Der Abstand zum eigenen Land ist für viele Künstler heute wichtig. Diese junge Generation von Filmemacherinnen und Filmemachern ist viel in Bewegung und sieht darin auch einen Teil ihrer Selbstverwirklichung.“ Diese doppelte Perspektive, von innen und außen, hat das afrikanische Kino in den vergangenen Jahren radikal politisiert.

In „Nardjes A.“ begleitet der brasilianisch-algerische Filmemacher Karim Aïnouz seine Protagonistin auf dem Höhepunkt der „Revolution of Smile“ 24 Stunden lang durch die Straßen von Algier.

Netflix hat Afrika als Zukunftsmarkt entdeckt

Diese Offenheit und Verve möchte Sawadogo auch beim immer ein wenig verschlossenen FESPACO etablieren. „Ein starkes professionelles und internationales Festival muss zurück und nach vorne blicken.“

Er wagt noch keine Prognose, welche Folgen die Pandemie für afrikanische Filmemacherinnen und Filmemacher hat, die – anders als in Europa – nicht auf staatliche Hilfen hoffen können.

Auch darum sei es wichtig, so Sawadogo, die Kooperation mit nicht-afrikanischen Partnern zu fördern. Nicht zufällig hat Netflix schon vor Jahren in Afrika einen Zukunftsmarkt erkannt.