„Da kommt noch mehr”

Es hat in diesem Herbst einige gute Nachrichten für Javairo Dilrosun gegeben. Der Offensivspieler von Hertha BSC ist zwei Mal für die holländische Fußball-Nationalmannschaft berufen worden. Okay, Dilrosun hat es beide Male nur in das vorläufige Aufgebot geschafft. Aber dass er überhaupt zu den 35, 40 besten Fußballern eines an guten Fußballern nicht armen Landes gehört, dürfte Javairo Dilrosun mit Freude zur Kenntnis genommen haben.

Bei seinem Verein ist dem 22-Jährigen eine solche Wertschätzung zuletzt eher selten zuteil geworden. Bis zum vergangenen Freitag, um genau zu sein. Da hat Dilrosun, zur Pause eingewechselt, entscheidend dazu beigetragen, dass Hertha das Derby gegen den 1. FC Union mit 3:1 für sich entscheiden konnte. „Er hat gezeigt, dass er in der Lage ist, der Mannschaft zuhelfen“, sagt Herthas Manager Michael Preetz.

Dilrosun brachte Entschlossenheit und Zielstrebigkeit in das träge Spiel seiner Mannschaft. Er besetzte konsequent den linken Flügel, versetzte Unions Abwehr mit seinen Dribblings in Bewegung, schuf Räume, die es vorher nicht gegeben hatte, und bereitete die beiden Tore des ebenfalls eingewechselten Mittelstürmers Krzysztof Piatek vor. „Wir haben wenige Spieler, die so stark im Eins-gegen-eins sind und so ein Tempo haben“, sagt Herthas Trainer Bruno Labbadia über Dilrosun.

Bekannt ist das schon länger. Trotzdem mussten und müssen Herthas Trainer von Pal Dardai bis Bruno Labbadia immer mal wieder an Dilrosuns besondere Fertigkeiten erinnern. Es liegt daran, dass sie insgesamt viel selten zu sehen waren, seitdem der Holländer im Sommer 2018 für ein besseres Trinkgeld aus der zweiten Mannschaft von Manchester City nach Berlin gekommen ist. „Es war an der Zeit, dass er mal gezeigt hat, was er kann“, hat auch Labbadia nach dem Derby gesagt.

Dilrosun versucht, zu seinem alten Leistungsstand zurückzufinden

Dilrosun ist bei Hertha wie eine Rakete in den Himmel geschossen. Zu Beginn der Saison 2018/19 war er eine der großen Entdeckungen der Bundesliga. Ein paar Spiele reichten ihm, um es sogar in die holländische Nationalmannschaft zu schaffen. Doch irgendwann ist die Rakete von ihrer Umlaufbahn abgekommen. Das hat auch etwas mit Dilrosuns Körper zu tun und seinem Länderspieldebüt im November 2018. Kurz nach seiner Einwechslung verletzte er sich, in der Folge fiel er monatelang aus, und seitdem versucht sich Dilrosun immer wieder daran, zu seinem alten Leistungsstand zurückzufinden. „Seitdem wir hier sind, hatte er extrem viele Ausfallzeiten“, sagt Labbadia, „dadurch ist er nie so richtig in den Rhythmus gekommen.“

Anfang Oktober musste Dilrosun – was bisher nicht bekannt war – auch noch für zwei Wochen in Quarantäne, weil seine Freundin sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. In den 85 Pflichtspielen, die Hertha seit seinem Wechsel nach Berlin bestritten hat, lief Dilrosun nur 25 Mal von Anfang an auf; in 30 Spielen, also mehr als jedem dritten, schaffte er es hingegen nicht in den Kader. Unter Labbadia stand er sogar nur in der Hälfte aller 20 Begegnungen (zwei Mal Startelf, acht Mal eingewechselt) auf dem Platz.

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Auch wenn es zuletzt anders ausgesehen haben sollte, weil Dilrosun ein wenig in Vergessenheit geraten war: Bruno Labbadia hat ihn keineswegs abgeschrieben. In der Woche vor dem Derby hat Herthas Trainer sehr viel mit ihm gesprochen, ihm klar gemacht, was er von ihm sehen will, dass er sich aktiver einbringen muss ins Spiel seiner Mannschaft. Denn: „Wenn er aktiver ist, hat er eine sehr gute Qualität, die uns weiterhilft. Die brauchen wir auch unbedingt.“ Labbadia hofft jetzt, „dass die Halbzeit gegen Union ein Signal für ihn war: Hey, pass auf, jetzt bist du dran, wenn du die Chance packst.“

Dieses Mal nicht dabei: Hertha-Trainer Labbadia sucht noch einen Ersatz für den gelbgesperrten Matheus Cunha. Dilrosun sei…Foto: AFP/ Odd Andersen

„Er ist jemand, der auch andere Positionen spielen kann“

Die Wahrscheinlichkeit, dass Dilrosun an diesem Samstag im Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach (15.30 Uhr, live bei Sky) erstmals in dieser Saison in Herthas Startelf stehen wird, ist relativ groß. Nicht nur, weil er sich durch seinen Auftritt im Derby für weitere Einsätze empfohlen hat, sondern auch weil Labbadia noch einen Ersatz für den gelbgesperrten Matheus Cunha sucht. „Jav ist definitiv einer der Kandidaten“, sagt Herthas Trainer.

Labbadia hat auch Daishawn Redan, Jessic Ngankam und Mathew Leckie ins Spiel gebracht. Doch vieles spricht für Dilrosun, selbst wenn dies eine Systemänderung zu einem 4-3-3 zur Folge hätte. „Er ist jemand, der auch andere Positionen spielen kann“, sagt Labbadia über Dilrosun, der bei Hertha bisher vor allem als klassischer Außenstürmer zum Einsatz gekommen ist. „Viele wissen gar nicht, dass er in der Jugend viel auf der Acht und auf der Zehn gespielt hat.“

Was Labbadia sich als Effekt des Derbysieges für die Mannschaft im Allgemeinen erhofft, das erhofft er sich auch für Javairo Dilrosun im Speziellen: mehr Selbstvertrauen und neuen Schwung für die letzten Wochen des Jahres, die Dilrosun als besonders wichtig erachtet. Insgeheim rechnet er sich noch Chancen aus, es bei der EM im kommenden Sommer in den Kader der holländischen Nationalmannschaft zu schaffen. Dafür aber braucht er mehr Einsätze im Klub.

Ende des Jahres wolle er seine Situation analysieren, hat Dilrosun vor kurzem dem Fachmagazin „Voetbal International“ gesagt. „Wenn die nächste Transferperiode beginnt und ich immer noch wenig Spielzeit erhalte, muss ich mich vielleicht umschauen. Aber im Moment habe ich noch volles Vertrauen, dass ich meine Chance in Deutschland bekommen werde.“ Auch Manager Preetz sagt, dass ein möglicher Vereinswechsel bisher kein Thema gewesen sei. Der Auftritt im Derby könnte ein erster Schritt gewesen sein. Auf seinem Instagram-Account hat Javairo Dilrosun ein Foto aus dem Spiel gegen Union gepostet und dazu geschrieben: „More to come.“ Da kommt noch mehr.